Ein Passwort wird per E-Mail an Sie geschickt

DER DISORDER – Der außerordentliche Clubkommentar

2. Fußball-Bundesliga 2015/2016
[Donnerstag, 30.07.2015] Martin Bader räumt seinen Posten zum 30. September 2015

Jetzt ist es also Realität geworden, was die meisten Clubfans sich bereits seit Wochen, ja Monaten, wünschten: Martin Bader nimmt seinen Hut!
Er tut dies sehr langsam und mit aller gebotenen Sorgfalt erst zum 30. September 2015, so dass ein Nachfolger zunächst gefunden und dann in aller Ruhe eingearbeitet werden kann. Man hätte dem Sportvorstand nicht übel nehmen können, wenn er sofort hingeworfen hätte… Und natürlich wird der Abschied begleitet von den üblichen Floskeln. Martin Bader wird den Club für immer in seinem Herzen tragen und Aufsichtsrat Thomas Grethlein wird Martin Bader für immer in seinem Herzen tragen. So schön, so gut – man könnte mal wieder meinen, dass nun alle mit einer Träne im Knopfloch leise Abschied winken.
Martin Bader hat ohne Zweifel über viele Jahre sehr gute Arbeit in Nürnberg geleistet. Er hat aus einer Fahrstuhlmannschaft einen Pokalsieger gemacht, hat die Infrastruktur eines Trümmervereins zumindest annähernd in Richtung Bundesliga-Niveau gehoben und den 1. Fußball-Club Nürnberg zumindest zwischenzeitlich zu einem etablierten Bundesligisten gemacht, dem es mehrere Jahre gelang, den Klassenerhalt bereits mehrere Spieltage vor Schluss zu feiern. Das Problem bei all diesen Dingen: Sie liegen mitunter mehrere Jahre zurück. Eine Rückkehr zum zwischenzeitlich erreichten Status Quo scheint in weiter Ferne.
Irgendwann vor ein paar Jahren hat den Sportvorstand das Glück verlassen und wer sich mit der jüngeren Geschichte des Clubs ein wenig beschäftigt, dem wird schnell der Name Dieter Hecking einfallen. Der Polizist aus Garbsen schien über Jahre genau das Gegengewicht im Verein, das Martin Bader brauchte. Sportliche Kompetenz mit dem nötigen Durchsetzungswillen – all das beweist Hecking seit nunmehr drei Jahren auch in Wolfsburg.
Mit der Ausstiegsklausel des Trainers hatte sich Bader also ins eigene Bein geschossen. Kaum war Hecking gen VW-Dorf aufgebrochen, brach beim 1. FC Nürnberg ein Stein nach dem anderen aus dem Fundament und Martin Bader blieb den Beweis schuldig, das Bröckeln aufhalten zu können. Im Gegenteil: Auf jede Fehlentscheidung folgte eine noch viel schwerwiegendere Fehlentscheidung. Das fing mit dem Vertrauen für Michael Wiesinger für eine zweite Saison an und hört im Grunde nun mit dem Zeitpunkt des eigenen Rücktritts auf.
Bei allem, was Martin Bader zwischenzeitlich für den 1. FC Nürnberg getan hat, einen Vorwurf muss sich der Hechinger im Zusammenhang mit seinem Job im Frankenland machen lassen: Er hat den richtigen Zeitpunkt für den Abschied verpasst. Fußball ist ein Abnutzungsgeschäft und nur ganz wenige Koryphäen schaffen es, an ein und demselben Ort über viele Jahrzehnte durchgehend gute Arbeit zu leisten. Martin Bader mag große Ziele gehabt haben – eine Koryphäe ist er mit Sicherheit nicht. Und genau deshalb hätte dieser Rücktritt im Grunde bereits letztes Jahr stattfinden müssen. Valérien Ismaël mag kein überragender Trainer sein – die alleinige Schuld am Grottenkader der letzten Saison trägt er nicht und spätestens mit seiner Demission hatte auch Martin Bader in Nürnberg jeden Kredit verspielt. Es wäre an ihm gewesen, spätestens mit Ende der vergangenen Saison seinen Hut zu nehmen, um den Weg für eine ordentliche Vorbereitung auf die Saison 2015/2016 frei zu machen. So geschieht der Übergang nun kurz nach Saisonbeginn zu einem mehr als unglücklichen Zeitpunkt. Zwei Monate nach Saisonbeginn wird es für den Nachfolger zu spät sein, die Weichen noch einmal neu zu stellen. Man wird sich in den Winter flüchten und den großen Umbruch – wenn kein Wintermärchen geschieht – in den Sommer verschieben – sprich: Man wird im Sommer 2016 in etwa da stehen, wo man in diesem Sommer auch schon steht.
Martin Bader hat nicht erst seit gestern an seinem Stuhl geklebt. Durch das Hinauszögern des notwendigen Schrittes bis in die neue Saison, hat der Sportvorstand seinem so geliebten Club einen Bärendienst erwiesen, denn im Grunde hat man durch die Wochen, die der Rücktritt nun zu spät kommt, ein ganzes Jahr (sprich: eine ganze Saison) verschenkt. Bleibt zu hoffen, dass Wolfgang Wolf schnellstmöglich mal in sich geht und sich fragt, wie viel Zeit er dem Club denn eigentlich noch stehlen will.

Foto: 1. FC Nürnberg