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Der Erfolg frisst seine eigenen Kinder. Noch vor zwei Jahren war der SV Darmstadt 98 sportlich aus der Dritten Liga abgestiegen und verblieb schließlich nur, weil der direkte Konkurrent aus Offenbach für die folgende Saison keine Lizenz erhalten hatte. Ein Jahr später schaffte man über den Umweg der Relegation den Aufstieg in die Zweite Liga und steht nach dem Durchmarsch nun dort, wo man Ende der 1970er Jahre und Anfang der 1980er schon jeweils für ein Jahr stand: In der Belle Etage des deutschen Fußballs. Dass es in den bisherigen Bundesliga-Gastspielen für die Hessen stets nach nur einem Jahr direkt wieder nach unten ging, ficht in Darmstadt niemanden mehr an. Das ist schließlich über 30 Jahre her.

Kult: Böllenfalltor

Schon damals Kult war das Böllenfalltor, das Stadion des SV Darmstadt 98. Zwar konnte man von insgesamt 34 Heimspielen in den beiden Bundesliga-Spielzeiten gerade mal zehn Partien gewinnen (also nicht mal jede Dritte), doch ähnlich wie bei der Grothenburg-Kampfbahn in Uerdingen war es vor allem der Name, der den Fans gefiel. Böllenfalltor, das klingt doch irgendwie nach Falltür. Du läufst über den grünen Rasen und plötzlich verschlingen Dich die Mächte der Unterwelt.
So oder so ähnlich wird sich wahrscheinlich auch der ein oder andere Zweitligaspieler in der letzten Saison gefühlt haben. Obwohl die Darmstädter gerade erst in die zweithöchste deutsche Spielklasse aufgestiegen waren, gab es nur wenige Mittel im Böllenfalltor zum Torerfolg zu kommen. Ganze zehn Gegentore gab es für die Lilien in der vergangenen Saison auf eigenem Geläuf, was umso bemerkenswerter ist, wenn man berücksichtigt, dass es es bei der einzigen Heimniederlage der Saison gegen Fortuna Düsseldorf allein schon vier Gegentreffer waren. Insgesamt blieben die Aufsteiger in zwölf von 17 Heimspielen der Saison 2014/2015 ohne Gegentor.

Grenzenloser Jubel

Das Resultat am Ende der Spielzeit ist bekannt. Grenzenloser Jubel in der 150.000-Einwohner-Stadt irgendwo südlich des Dreiecks Frankfurt, Mainz, Wiesbaden. Genau daran lag jedoch über die vielen Jahre des Dornröschenschlafs das Problem der Lilien. Noch im Jahr des ersten Zweitliga-Abstiegs im Jahr 1993 galten die 98er hinter der großen Eintracht aus Frankfurt als so etwas wie die Nummer zwei in der Rhein-Main-Region. Eine zweite Position, um die man sich mitunter noch mit dem Kickers aus Offenbach stritt und natürlich schaute man in Sachen Zuschauergunst auch immer wieder in den Süden Richtung Waldhof Mannheim, doch einen aufstrebenden Verein wie den FSV Mainz 05 hatte damals noch niemand auf der Rechnung – vom FSV Frankfurt oder gar dem SV Wehen-Wiesbaden ganz zu schweigen. Umso schlimmer für Darmstädter, dass diese Vereine in den kommenden Jahren quasi im Renntempo rechts vorbei zogen, während man selbst nach der Jahrtausendwende insgesamt fünf Jahre sogar nur viertklassig spielte. Ein Zurückfallen, von dem sich der Verein mit seinen maroden Strukturen viele Jahre nicht erholen konnte.

Auf der Überholspur

Nun hat man in Darmstadt jedoch fast in Manier eines Überrollkommandos zurückgeschlagen. Die Offenbacher Kickers dümpeln in Liga vier und haben im zweiten Jahr nacheinander den Aufstieg in die Drittklassigkeit nicht geschafft. Das künstliche Konstrukt aus Wehen und Wiesbaden kann diese Drittklassigkeit seit dem Zweitligaabstieg zwar halten, Ambitionen in Richtung Aufstieg sind in den letzten Jahren jedoch stets genauso schnell wieder verpufft wie sie kamen. In der letzten Saison überholte man dann mal eben den FSV aus Frankfurt und misst sich nun in der kommenden Saison mit dem anderen FSV, dem aus Mainz. So viel Erfolg in kurzer Zeit ruft natürlich auch die Öffentlichkeit auf den Plan und die Macher beim SV Darmstadt 98 wären schlecht beraten, die Gunst der Stunde nicht zu nutzen.

Ein erstes Opfer des Erfolges

Erstes Opfer des Erfolges: Das Böllenfalltor. Auf einer Informationsveranstaltung Anfang dieser Woche wurde in Darmstadt die Pläne für das neue Stadion der 98er vorgestellt. Ab 2016 soll am jetzigen Standort des Stadion Tribüne für Tribüne neu gebaut werden – bei laufendem Spielbetrieb. Nach Abschluss der Bauarbeiten wird vom heutigen Old-School-Stadion nicht mehr viel übrig sein. 19.350 Zuschauer soll das neue Stadion dann fassen, davon rund 1.200 sogenannte Businessplätze. Zwar soll das Stadion auch nach dem Umbau noch über 7.200 Stehplätze verfügen (was einem Anteil von 45 Prozent entspricht, womit man im bezahlten Fußball recht weit vorne liegt), dem Wunsch vieler Fans nach einer sogenannten Zwei-Rang-Lösung ist man bei den Planungsvorgaben jedoch nicht nachgekommen. Maßgeblich zur Stimmung bei den Heimspielen der Lilien hat die Tatsache beigetragen, dass am Böllenfalltor auch die komplette Gegengerade aus Stehplätzen bestand. Dies ist im umgebauten Stadion nun nicht mehr vorgesehen. Auch dem Vorschlag, im unteren Teil der Tribüne die Stehplätze zu erhalten und nur den oberen Teil in Sitzplätze umzuwandeln, wurde nicht nachgekommen.

Sympathie für den Traditionsklub

Baubeginn soll in Darmstadt im ersten Halbjahr 2016 sein. Und auch oder gerade, weil man eventuell Sympathie für den Traditionsklub empfindet, muss man schon fast hoffen, dass der Aufsteiger zu diesem Zeitpunkt längst wieder auf dem sicheren Weg zurück in Liga zwei ist. Anders wird es wohl kaum zur Vernunft kommen und man verbaut sich in Darmstadt das einzige, was man auch in der Viertklassigkeit immer hatte: Stimmung!