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DER DISORDER – Der Clubspielberichtkommentar

Fußball-Bundesliga 2013/2014, 8. Spieltag
[Sonntag, 06.10.2013] 1.FC Nürnberg – Hamburger SV 0:5 (0:1)

Tja, da sitzt man nun also und sucht nach Worten, nach Erklärungen, vielleicht sogar nach Rechtfertigungen. Man sucht nach dem Strohhalm, dem rettenden Ufer der Hoffnung, dem Licht am Ende des Tunnels, das eine gute Zukunft verspricht. Gleichzeitig schaut man in Gesichter, die mindestens ebenso suchen, die in den letzten Wochen immer wieder beschwichtigt haben, die zumindest den Eindruck gemacht haben, sie wüssten, was sie tun. Gesichter, die entsetzt ins Leere schauen, seit Mai auf einen Pflichtspielsieg warten und die an diesem trostlosen Sonntag einsehen mussten, dass den Parolen in Interviews viel zu selten Taten auf dem Platz folgten.
So viel hatte man sich vorgenommen, wollte direkt an die Leistung der zweiten Halbzeit des Werder-Spiels anknüpfen und endete nach 90 Minuten doch nur wieder bei der Erkenntnis, dass schöne, gut gemeinte und auch kämpferische Worte rein gar nichts bringen, wenn  auf dem grünen Rasen dann nur der Offenbarungseid folgt.
Der 1. FC Nürnberg der Saison 2013/2014 liegt nach acht Spieltagen am Boden, gedemütigt von einem mittelmäßigen Hamburger Sportverein, der vor dem Gastspiel in Franken vor allem dadurch aufgefallen war, dass er selbst viele Gegentore zuließ. 19 waren es an der Zahl, in sieben Spielen, davon fünf zu Hause gegen Hoffenheim und sechs beim Gastspiel in Dortmund. An diesem schwarzen Sonntag im Oktober hat der Dinosaurier der Liga den Spieß umgedreht, hat dem 1. FC Nürnberg unter Trainer Michael Wiesinger in aller Deutlichkeit gezeigt, wo man im Frankenland wirklich steht – nämlich ziemlich weit unten. Hat die Mannschaft in rot-schwarz bei den letzten beiden Auftritten Kampfkraft und Moral gezeigt, fehlte es an diesem grauen Herbsttag an allem, was erfolgreichen Fußball ausmacht.
Fassungslos schüttelt man als Clubfan den Kopf und fragt sich, wie es zu einer solchen Katastrophe kommen konnte. Die Trainerdiskussion erreicht nun auch den letzten Wiesinger-Befürworter und selbst die, die von einer positiven Wirkung eines Übungsleiterwechsels alles andere als überzeugt sind, fragen sich inzwischen: Ist es nicht das letzte Mittel, das dem Club nun noch bleibt?
Es soll an dieser Stelle aus Pietätsgründen gar nicht weiter auf das Spiel eingegangen werden. Der Chronistenpflicht sei geschuldet, dass an dieser Stelle erwähnt wird, dass Rafael van der Vart in der 17. Minute das Führungstor für die Gäste erzielte und Pierre-Michael Lassoga in der zweiten Halbzeit durch drei Treffer in der 59., 63. und 67. Minute einen der schnellsten Hattricks der Bundesliga-Geschichte folgen ließ. Tolgay Arslan freute sich in der 74. Minute über seinen Treffer zum 0:5.
An einem Wochenende, an dem die gesamte Club-Welt auf den ersten Saisonsieg gewartet hat und an dem selbst Eintracht Braunschweig gezeigt hat, wie man in der Bundesliga Spiele gewinnt, wählte FCN-Coach Michael Wiesinger nach dem Spiel eine Taktik, die er sich offensichtlich bei seinem Kollegen Torsten Lieberknecht abgeschaut hat. Die Rücktrittsgerüchte des Braunschweiger Trainers nach dem Debakel gegen Stuttgart vor Wochenfrist verfehlten ihre Wirkung nicht und mündeten beim Tabellenletzten am Samstag im Auswärtssieg beim VfL Wolfsburg. Michael Wiesinger präsentierte nach dem Abpfiff eine ähnliche Wortwahl: „Ich muss jetzt auch für mich mal nachdenken. Ich hinterfrage mich auch selbst. Es geht nicht um mich, der Club muss in die Spur kommen. Das Spiel heute war brutal emotional für mich.“ Angesprochen auf die Fans, die seinen Rauswurf fordern, antwortete Wiesinger: „Ich kann sie verstehen, momentan habe ich keine Argumente.“
Spätestens am Montag wird man beim Club nun beginnen, die Scherben des Sonntags zusammenzukehren. Zwei Auswärtsspiele in Frankfurt und in Stuttgart vor der Nase, danach kommt Angstgegner Freiburg nach Nürnberg. Da darf die Frage schon einmal gestellt werden, ob es November oder Dezember wird, ehe endlich der erste Sieg der laufenden Spielzeit eingefahren wird. Und es darf die Frage gestellt werden, ob man – ähnlich wie in der letzten Abstiegssaison – wieder endlose Geduld an den Tag legen will, weil man ja eigentlich viel zu stark ist, um abzusteigen. Doch ein Trainer, dem die Argumente fehlen, Spieler, die sich Blackouts leisten für die man in der Kreisklasse wegen Unfähigkeit ausgewechselt wird und eine Mannschaft, die sämtliche Energie ihrer Kämpfermoral in den letzten beiden Spielen aufgebraucht zu haben scheint: Die Aussichten in Nürnberg waren schon mal rosiger und Sportchef Martin Bader wird sich noch nie so sehr über eine Länderspielpause gefreut haben, wie dieses Mal – hat er durch die Pause am kommenden Wochenende schließlich zwei Wochen Zeit, um einen Nachfolger für Michael Wiesinger zu suchen.