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DER DISORDER – Der Clubspielberichtkommentar

Fußball-Bundesliga 2013/2014, 1. Spieltag
[Samstag, 10.08.2013] TSG Hoffenheim – 1.FC Nürnberg 2:2 (1:0)

Im Grunde ist der Club ja selbst schuld… Hätte man Ende April das Spiel in Hoffenheim nicht so gnadenlos abgeschenkt, man hätte sich die erneute Fahrt in den Kraichgau zum Saisonauftakt 2013/2014 schenken können. Die TSG würde in der neuen Spielzeit in der zweiten Bundesliga kicken und als Clubfan hätte man sich auf ein schönes Auswärtsspiel irgendwo bei einem definitiv attraktiveren Gegner freuen dürfen. Denn ganz unabhängig davon, wie man zu dem künstlich gepushten Bundesligisten eines Dietmar Hopp auch stehen mag, war man sich vor dem Spiel doch einig, dass es leichtere Auftaktspiele gibt, als das bei der TSG. Eine ähnliche Horrorsaison wie im letzten Jahr werden die Hoffenheimer nicht noch einmal hinlegen und schaut man auf das Potential der Mannschaft von Markus Gisdol wird man bei nüchterner Analyse zu dem Schluss kommen, dass die Software-Kicker am Ende der Saison in der Tabelle vor dem Club stehen werden. Hinzu kam das ärgerliche Ausscheiden des Clubs im Pokal vor Wochenfrist – die Aussichten auf einen guten Saisonstart sahen nicht unbedingt rosig aus.
Doch wer Clubfan ist, der lebt Liebe, Glaube, Leidenschaft und nüchterne Analysen sind ein Ding der Unmöglichkeit, wenn das Blut rot-schwarz kocht. Also musste allein schon zur Beruhigung der nervösen Kritiker Zählbares her, denn mit einer Auftaktniederlage wäre mit Sicherheit schon zu Beginn der neuen Saison Unruhe im Umfeld aufgekommen.
Dementsprechend zog Michael Wiesinger seine Konsequenzen aus dem Spiel in Sandhausen und baute seine Startelf um, indem er den unglücklichen Timothy Chandler aus der Mannschaft holte, dafür Markus Feulner hinten rechts in die Viererkette stellte und den jungen Niklas Stark neben Hanno Balitsch im Mittelfeld auflaufen ließ. Das Schöne daran: Die Umstellungen schienen zunächst zu fruchten. Der Club ging aggressiv und zielstrebig zur Sache und ließ den Gastgebern in den ersten zehn Minuten kaum Platz zur Entfaltung. Umso größer der Schock, als Kevin Volland in der zehnten Minute nach Stellungsfehlern in der Nürnberger Hintermannschaft nach einem Lupfer aus dem Mittelfeld plötzlich völlig frei vor FCN-Keeper Raphael Schäfer auftauchte. Mindestens genauso groß wie der Schock, war die Erleichterung, als der TSG-Stürmer den Ball knapp am Nürnberger Gehäuse vorbei schob.
Auf der anderen Seite zeigte Neuzugang Daniel Ginczek, warum man ihn aus St. Pauli geholt hat: Aufgeben ist das Ding des 22-Jährigen nicht und so wühlte sich der Stürmer in der 18. Minute durch die gesamte Hoffenheimer Hintermannschaft, hatte im Abschluss jedoch Pech, als er nach einem Pressschlag mit Hoffenheim-Keeper Koen Casteels nur den Pfosten traf.
Mit zunehmender Spieldauer wurden die Gastgeber dann jedoch stärker – was auch daran lag, dass der Club schwächer wurde, Pässe nicht mehr genau kamen, Zweikämpfe verloren wurden und die Hintermannschaft einen alles andere als sicheren Eindruck machte. Die Konsequenz war die Hoffenheimer Führung in der 34. Minute. Hatte Raphael Schäfer nur eine Minute vorher nach einem Eckball noch in höchster Not klären können, war der Keeper beim zweiten Eckball in kurzer Folge machtlos. Die gefühlt halbe Nürnberger Mannschaft sah im eigenen Fünf-Meter-Raum zu, wie Innenverteidiger David Abraham die Flanke mit dem Kopf im FCN-Kasten unterbrachte.
In den zehn Minuten bis zur Pause hatte der Club dann gleich in doppelter Hinsicht Glück: Zum einen, dass die Gastgeber es versäumten, aus ihrer nun klaren Überlegenheit, Kapital zu schlagen – zum anderen, dass Schiedsrichter Thorsten Kinhöfer unmittelbar vor dem Pausenpfiff einen regulären Treffer der Hoffenheimer nicht sah. Volland hatte den Ball aus spitzem Winkel über Schäfer gelupft, das Leder sprang eindeutig hinter der Torlinie auf, hatte jedoch einen solchen Drall, dass es sich wieder aus dem Tor drehte.
Ein 2:0 so kurz vor der Pause wäre für den FCN wahrscheinlich der sportliche Genickbruch gewesen – und auch, als der zweite Hoffenheimer Treffer nach dem Seitenwechsel dann in der 51. Minute fiel, konnte man sich gegen den Eindruck des Genickbruches nur schwer wehren. Anthony Modeste hatte nach schöner Ballstafette wenig Mühe, den Ball völlig freistehend aus kurzer Distanz ins Nürnberger Gehäuse zu hämmern.
Drei Minuten später dann die doch etwas überraschende Wiederauferstehung der Gäste: Mit der klaren Führung im Rücken fehlten bei Hoffenheim plötzlich die entscheidenden Prozente und so konnte Markus Feulner sich auf der rechten Angriffsseite durchsetzen, fast bis zur Grundlinie durchziehen und von dort flanken. Der zur Pause mit Josip Drmic eingewechselte Mike Frantz (die beiden kamen für Robert Mak und Timo Gebhart) stand goldrichtig und nickte den Ball in der 54. Minute zum Anschluss ins Hoffenheimer Tor. Und es kam noch besser für den Club, denn wieder nur drei Minuten später legte Drmic für Ginczek perfekt auf und nach einem Schuss ins lange Eck stand es nach 57 Minuten plötzlich 2:2.
Hoffenheim präsentierte sich in den Folgeminuten dementsprechend verunsichert und der Club versuchte den Rückenwind zu nutzen, um das Spiel vollständig zu drehen. Drmic hatte dazu in der 59. Minute die beste Gelegenheit, verzog jedoch knapp. Hoffenheim brauchte bis zur 75. Minute, ehe es sich erholt hatte, meldete sich dann jedoch mit einem Schuss an den Außenpfosten durch Volland zurück im Spiel. Es folgte eine Viertelstunde offener Schlagabtausch, bei dem das Pendel in beide Richtungen hätte ausschlagen können. Die größte Chance das Spiel noch zu entscheiden hatte in der zweiten Minute der Nachspielzeit dann noch Drmic. Nach einem Eckball der Hoffenheimer startete der Club einen letzten Konter, doch statt selbst den Abschluss zu suchen, versuchte es der Schweizer Youngster mit einem Pass, der letztlich am Fuß eines Hoffenheimer Abwehrspielers landete.
Am Ende blieb es bei einer gerechten Punkteteilung und die Steine, die den Club-Verantwortlichen vom Herzen fielen, konnte man noch in Berlin bestens fallen hören. Natürlich hätte man als Clubfan einen Auswärtssieg sehr viel lieber gesehen und so eine Heimpleite zu Saisonbeginn hätte bei den Gastgebern ja auch vielleicht wieder die Mechanismen in Gang gebracht, die letztlich Hauptbestandteil der letztjährigen Horrorsaison gewesen sind – und wer, außer Dietmar Hopp, wünscht den Kraichgauern nicht von Herzen einen 17. oder 18. Tabellenplatz am Ende der Saison? Selbst die Anhänger der TSG haben es inzwischen erkannt und forderten gestern vor dem Spiel in einer choreographieähnlichen Fahnenaktion: „Zurück zu den Wurzeln“. Ja bitte, gerne! Diese Wurzeln liegen in Hoffenheim doch irgendwo in der sechsten oder siebten Liga, oder nicht?
Der Club und seine Fans haben das Glück, Hoffenheim für diese Saison nun hinter sich zu haben – können jetzt also anfangen, auch Fahrten in die Fremde zu genießen. Auf den Weg in die Fremde macht sich nächstes Wochenende auch ein ganzer Tross aus der Hauptstadt – allerdings größtenteils in blau-weiß gekleidet, also in den falschen Farben. Die Hertha hat nach ihrem zweiten Aufstieg in drei Jahren einen fulminanten Start in die neue Saison hingelegt und die Frankfurter Eintracht mit 6:1 aus dem Stadion gefegt. Doch wie sagte Hertha-Kapitän Fabian Lustenberger nach dem Spiel so passend: „Wenn wir nächste Woche in Nürnberg 1:6 auf den Sack kriegen, interessiert das Spiel gegen Frankfurt niemanden mehr.“