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DER DISORDER – Der Clubspielberichtkommentar

Fußball-Bundesliga 2012/2013, 32. Spieltag
[Samstag, 04.05.2013] 1.FC Nürnberg – Bayer Leverkusen 0:2 (0:1)

Es kann schon traurig machen, wenn das Sinnbild eines verkorksten Spiels gegen Bayer Leverkusen ausgerechnet der in dieser Saison so oft für seine Standards gefeierte Hiroshi Kiyotake ist. Etwa zehn Minuten vor Spielschluss trottete der Japaner derart lustlos in Richtung Eckfahne, das man hätte meinen können, der Club führe bereits mit fünf Toren Vorsprung und wäre auf die Ausführung der mitunter stärksten Waffe im Clubberer Angriffsspiel gar nicht mehr angewiesen. Zu diesem Zeitpunkt lag der FCN jedoch mit zwei Toren in Rückstand und hätte die Geschichte bei einem Anschlusstreffer vielleicht noch einmal spannend machen können – woran Hiroshi Kiyotake und auch seine Mannschaftskollegen jedoch offensichtlich nicht mehr glaubten. Vielmehr schien man das Spiel bereits abgeschenkt zu haben und sich der drohenden vierten Niederlage in Folge fügen zu wollen. Eine Einstellung, die selbstverständlich bei einem Großteil der rund 40.000 anwesenden Zuschauer wenig gut ankam – konnte das Verhältnis zwischen Mannschaft und Fans doch schon vor dem Spiel als durchaus angespannt bezeichnet werden. Nach der Derbyniederlage vor drei Wochen gegen F**** war viel diskutiert worden: über den Stimmungsboykott in Hoffenheim, über eine „Eskalation des Hasses“, der von Seiten des Vereins nicht geduldet werden kann, darüber, wer nun ein „echter“ Clubfan sei und wer nicht und auch darüber, dass zumindest das Relegationsspiel-Gespenst nun plötzlich auch den FCN wieder auf seiner Liste hatte.
Seit gestern wissen wir nun, dass alle Gespenster dieser Welt zumindest in dieser Saison den Weg ins Frankenland nicht mehr finden werden. Durch die Niederlage unseres nächsten Gegners Fortuna Düsseldorf in Frankfurt, ist der Nichtabstieg 2013 drei Spieltage vor Saisonende unter Dach und Fach – eine Tatsache, die noch vor gar nicht allzu langer Zeit zu wahren Jubelstürmen und bierseligen Feierlichkeiten geführt hätte. Nach dem Schlusspfiff am Samstag war die Sicherung der Ligazugehörigkeit für die kommende Saison nicht mehr als eine Randnotiz, die von nicht wenigen Stadionbesuchern mit einem Schulterzucken zur Kenntnis genommen wurde, das ähnlich emotionslos ausfiel, wie die Ecken eines Hiroshi Kiyotaki an diesem Nachmittag. Der Club wird die Geister, die er rief, nun nicht mehr los – durch gute Arbeit in den letzten Jahren sind die Ansprüche gestiegen und selbst, wenn man als realistischer Clubfan einsieht, dass das Team von Michael Wiesinger und Armin Reutershahn für einem Gang nach Europa noch nicht geeignet ist, so zahlt man trotzdem auch für die restlichen Spiele der Saison weiterhin Eintritt und möchte dementsprechende Leistungen auf dem grünen Rasen sehen. Leistungen, die einen wissen lassen, warum man nicht nur Fußball-, sondern im speziellen Clubfan ist.
Nun ist die Werkself aus Leverkusen nicht irgendeine Zirkustruppe, die man als 1.FC Nürnberg mal eben im Vorbeigehen schlägt, sondern ein Team, dass durch den 2:0-Erfolg im Frankenland die Qualifikation für die ChampionsLeague in der kommenden Saison geschafft hat. Ein Team, für das es am Samstag noch um ein konkretes Ziel in der Endabrechnung ging und das allein von den finanziellen Mitteln her in ganz anderen Dimensionen als der Club denkt. Ein Team auch, dass dem Club in aller Cleverness die Grenzen aufgezeigt hat, dem wenige Chancen reichten, um für klare Verhältnisse zu sorgen. Ein Team, dass durch einen Kopfball von Ömer Toprak nach einem Eckball (!) in der 26. Minute in Führung gegangen war, dass in der 62. Minute durch einen von Stefan Kießling verwandelten Elfmeter auf 2:0 erhöht hatte und dass es sich dann sogar leisten konnte, auf das großzügige Geschenk eines zweiten Elfmeters durch Verschießen des unkollegialen Sidney Sam praktisch zu verzichten.
Und der Club? Das viel zitierte „mühte sich redlich“ trifft in diesem Falle sicherlich nur auf die zweite Halbzeit zu. Immerhin hätte es hier bei hochkarätigen Chancen von Mike Frantz in der 48. Minute und Robert Mak in der 53. Minute zum zwischenzeitlichen Ausgleich reichen können – und wer weiß schon, wie das Spiel ausgegangen wäre, wenn dieser denn dann auch gefallen wäre. Und wer weiß schon, wie das Spiel ausgegangen wäre, hätte Alexander Esswein bei der einzigen Clubchance in Durchgang eins ein wenig mehr Glück gehabt. Den tückischen Schuss aus der Ferne konnte Bayer-Keeper Bernd Leno nur mit äußerster Mühe noch zu einem Eckball abwehren.
Doch hätte, wäre, wenn hat auch beim Derby schon nicht geholfen und so läuft der FCN nun endgültig Gefahr, sich eine durchaus passable Saison gegen Ende noch zu zerstören. Da kann man noch so gebetsmühlenartig wiederholen, dass man das Minimalziel ja schließlich erreicht habe und man sich die gesamte Saison nicht durch ein verlorenes Spiel an einem Sonntag im April kaputt machen lasse – am Ende sind ansprechende Leistungen in den 90 Minuten, auf die es ankommt, das einzige Mittel, um sich beim Publikum wieder Kredit zu erspielen. Bei aller Diskussion, die in den letzten Wochen herrscht: Die Emotionalität, mit der diese auf allen Seiten geführt wurde, zeigt, dass der FCN auch 113 Jahre nach seiner Gründung noch geliebt und gelebt wird. Menschen reagieren nur bei Dingen, die ihnen im tiefsten Herzen etwas bedeuten, derart emotional – und gerade deshalb sind solche Diskussionen in all ihrer Emotionalität wichtig. Fehler beim Bemühen um Deeskalation sind auf beiden Seiten gemacht worden – sowohl auf Seiten der Vereinsführung und der Mannschaft, als auch auf Seiten der Fans in so manch unbedachter Äußerung oder Handlung.
Doch es ist und bleibt wie bei jeder großen Liebe – man zofft sich, man verträgt sich wieder und nicht selten heilt auch die Zeit viele Wunden. Den Zeitpunkt der Versöhnung mit den eigenen Fans hat die Mannschaft von Michael Wiesinger ganz allein in der Hand: Nicht mehr durch weitere Worte, die nur zur Verlängerung der Diskussion führen, sondern ganz allein durch Taten. So, wie der Ehemann seiner Holden nach einem Streit mitunter einen Strauß schöner Blumen mitbringt, so muss die Mannschaft ihre Anhänger nun durch einen Strauß guter Leistungen wieder auf ihre Seite ziehen. Als Profi-Fußballer wählt man einen Beruf, der neben vielen Privilegien und oft gutem Geld auch das fast tägliche Abrufen von Höchstleistungen erfordert. Wer sich ab und zu nach einem Ruhekissen (und sei es nur in Form erreichter Minimalziele) sehnt, hat als Profi definitiv den Job verfehlt.
In diesem Sinne, der Appell an die Mannschaft und den Verein: Der Worte sind genug gewechselt, lasset in den letzten beiden Wochen in Düsseldorf und gegen Bremen noch einmal Taten sprechen.