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DER DISORDER – Der Clubspielberichtkommentar

Fußball-Bundesliga 2012/2013, 17. Spieltag
[Sonntag, 16.12.2012] Werder Bremen – 1.FC Nürnberg 1:1 (0:0)

Es gibt so Tage, da möchte man einfach nur noch schreien! Ohne Rücksicht auf Verluste! Egal, wer einem begegnet: Er oder sie wird angeschrien! Auch, wenn es einem hinterher leid tut, wenn man sich entschuldigen muss, weil der oder die Angeschriene gar nichts dafür kann, man aber als Clubfan mal wieder seine Ohnmacht und Wut irgendwie los werden muss.
Denn die Betonung liegt in diesem Fall auf den nicht unwesentlichen Worten „mal wieder“! Noch vor zwei Wochen hat der Autor dieser Zeilen von Verständnis gegenüber den Schiedsrichtern geschrieben, die oft im Bruchteil einer Sekunde und unter dem Druck von zigtausend schreiender Kehlen um sich herum, eine Zentimeterentscheidung treffen müssen. Dieses Verständnis hat in der 88. Minute in Bremen sehr stark gelitten. Im zweiten Auswärtsspiel nacheinander verliert der Club Punkte durch eine falsche Schiedsrichterentscheidung und treffender als Dieter Hecking kann man den Frust über den geklauten Auswärtssieg in Bremen nicht ausdrücken: „Die Schiedsrichter bekommen Geld, dann kann man auch erwarten, dass sie richtig pfeifen! Bislang habe ich immer die Schnauze gehalten. Jetzt ist der Punkt erreicht, wo es nicht mehr geht.“
Natürlich kann man in diesem Fall die unzähligen Chancen der Gastgeber anführen, die drei Treffer ans FCN-Aluminium und dass der Club sich vor allem bei einem glänzend aufgelegten Raphael „Magneto“ Schäfer bedanken kann, dass es nicht zur Halbzeit schon zwei oder drei zu null für Werder Bremen gestanden hat. Trotzdem geht die Rechnung am Ende nicht auf. Wie oft hat man sich als Clubfan schon die alte Fußballphrase anhören müssen, dass man Spiele nicht gewinnen kann, wenn man das Tor nicht trifft? Und die Männer von der Weser haben an diesem Abend eben das Tor nicht getroffen – Schluss, Aus, Basta! Ohne die Hilfe von Schiedsrichter Manuel Gräfe und seinem Gespann stände Werder Bremen nach 17 Spielen mit 21 Punkten da, der Club mit 22. Rechnet man dann das Abseitstor von Stefan Kießling vor zwei Wochen noch ab, das zum 1:0 Endstand im Spiel bei Bayer Leverkusen geführt hat, wären es beim FCN momentan sogar 23 Punkte auf der Habenseite. Und bei Allem „hätte, wäre, wenn“ – ab und zu muss man dann seinem Frust auch mal freien Lauf lassen, sonst wird es ungesund!
Und natürlich soll das Lamentieren keineswegs die Leistung von Dieter Hecking und seinen Männern schmälern. Nach durchwachsener Hinrunde und durchaus schwarzen Momenten wie in Hannover und gegen Stuttgart, steht man am Ende der Hinrunde mit 20 Punkten letztlich trotzdem genau im Soll. Die Hälfte der Saisonspiele ist absolviert, die Hälfte der Punkte, die man vor der Spielzeit als Ziel ausgegeben hat, ist erreicht. Zum Relegationsplatz sind es acht Punkte Vorsprung, zum direkten Abstiegsplatz sogar elf Punkte. Letztes Jahr um diese Zeit war die Geschichte definitiv knapper – hat man sich doch erst durch einen überraschenden Auswärtsdreier in Leverkusen die Punkte 16-18 und damit den Nicht-Abstiegsplatz zum Überwintern gesichert. Der Vorsprung auf den Tabellensechzehnten Kaiserslautern betrug kurz vor Weihnachten gerade mal zwei Pünktchen, Augsburg auf einem Abstiegsplatz folgte mit drei Punkten Rückstand. Mit dem Blick nach oben und mit gerade mal sechs Punkten Rückstand auf den EuropaLeague-Platz liest sich das Tableau in diesem Winter definitiv besser.
Zwar mag der Ein oder die Andere nun gleich wieder aufschreien: „EuropaLeague – was soll das denn? Wer denkt denn an so etwas?“ Doch auch hier sei noch einmal an die 23 Punkte erinnert, die weiter vorne in diesem Artikel schon einmal zur Sprache kamen. Geht man dann davon aus, dass der Club auch in der Rückrunde dieser Saison wie schon in den vergangenen zwei Spielzeiten wieder mehr Punkte holt als in der Vorrunde, ist ein Schielen nach oben durchaus erlaubt – immer mit dem Hintergedanken, dass Hochmut vor dem Fall kommt und die Beispiele Frankfurt und Hertha in den letzten beiden Jahren durchaus als warnendes Beispiel gelten dürfen.
Soll heißen: Nein, der Drops ist noch nicht gelutscht! Weder nach unten, wo sich in der Rückrunde schon so manch Totgesagter an den eigenen Haaren wieder aus dem Sumpf gezogen hat, noch nach oben, wo sich in dieser Saison die EuropaLeague-Aspiranten fast wöchentlich in der eigenen Inkonstanz abwechselten. In der Bundesliga gibt es genug Mannschaften, die in Richtung Europa schielen und deren Mittel sehr viel umfangreicher sind, als die des Clubs. Umso ärgerlicher ist es dann jedoch, wenn die Chancen durch fragwürdige Schiedsrichterentscheidungen noch beeinflusst werden.
DER DISORDER verzichtet also an dieser Stelle sehr bewusst darauf, die vielen Chancen der Gastgeber an diesem späten Sonntagnachmittag noch einmal aufzuzählen. Fakt ist, dass die Stürmer in Grün-Weiß den Ball trotz bester Möglichkeiten und zum Teil drückender Überlegenheit ihres Teams nicht im Nürnberger Tor untergebracht haben. Fakt ist auch, dass der Club erst in der zweiten Halbzeit und nach Systemumstellung von Dieter Hecking auf 4-4-2 zu eigenen Torchancen kam. Fakt ist auch, dass sich im Bremer Weserstadion in den letzten 45 Bundesligaminuten des Jahres 2012 ein offener Schlagabtausch zweier Tabellennachbarn entwickelte und das Pendel des Dreiers hätte gut und gerne in beide Richtungen ausschlagen können. Fakt ist jedoch auch, dass es Timo Gebhart in der 82. Minute war, der mit einem platzierten Flachschuss als erster Spieler auf dem Rasen einen Weg fand, die Lederkugel im Gehäuse des Gegners unterzubringen und dass den Gastgebern nach dem Rückstand nicht viel mehr als die Brechstange eingefallen ist, um den Ausgleich noch zu erzielen. Und Fakt ist eben zu guter Letzt auch, dass Nils Petersen im Abseits stand, als er einen Schuss von Kevin de Bruyne aus 22 Metern so abfälschte, dass Raphael Schäfer dieses eine Mal keine Chance hatte, den Ball noch abzuwehren.
Bleibt am Ende also wie schon vor zwei Wochen das ohnmächtige Gefühl, beschissen worden zu sein und auch die Einsicht, dass man als 1.FC Nürnberg nicht die einzige Mannschaft ist, die im Laufe der Hinrunde benachteiligt wurde, tröstet nicht wirklich. DFB, DFL und wie auch immer die anderen Fußballgremien heißen, machen sich lieber Gedanken über irgendwelche Sicherheitspapiere, statt sich endlich mal zusammen zu setzen und Mittel und Wege zu finden, das Frustpotential unter denen, die den Fußball ihres Vereins leben, einzudämmen. Perfide genug ist es, dass man über umfangreiche Maßnahmen rund um ein Fußballspiel binnen weniger Wochen entscheiden kann, während man es über Jahre nicht schafft, die eigenen Schiedsrichter so auszubilden, dass sie einem immer schneller werdenden Sport noch halbwegs folgen können – von fehlenden Hilfsmitteln, die man den Unparteiischen zur Verfügung stellen könnte, ganz zu schweigen. Letzte Woche ein Herr Stark beim Spiel Dortmund gegen Wolfsburg, diese Woche ein Herr Gräfe in Bremen – und auch am ersten Rückrundenspieltag werden die Diskussionen wieder aufkommen. Es ist schlimm genug, wenn der eigene Verein ein Spiel verliert. Wenn er es auf die Art und Weise nicht gewinnt, wie der Club am Sonntag in Bremen, wird es unerträglich. Vor allem, wenn man sieht, welche Entwicklungen sich abseits des Platzes ihren Weg bahnen, während auf dem Spielfeld noch immer mit vorsintflutartigen Mitteln versucht wird, dem Geschehen Herr zu werden.
Möge der geneigte Leser die letzten Zeilen vor Weihnachten nun jedoch bitte nicht als Plädoyer für den modernen Fußball werten, in dem es vor Videobeweisen und Chips in Ball, Spieler- und Zuschauerköpfen nur so wimmelt und bei dem jede Verletzungsunterbrechung für eine Werbeeinblendung genutzt wird. Die Partie in Bremen zeigte jedoch wieder einmal, dass die Verantwortlichen hinter ihren Schreibtischen und in ihren VIP-Logen dringend daran arbeiten müssen, Verhältnismäßigkeiten wieder herzustellen. Es kann nicht sein, dass jeder Furz eines Fans aus jeder Stadionecke auf Video gebannt wird, während die Unparteiischen Entscheidungen fällen müssen, die nicht selten über Gedeih und Verderb eines ganzen Vereins entscheiden, als einziges Hilfsmittel ein Headset zur Verfügung gestellt bekommen, über das sie sich ihre Fehlentscheidungen noch bestätigen.