Ein Passwort wird per E-Mail an Sie geschickt

Eine Fußballbegegnung der etwas anderen Art

Eine Reportage von Silvana Brunner

Die Deutsche Fußball-Bundesliga macht gerade Winterpause. Eine harte Zeit für leidenschaftliche Fußballfans. Mit einem kleinen Lichtblick: heute Abend soll auf den fünfzig Quadratmetern Lokalfläche des „Max und Marek“ in Berlin-Weißensee die Meisterschaft ausgefochten werden. – Beim 6. inoffiziellen Deutschen Fanclub-Kickerturnier. 50 Quadratmeter, 3 Kickertische, 16 Mannschaften und ganz viel Begeisterung für die schönste Nebensache der Welt.
Die Weißenseer Kneipe ist rappel voll. Weit über hundert Leute, die meisten in den Farben ihres Fußballclubs gekleidet, drängen sich im Halbdunkel. Die letztjährigen Titelverteidiger – die Clubberer 04 vom 1. FC Nürnberg – sind in der Dämmerigkeit des Lokals jedoch leicht auszumachen. Nicht nur tragen sie ausnahmslos Fankluft in rot-schwarz-weiß, auch scheinen sie auf den ersten Blick in ihrer Stammkneipe in der Überzahl zu sein.
Risikofaktor Neu-Besetzung
Ein für seine Körpergröße und Erscheinungsbild erstaunlich sanftmütig wirkender langhaariger Hüne mit blondem Rauschebart, Augenbrauenpiercing und Wangengrübchen stellt sich als Martin, Vereinsoberhaupt und Clubveteran, vor. „Die Titelverteidigung wird spannend, wir treten dieses Jahr in einer völlig neuen Besetzung an“, ist sich Martin sicher. Noch am Silvesterabend wurde im „Max und Marek“ zwischen Countdown und Sektkorkenknallen in einem spontanen Mini-Turnier das Team festgelegt. Dessen Kern bilden die beiden Mittzwanziger Adrian und Milan. Die Endzwanziger Richard und Matz drücken die Auswechselbank. Tilman ist eingefleischter Fan und bei jedem Event am Start, Cora und Carmen tragen zur weiblichen Unterstützung der Gruppe bei. Das gemeinsame Hobby und Herzblut verbindet. Nicht nur mischen sich hier Zugezogene aus Tübingen oder Franken mit gestandenen Berlinern, auch aus beruflicher Sicht könnten die Nenner unterschiedlicher nicht sein: BWL-Studentinnen treffen auf Industriekaufmänner, Redakteure auf Bankkauffrauen und Langzeitstudenten auf Jung-Manager. Die Stimmung im Team ist super, man ist zuversichtlich, auch dieses Jahr seinem Ruf als Rekordmeister Ehre zu machen.
Ein Motto mit Tradition
Es ist ungewohnt mild an diesem Samstagnachmittag im Januar mitten in Berlin-Weißensee. Die breiten Straßen, die von Altbauten in ausgewaschenen Farbtönen gesäumt werden, sind fast leer, nur ein Postbote rattert mit seinem umgebauten Fahrrad über die Betonplatten. Ein entferntes Vogeltrillern, ein sanfter Windhauch. Ungetrübte wochenendliche Vorstadtidylle. – Und weit und breit kein Fußballrasen in Sicht.
Hier, mitten im Vorstadt-Kiez liegt das von außen eher unscheinbare „Max und Marek“, seit dem Sommer 2011 Kulturlokal und neue Vereinskneipe des 1. FC Nürnberg-Fanclubs der Clubberer 04 und zum ersten Mal Austragungsort des Kickerturniers. Aber außer der Location hat sich bei der diesjährigen Meisterschaft nicht viel geändert. Vor allem beim Motto legt man Wert auf Tradition: Somit heißt es auch dieses Jahr „Siege statt Hiebe“ und in aller Freundschaft.
Während sich die Fans im Stadion öfters mal einen auf den Deckel geben, legt man hier Wert auf ein tolerantes und gewaltfreies Miteinander. Der Spaß an der gemeinsamen Leidenschaft bestimmt die Tonart. Die ist in F-Dur – F wie Fußball, F wie freundschaftlich, F wie friedlich. „Der Spaß steht an erster Stelle. Wir wollen zusammen, clubübergreifend, einfach einen tollen Abend haben. Wer gewinnt oder verliert – bei allem Fußballstolz – das ist eigentlich Nebensache“, bekräftig auch Ricardo, Wirt und gute Seele des „Max und Marek“ und selber Mitveranstalter des Turniers, das diesjährig wieder von den Havelpralinen, den Fans von Fortuna Düsseldorf, ins Leben gerufen wurde.
Stadionstimmung auf 50 Quadratmetern
Um 15.30 Uhr – also zur besten Bundesligazeit – ist der Laden bereits voll. Durch die quietschende weiße Holztür mit Glaseinsätzen tritt man in das Innere des Lokals und wird sofort von einem Lärmpegel in Volksfesthöhe und einer Wolke von Zigarettenrauch empfangen, die einen jeglicher anderer Geruchsempfindungen beraubt. Aus voller Kehle skandierte Fangesänge übertönen die angeregten Gespräche und schon mitten am Nachmittag muss man sich seinen Weg eisern und mit Ellenbogen erkämpfen. Dies dürfte aber auch die maximale Aufwendung von Gewalt an diesem Abend bleiben.
Die Bar erinnert an eine Mischung aus Prenzlberger Wohnzimmer, Jugendlager und „Bierkneipe um’e Ecke“. Die Wände der in zwei Hälften geteilten Räumlichkeiten sind abwechselnd in sattem weinrot, sonnengelb und weiß gestrichen und werden kontrastreich von einer goldenen Stuckleiste gesäumt. Das Mobiliar besteht vorwiegend aus Festbänken und ausrangierten Stühlen unterschiedlicher Machart, der Tresen erweckt den Eindruck, als sei er mal eben schnell aus Sperrholzbrettern zusammen gezimmert worden.
Im hinteren Raum prangen groß zwei schwarze Konterfeis an der roten Wand. Der unkundige Besucher ist geneigt anzunehmen, dass es sich dabei um die Namensträger der Lokals handelt. Hinter dem Tresen steht der glatzköpfige Wirt Ricardo, Typ Rocker, der seine alte Arbeitsstelle im „Bumerang“ zu Gunsten des „Max und Marek“ aufgegeben hat.
Vielversprechender Auftakt mit glücklosem Verlauf
Um 15.45 Uhr geht es gut gelaunt und mit nur leichter Verspätung mit dem Auftaktspiel Havelpralinen gegen Stuttgart los, bei dem sich die Organisatoren gleich mit einer Niederlage geschlagen geben müssen. Um 16.30 Uhr steht das erste Gruppenspiel für die Nürnberger auf dem Plan. In einem rasanten Auftaktspiel wird X-Berg Hoffenheim mit einem 6:4 und 6:3 vom Platz verwiesen. „Clubberer 04, Clubberer 04, wir – sind – all-e – Clubberer 04!“
Die erste Hürde ist genommen.
An drei Tischen gleichzeitig knallen die Holzbälle über die Spanplatten, hier und da kursieren Spielpläne, doch wer das scheinbare Chaos moderiert oder dirigiert bleibt unklar. Erstaunlicherweise behält trotz hartnäckigem Gedränge, dichten Tabakschwaden und allgemeiner Bierseligkeit jedes Team den Überblick. Um das nächste Team für Tisch 1 ausfindig zu machen – man sucht gezielt nach blauen Trikots – ertönt blechern aus einem Megafon neben dem Ausschank „Wer da hinten ist blau??“. Die Antwort ist ein im Kollektiv gegröltes „Hier sind alle blau!““. In cerevisia veritas.
Nach einer knappen Stunde steht der nächste Gegner für die Clubberer 04 in der Schlange. Wieder fliegen die Bälle schneller als das Auge gucken kann. Adrian und Milan haben im 1. Satz stark zu kämpfen. Irgendwie haben die Clubberer 04 den Einstieg verschlafen und die Gegner haben einen guten Lauf. 0:1, 0:2, 0:3, 0:4 – es ist noch keine Minute gespielt und die Nürnberger liegen bereits stark zurück. Da reißen auch das elegant erzielte 1:4 und der Glückstreffer beim 2:4 nichts mehr heraus. Der 1. Satz endet mit einem 2:6. Das Resultat des zwar besser gespielten aber trotzdem hart erkämpften 2. Satzes ist ein 6:5. Somit müssen sich die Clubberer 04 beim zweiten Gruppenspiel gegen die Havelpralinen 2 mit einem Unentschieden begnügen. „Im letzten Jahr haben wir Clubberer auch nicht alle Gruppenspiele gewonnen“, erinnert sich Hauptspieler Adrian und ist deshalb auch nicht enttäuscht: „Das ist ja erst das zweite Spiel, wir laufen uns noch warm!“
Havelpralinen verhelfen zum Einzug ins Viertelfinale
Die Teams, die gerade nicht die Vorrunde ausfechten, können sich die Geschehnisse von Tisch 1 live via Beamer ansehen. Die Projektion zeigt eine Totale des Kickertischs von oben und könnte in ihrer gepflegten Monotonie auch als Kunstinstallation durchgehen. Der bärtige Martin tippt derweil eifrig auf sein Smartphone ein. Die zuhause gebliebenen Fans werden regelmäßig per Live-Ticker auf der Club Webseite auf dem Laufenden gehalten. Das geballte Vereinspaket eben.
Um 17.45 Uhr steht der vorzeitige Einzug der Clubberer 04 ins Viertelfinale fest. Durch das Unentschieden zwischen den Havelpralinen 2 und Hoffenheim bleibt den Nürnbergern das große Zittern vor dem Ausscheiden erspart. Im letzten Vorrundenspiel gegen die Revolte FCU geht es „nur“ noch um den Gruppensieg, der nach einem virtuos erkämpften Unentschieden jedoch knapp verpasst wird. Um 18 Uhr steht der Viertelfinalgegner der Clubberer 04 fest. Die Nürnberg-Anhänger dürfen sich auf ein Wiedersehen gegen die vorjährigen Zweitplatzierten, die Kaiserslauterner Bagaasch, freuen. Die Freude ist groß, die Stimmung immer noch erstklassig. Die letzten Spielrunden bei den Gegnerteams werden ausgefochten, danach gibt es die verdiente Pause bis zu den Viertelfinalspielen. Bierflaschen werden im Sekundentakt über den Tresen gereicht, die Cola reiht sich im Kühlschrank wie Spieler zweiter Wahl auf der Ersatzbank.
Zu viel Alkohol, zu wenige Tore
Um kurz nach sieben geht es los, Adrian und Milan treten gegen die zwei weinroten Bagaascher an. „Wat? Es ist gerade mal kurz nach sieben?“ ertönt der fassungslose Ausruf eines Fans aus der Menge und spricht wohl so Einigen aus dem Herzen. Im „Max und Marek“ geht heute Abend aber nicht nur das Zeitgefühl flöten, sondern auch das Viertelfinalspiel der Nürnberger. In beiden Fällen dürfte der Alkoholpegel daran nicht ganz unbeteiligt sein – der ist nämlich selbst für hartgesottene Fußballfans und einen Samstagabend für diese Uhrzeit bemerkenswert hoch.
Die Clubberer 04 haben von Beginn an einen schweren Stand. Kaiserslautern spielt schnell, souverän und knallhart. Im 1. Satz kämpfen sich Adrian und Milan mit jeweils zwei Toren noch zum 4:6. Doch das Schicksal der Nürnberg-Fans wird durch den 2. Durchgang schnell besiegelt: die Clubberer 04 erliegen glücklos mit 1:6 ihren Herausforderern und scheiden damit mit einem verlorenen Viertelfinalspiel aus dem Turnier aus. Die Trauer darüber hält sich jedoch in Grenzen, immerhin hat man gegen den letztjährigen Zweitplatzierten verloren. Die Platzierungsspiele werden von den Ersatzspielern Richard und Matz ausgefochten, aber auch hier können sich die Clubberer 04 nicht mehr mit Ruhm bekleckern. Die Spiele gegen die Königsblauen von Schalke 04 und die Fans vom VfL Bochum werden beide jeweils mit 3:6 und 2:6 bzw. 5:6 und 2:6 verloren und der 1. FC Nürnberg muss sich dieses Jahr mit dem achten Platz zufrieden geben.
Ein Turnierssieg mit vielen Gewinnern
Das Finale des Abends bestreiten schließlich die Nürnberg-Bezwinger Bagaasch gegen die Jungs von Werder Bremen und erringen in einem würdigen und spannenden Finalspiel mit einem 6:4 im ersten und einem 6:3 im zweiten Satz den Turniersieg. Die Spieler der Bagaasch fallen sich in die Arme, die mitgebrachten Kaiserslautern-Fans jubeln, alle anderen jubeln als faire Verlierer mit. „Das ist es, was das Turnier hier ausmacht“, versucht ein
Gast nicht ohne Rührung die johlende Menge zu übertönen. „Genau, hier ist es egal, wer den Sieg nach Hause bringt, Hauptsache es wird gefeiert!“, ruft ihm ein anderer über die Schulter und reckt demonstrativ die volle Bierflasche in die Höhe. Auch Martin ist zufrieden. „Es ist kein allzu schlechtes Gefühl, gegen den Gesamtsieger ausgeschieden zu sein“, meint er augenzwinkernd.
Bei der nun folgenden ausgelassenen Siegerehrung werden große und kleine Pokale an alle teilnehmenden Teams verteilt, klassische Verlierer gibt es keine, hier gewinnt jeder einen Preis. Siege statt Hiebe eben. Und der Rest ist feuchtfröhliche und unbeschwerte Feierei wie sie wohl jeder Fußballfan kennt – bis in die Morgenstunden in Berlin-Weißensee.