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DER DISORDER – Der Clubspielberichtkommentar

Fußball-Bundesliga 2011/2012, 3. Spieltag
[Samstag, 20.08.2011] Borussia Dortmund – 1.FC Nürnberg 2:0 (0:0)

Ex-Club-Trainer Hans Meyer ist ein kluger Mann. Vor nicht einmal ganz zwei Wochen – nach dem Hertha-Spiel – sagte der Trainergott in einem Interview sinngemäß, dass der Club in dieser Saison schwer zu schlagen sei, dies aber nicht bedeute, dass die Mannschaft von Dieter Hecking nun kein Spiel mehr verlieren würde. Was der Fußball-Pensionär damit meinte, konnte man in allen Einzelheiten am Samstag beim Spiel des Clubs in Dortmund sehen. Der 1.FC Nürnberg machte dem aktuellen deutschen Fußballmeister das Leben schwer, wo es nur ging. Aus einer kompakten Deckung, in der sich Timm Klose und Philipp Wollscheid mal wieder als Türme in der Schlacht bewiesen, fehlten allein die präzisen Nadelstiche nach vorne, um aus Dortmund Zählbares mitzunehmen. Dementsprechend enttäuscht zeigte sich auch Dieter Hecking nach dem Spiel: „Ich muss meiner Mannschaft ein Riesenkompliment machen für dieses gute Auswärtsspiel. Das einzige, das wir uns vorwerfen müssen, ist dass wir unsere Chancen nicht genutzt haben.“
Eine dieser Chancen hätte in der 38. Minute fast sogar zur Club-Führung geführt. Nach Steilpass von Ersatz-Kapitän Timmy Simons läuft Jens Hegeler von der Mittellinie allein in Richtung Dortmunder Tor. BVB-Keeper Roman Weidenfeller kommt ihm entgegen, Hegeler erkennt dies und will den Ball mit einem gefühlvollen Heber im Borussentor unterbringen. Schade nur, dass Roman Weidenfeller nicht ein paar Zentimeter kleiner ist. Der Keeper erwischt den Heber von Hegeler gerade eben noch mit den Fingerspitzen.
Auch die weiteren klaren Torchancen der ersten Halbzeit gab es vor allem in Richtung Tor der Gastgeber. Nach einer Rechtsflanke von Timothy Chandler zieht Christian Eigler in der 12. Minute ab. Sein Schuss kann gerade noch von Mats Hummels abgefälscht und somit entschärft werden. Ein Minute später kommt Philipp Wollscheid aus fünf Metern zum Kopfball, setzt jedoch wenige Zentimeter zu hoch an.
Vom Deutschen Meister war in der ersten Halbzeit reichlich wenig zu sehen. Die Mannschaft, die in der letzten Saison noch wie das berühmte heiße Messer durch die Butter der gegnerischen Hintermannschaften schnitt, spielte ideenlos und meist mit hohen Bällen ins Abwehrzentrum des FCN. Für Klose und Wollscheid waren diese Bälle meist eine willkommene Beute.
Und so war es schließlich individuelle Klasse, die zu einer Vorentscheidung führte. Wirbelwind Mario Götze schnappte sich kurz nach der Halbzeit den Ball, ging (aus Borussen-Sicht) endlich einmal über die Außen und ließ die Nürnberger Hintermannschaft prompt alt aussehen. Seine Hereingabe von der Grundlinie musste Robert Lewandowski im Sturmzentrum praktisch nur über die Linie bringen. Ein Spielzug, den man schon in der frühesten Jugend beigebracht kriegt, hatte in der 50. Minute wieder einmal Erfolg. Umso ärgerlicher, dass der Treffer nach einer Club-Ecke passierte und Dortmund praktisch im eigenen Stadion gekontert hatte.
Auch der Club hatte am Samstag durchaus auf Konter gesetzt, doch blieben diese meist erfolglos. Es fehlte schlicht an Präzision beim finalen, entscheidenden Pass. Bis zum Sechzehner der Dortmunder sah dies in vielen Fällen noch recht ordentlich aus, ging jedoch auch oft zu langsam, so dass sich die BVB-Verteidigung in Ruhe sortieren konnte und das letzte Zuspiel erfolgreich unterbinden konnte. Fast schien es, dass die Clubberer Angst vor dem eigenen Torerfolg hatten, denn umso näher sie dem Kasten von Roman Weidenfeller kamen, desto mehr verschleppten sie das Tempo oder spielten unkonzentriert.
Eine Minute nach dem Dortmunder Führungstreffer hatte Javier Pinola auf halblinker Position genug von dem Klein-Klein-Spiel und zog einfach mal aus dreißig Metern ab. Die Schwierigkeiten, die BVB-Keeper Weidenfeller bei der Abwehr des Flatterballs hatte, zeigten, dass Pinola in dieser Situation genau das Richtige getan hatte.
Mit der Führung im Rücken wurden dann jedoch auch die Borussen sicherer im Spiel nach vorne und so tauchte Lewandowski in der 62. Minute plötzlich völlig allein vor Club-Interimskeeper Patrick Rakovsky auf. Der Junge blieb in seinem ersten Bundesligaspiel trotz großer Kulisse die Ruhe selbst und wehrte den Schuss aus kurzer Distanz blendend ab. Der Neuzugang aus der Schalker Jugend machte seine Sache als „Magneto“-Ersatz insgesamt hervorragend. Hoffen wir, dass es nicht allein daran lag, dass er sein Debüt als Ex-Schalker ausgerechnet bei den Gelb-Schwarzen aus Lüdenscheid gab und wünschen wir ihm nun zwei Spiele ohne Gegentor gegen Augsburg und in Köln. Raphael Schäfer hatte sich bereits in der Woche vor dem Spiel gegen Hannover verletzt und musste am Freitag operiert werden. Der Nürnberger Stammkeeper wird nicht vor November ins FCN-Tor zurückkehren.
Was fehlt noch aus dem Dortmund-Spiel? Eine Großchance der Gastgeber in der 75. Minute als Ivan Perisic nach Flanke von Jakub Blaszczykowski den Ball per Kopf an den Pfosten setzt und eine Großchance für den Club als der eingewechselte Julian Wiesmeier in der 78. Minute aus fünf Metern völlig frei zum Kopfball kommt und den Ball als Aufsetzer über das Tor bringt. Ach ja, und dann noch ein Glückstreffer der Gastgeber durch Kevin Großkreutz in der 80. Minute. Ganz abgesehen davon, dass der Mann in dieser Position 20 Meter vor dem Tor niemals so frei zum Schuss kommen darf, fälscht Timm Klose den Ball derart unglücklich ab, dass dieser als Bogenlampe genau unter der Latte ins Clubgehäuse einschlägt. Diesen Ball hätte Rakovsky auch nicht gehabt, wenn er zuvor auf der Linie geklebt hätte.
Am Ende bleibt auch nach dem Dortmund-Spiel die Erkenntnis, dass der 1.FC Nürnberg in der Saison 2011/2012 seine Punkte gegen andere Gegner einfahren muss als gegen die Hannovers und Dortmunds dieser Welt. Der Einsatz stimmt, das Spielerische – bis auf den oben genannten finalen Pass – auch. Die Mannschaft von Dieter Hecking hat sich in Dortmund nicht versteckt und mit ein bisschen mehr Fortune wäre vielleicht sogar ein Punkt drin gewesen. So aber heißt es nun: Mund abwischen und gegen Augsburg drei Punkte einfahren. Mit sechs Punkten aus vier Spielen wäre die Mannschaft dann voll im Soll. Sie muss am kommenden Samstag eben einfach nur zeigen, dass sie nicht nur schwer zu schlagen ist, sondern dass sie – wie bei der Hertha schon einmal unter Beweis gestellt – auch gewinnen kann.