Ein Passwort wird per E-Mail an Sie geschickt

Seit der Fußball als solches in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, ist auch die Anzahl der Bücher über den Lieblingssport der Deutschen erheblich angestiegen. Schließlich hat doch jeder irgendwie Ahnung und gibt gerne seinen Senf dazu. Dass dies dann nicht immer spannend und oft schon gar nicht fundiert ist, liegt da leider schon fast in der Natur der Sache.

Geschichtsunterricht in Sachen Fußball

Christoph Bausenwein ist da zum Glück die große Ausnahme. Der Mann schreibt so, dass man seine Worte sehr gerne liest. Sein Stil ist unaufgeregt und locker und keineswegs um die ein oder andere Pointe verlegen. Dennoch besticht Bausenwein mit Detailwissen, dass er auf den Punkt an den Leser bringt. Man kann es auch Geschichtsunterricht in Sachen Fußball auf höchstem Niveau nennen. Vor allem nämlich merkt man, dass der Mann weiß, wovon er schreibt.

In der Unterüberschrift von »Stuhlfauths Zeiten« heißt es »Die goldenen Jahre des Fußballs«. Doch Bausenwein beschränkt sich eben nicht nur auf den Fußball. Er schafft ein plastisches Bild jener damaligen Zeiten, die ja gerne als goldene Zeiten bezeichnet werden. Ein Tanz auf dem Vulkan, voller Frivolität und Lebensfreude.

Die goldenen Zeiten des Clubs

Für den 1.FC Nürnberg waren die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts unbestritten eine goldene Zeit. Fünf seiner neun deutschen Meisterschaften holte der Club zwischen 1920 und 1927. Die Säulen der damaligen Mannschaft, die von Meisterschaft zu Meisterschaft eilte, kennt im Frankenland noch heute jedes Kind: Dr. Hans Kalb als unermüdlicher Mittelfeldmotor, der schon allein deshalb auffiel, weil sein Spiel stets durch laute Anweisungen (oder auch mal Beschimpfungen) an die Mitspieler begleitet wurde. Und eben jener dem Buch seinen Titel gebende Heinrich – genannt Heiner – Stuhlfauth. Ein Torhüter, der sich schon fast hundert Jahre vor Manuel Neuer aktiv ins Spiel einbrachte und der einmal gesagt hatte, dass sich ein guter Torhüter nicht hinzuschmeißen brauche. Später prägte Stuhlfauth den Spruch, den noch heute jeder Clubfan auswendig kann: »Es ist eine Ehre, für diese Stadt, diesen Verein und die Bewohner Nürnbergs zu spielen. Möge all dies immer bewahrt werden und der großartige FC Nürnberg niemals untergehen.«

Mein guter Kumpel Heiner Stuhlfauth

Christoph Bausenwein schafft es in seinem Buch dabei durchgehend, die damaligen Zeiten und ihre Protagonisten lebendig werden zu lassen. Hat man die 352 Seiten gelesen, kann einen als Leser durchaus das Gefühl überkommen, man habe Heiner Stuhlfauth persönlich gekannt und wäre ihm mehrmals begegnet. Liest man zudem von den Erfolgen der damaligen Zeit, ist das natürlich Balsam auf die geschundene Clubfanseele heutiger Zeiten.

Parallelitäten zum modernen Fußball

Apropos »Heutige Zeiten«: Wer gerne auf die Auswüchse des modernen Fußballs schimpft und dabei mit Schlagwörtern wie »Tradition« und dem »wahren Fußball« um sich wirft, während er sich die guten alten Zeiten zurück wünscht, sollte sich die Lektüre von »Stuhlfauths Zeiten« in keinem Fall entgehen lassen – ganz egal, ob sein Herz nun für den 1.FC Nürnberg oder für einen anderen Verein schlägt. Denn die Parallelen des modernen Fußballs zum Fußball und seinen Diskussion vor knapp hundert Jahren sind frappierend. Diskutiert man heute über Ablösesummen, die sich kein normaler Mensch mehr vorstellen kann, gab es damals die Diskussion um die Einführung des Profi-Fußballers. Spricht man heute über die Probleme bei der Einführung des Videobeweises, hatten die Mannschaften damals so ihre Probleme mit der Änderung der Abseitsregel.

Pflichtlektüre für alle Fußballfans

Unter dem Strich liefert Christoph Bausenwein ein faszinierendes Buch über den Fußball. Den Fußball, wie er vor knapp hundert Jahren war und damit eben auch, wie der Fußball heute ist – und wie wenig Unterschied da ist. Ähnlich wie hierzulande vor zehn Jahren mit dem »Sommermärchen«, hat der Fußball auch Anfang der 1920er Jahre einer großen Schritt in Richtung Mitte der Gesellschaft getan. Ähnlich wie heute gab es damals hitzige Diskussionen darüber, was dem Fußball gut tut und ab welcher Linie er seine Seele verkauft. Genau wie heute wurden die Entscheidungen über die Köpfe der Fans auch damals schon von Funktionären getroffen, deren Ideen nicht immer nachvollziehbar waren.

Am Ende überlebt allein der Fußball

Und auch, wenn uns als Fans das heute genauso wenig schmeckt, wie es den »Schlachtenbummlern« damals geschmeckt haben dürfte, kann man an die Problematik nach Lektüre von »Stuhlfauths Zeiten« vielleicht etwas gelassener herangehen. Diskussionen über den Fußball hat es vor hundert Jahren schon gegeben und es wird sie auch in hundert Jahren noch geben. Dazu ist uns allen der Fußball viel zu wichtig. Doch egal, wohin die Diskussionen führen und egal, ob das jetzige System mit hohen Ablösesummen und mafiosen Spielerberatern früher oder später in sich zusammenfallen wird: Am Ende überlebt ganz gewiss allein der Fußball.

Christoph Bausenwein, Stuhlfauths Zeiten. Verlag die Werkstatt. Göttingen, 2017. ISBN 978-3-7307-0322-9

352 Seiten, Hardcover, 24,90 Euro