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Eine knappe Woche ist es her, da meldeten die Sportgazetten dieser Welt den Verzug dessen, was sich über Gerüchte bereits angekündigt hatte: Der Brasilianer Neymar wechselt vom FC Barcelona in die französische Hauptstadt zu Paris St. Germain.

222 Millionen Euro

Das allein wäre im Grunde schon eine Schlagzeile wert. Eine lang anhaltende Übelkeit befiel den geneigten Fußballfan jedoch mitunter beim Lesen der Ablösesumme: Die Franzosen überweisen für den Wechsel die sagenhafte Summe von 222 Millionen Euro nach Katalanien. 222 Miliionen Euro! Das ist mehr als das sechsfache des Bruttoinlandsproduktes des karibischen Inselstaates Tuvalu. Zwar gehört die Inselgruppe am anderen Ende der Welt zu den kleinsten Staaten der Welt, doch wir reden hier von einem Sechstel der Ablösesumme für die rund 10.000 Menschen in einem vom Klimawandel bedrohten Paradies ein Jahr zur Erwirtschaftung brauchen.

Das Bruttoinlandsprodukt von Tuvalu

In blanken Zahlen: 10.000 Menschen gehen ein Jahr arbeiten und erwirtschaften dabei etwas mehr als 34 Millionen Euro. Ein Fußballer wechselt von einem Verein zum nächsten und es werden 222 Millionen Euro bezahlt. Ihr Fußballbosse merkt Ihr eigentlich noch was?

Nürnberg gegen Neymar

Der gesamte Kader des 1.FC Nürnberg hat unterschiedlichen Quellen zufolge einen Marktwert von etwas mehr als 18 Millionen Euro. Wohlgemerkt: Der Marktwert aller 28 beim Club unter Vertrag stehenden Spieler. Und ja, es ist unbestritten: Neymar ist mit Sicherheit ein besserer Fußballer als Hanno Behrens oder Kevin Möhwald – aber wie würde wohl ein Fußballspiel ausgehen, wenn man den FCN gegen Neymar antreten lassen würde? Geht man allein nach dem Marktwert müsste der Brasilian im Grunde doch haushoch gewinnen, oder nicht? Ihr Fußballbosse merkt Ihr eigentlich noch was?

Und die Gegenfinanzierung?

Aus Paris vernimmt man nach dem Transfer zunehmend entschuldigende Worte und dass man schließlich vor allem sportliche Ziele verfolge und endlich einmal über ein Achtel- oder Viertelfinale in der ChampionsLeague hinauskommen möchte. Vorausgesetzt man spricht den Verantwortlichen des französischen Hauptstadtvereins nicht jede buchhalterische Fähigkeit ab, muss einem als Fußballfan doch unweigerlich das Kotzen kommen. Denn mit größter Wahrscheinlichkeit haben die Verantwortlichen durchaus die ein oder andere Rechnung angestellt, was ein Halbfinale oder gar Finale in der ChampionsLeague für Mehreinnahmen bedeuten würden. Kurz gesagt: Irgendeinen Plan wird existieren, wie die 222 Millionen Euro gegenfinanziert werden. Und offensichtlich ist dies durch Einnahmen aus der ChampionsLeague inzwischen möglich.

Wir sind doch selbst Schuld!

Wirklich übel wird einem im Grunde dann vor allem, wenn man überlegt, wer dieses ganzen Wahnsinn finanziert: Nämlich Du und Du und Du und ich. Wir müssen jedes Jahr ein neues Trikot unserer Mannschaft haben – schon allein, weil die Spieler auf unserem Rücken längst für andere Vereine kicken. Wir fallen auf Werbung herein, weil unser Lieblingsverein sein Logo mit aufs Plakat druckt. Wir haben unser Sky-Abo und zahlen für zig Sender, die uns nicht im Traum interessieren, nur weil wir die Spiele unseres Vereins in voller Länge und möglichst live sehen wollen.

Natürlich darf Fußball Geld kosten

Und ja, natürlich muss und darf Fußball auch Geld kosten. Denn Fußball ist Unterhaltung und diese kostet auch dann Geld, wenn sie musikalisch oder als Film oder Buch daher kommt. Und auch hier verdienen die Superstars der Branche mehr als die Bankdrücker – sprich: Ladenhüter. Während man in den klassischen Entertainment-Branchen jedoch eher Mitte der 1980er Jahre wie die Made im Speck lebte, hatte man in den letzten beiden Jahrzehnten mit ständigen Umsatz-Rückgängen zu kämpfen.

Übersättigung führt zum Absturz

Warum geschah das? Da sind zum Einen die technischen Möglichkeiten, die ein zwar illegales, aber doch kostenloses Kopieren unkompliziert möglich machten. Da war zum Anderen jedoch auch irgendwann eine Übersättigung an Superstars. Jede musikalische Mücke wurde zum Elefanten gemacht, jede Blondine zur nächsten Marilyn Monroe, jeder mittelmäßige Darsteller zum neuen Hollywoodstar. Was folgte war die Implosion. Die Entertainment-Industrie hat ihre Produkte wie Fastfood angeboten und musste sich plötzlich darüber wundern, dass die Konsumenten diese auch auch wie Fastfood behandelten. Warum 15,99 Euro für eine CD ausgeben, wenn man die Songs auch für lau aus dem Internet bekommt?

Blasen und Worthülsen

Um im Fußball? Da kostet ein Neymar nun 222 Millionen Euro. Da werden selbst für Spieler auf mittelmäßigem Bundesliga-Niveau inzwischen zweistellige Millionenbeträge abgerufen. Da sind Verträge das Papier nicht mehr wert, auf dem sie stehen. Da sind Spieler- und Funktionärsaussagen schon längst nur noch vorformulierte Marketing-Worthülsen. Kurz: Es wird im Grunde wenig Inhalt für viel Geld verkauft. Eine Rechnung, die in der freien Marktwirtschaft nur selten lange gut geht. Stichwort: Finanzkrise. Stichwort: Internetblase. Stichwort: Musik- und Filmindustrie.

Die Transfers der letzten Jahre

Diese Liste ließe sich beliebig fortsetzen und natürlich kann man auch argumentieren, dass ja nicht nur der Fußball, sondern auch das gesamte Leben stets immer teurer wird. Aber schaut man sich allein die Top-Transfers der letzten Jahre an, zeigt sich auffällig, dass sich diese über viele Jahre in den bereits schwindelerregenden Höhe um die 80 bis 95 Millionen Euro bewegten. Letzten Sommer kam dann die erstmalige Überschreitungen der 100 Millionen-Grenze als der Franzose Paul Pogba für 105 Millionen Euro nach Manchester wechselte.

Zu hohe Steigerung

Und diesen Sommer sind es nun also 220 Millionen. Eine Steigerung um knappe 110 Prozent in nur einem Jahr. Mal ehrlich, Ihr Fußballbosse: Was glaubt Ihr denn eigentlich, welche Marktwirtschaft solche Steigerungsraten auf Dauer verkraftet? Wo genau soll das noch hinführen? Und vor allem: Wer soll das am Ende bezahlen, wenn die Reichen immer Reicher werden und die Armen immer gleich arm bleiben – und das jetzt mal nur auf den Fußball bezogen?

Wie im echten Leben

Nun, vielleicht habe ich eben ja auch einfach den Denkfehler gemacht, indem ich die Worte »ehrlich« und »Fußballboss« nicht nur in einem Satz verwendet habe, sondern sie sogar in Zusammenhang gestellt habe. Machen wir uns also nichts vor – es ist im Fußball inzwischen nicht mehr anders als im wahren Leben: Ob Fußballboss, Manager bei irgendwelchen Autoherstellern, Politiker oder Bänker – die da oben machen so lange, was sie wollen, wie wir Ihnen wir blökende Schafe einfach folgen.

Die ersten Fans ziehen sich zurück

Die ersten – ich nenne sie mal ohne böse Absichten Schafe – ziehen nun aber bereits ihre persönlichen Konsequenzen, stellen das Blöken ein und sehen sich nach Alternativen im Amateurbereich um. Für die Klatschpappen-Liebhaber: Das ist da, wo die Wurst noch 2,- Euro und das Bier noch 2,50 Euro kostet. Unter denen, die das Spiel Fußball wirklich lieben, ist die Zweite Liga inzwischen beliebter als die oberste deutsche Spielklasse mit ihrem langweiligen Serienmeister aus München und Lizenzprodukten aus Leipzig, Hoffenheim und Wolfsburg.

Nicht der Anfang vom Ende

Ich lehne mich an dieser Stelle nun einfach mal aus dem Fenster: Der Neymar-Transfer ist nicht einmal der Anfang vom Ende. Er ist nur ein weiterer Vorbote einer Implosion, die früher oder später kommen wird. Die Blase bläht sich und irgendwann wird es den großen Knall geben.

Wann kommt der Knall?

Allein, ob dies in fünf Jahren, in zehn Jahren oder vielleicht erst in fünfzig Jahren so sein wird, kann ich an dieser Stelle leider nicht sagen. Dazu weiß man zu wenig über die Gelder, die aus China in den kommenden Jahren noch in den Fußballmarkt geschwemmt werden. Dazu weiß man zu wenig über die genauer Schmerzgrenze der Leute, die den Fußball als Event verstehen. Und man weiß natürlich viel zu wenig über die Fußballbosse, ihre Vereine, ihre Verbände und die Geldströme als solches. Meine Hoffnung bleibt allein, dass die Implosion des Apparates so schnell wie möglich kommt.