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Es hat ein wenig gedauert, doch beim Heimspiel gegen die Würzburger Kickers am vergangenen Freitag (18.11.) kam sie nun: Die Reaktion der Ultras Nürnberg auf die Ereignisse beim Auswärtsspiel in Karlsruhe. In einem Flyer bezieht die Gruppe eindeutig Stellung und untermalt diese mit einem Video, das den Namen »Stormy Night 18.11.2016« trägt und am Sonntag nach dem Würzburg-Spiel veröffentlicht wurde.

Die Vorfälle in Karlsruhe

Nach den Vorfällen beim Auswärtsspiel des Clubs in Karlsruhe waren die Vereinsverantwortlichen schon kurz nach dem Spielende mit Reaktionen an jedem Mikrofon zu hören, das ihnen entgegen gestreckt wurde. Das Zünden von Pyrotechnik und das Präsentieren von Zaunfahnen der gegnerischen Ultras hatte beim 3:0-Auswärtssieg Mitte Oktober für eine kurze Spielunterbrechung gesorgt und beim Vorstand des 1.FC Nürnberg für mächtige Magenverstimmungen gesorgt.

Entgegenkommen als Druckmittel

Konsequenz aus diesen Verstimmungen waren diverse Verbote und die Rücknahme erteilter Privilegien gegenüber UN94. Eine Reaktion der Gruppe auf die Ankündigungen der Vereinsführung, Pyrotechnik und Randale in Zukunft massiv zu bekämpfen und dabei temporäres Entgegenkommen auch als Druckmittel einzusetzen, war bisher ausgeblieben.

Liebesentzug

Nun jedoch ziehen die Ultras Nürnberg ihre Konsequenzen, die sie auf oben beschriebenem Flyer auch in allen Details begründen. Fasst man den Flyer in wenigen Worten zusammen, könnte man zu dem Schluss kommen, dass UN94 dem 1.FC Nürnberg die Freundschaft entzieht. Man verzichtet zukünftig auf Privilegien, gibt Arbeitskarten zurück, lässt den Container in der Nordkurve geschlossen und wird Aktionen zukünftig vor dem Stadion durchführen. Kurz: Man zieht sich zurück und verweigert den Dialog.

Was heißt hier Dialog?

So zumindest könnte man beim schnellen Überfliegen des Flyers denken. Bei längerem Nachdenken stolpert man dann vielleicht eben doch über dieses eine Wort: Dialog. Was genau ist ein Dialog denn eigentlich? Im Duden heißt es dazu:

Dialog:
1. (bildungssprachlich) von zwei oder mehreren Personen abwechselnd geführte Rede und Gegenrede; Zwiegespräch, Wechselrede
2. (bildungssprachlich) Gespräche, die zwischen zwei Interessengruppen geführt werden mit dem Zweck des Kennenlernens der gegenseitigen Standpunkte o. Ä.

Kann man also wirklich davon sprechen, dass die Ultras einen Dialog verweigern? Oder ist es viel mehr so, dass sie sich einfach weigern, den Ausführungen der Vereinsführung weiter zuzuhören?

Das Dilemma des modernen Fußballs

Man mag – wie bei allem im Leben – geteilter Meinung sein, mag gewisse Dinge gut finden, andere Dinge ablehnen. Weder in der Arbeit der Vereinsführung, noch in der konsequent vorgeschobenen Vereinsliebe der Ultras ist alles Gold, was glänzt. Die Konsequenzen, die die Nordkurvengruppierung aus den Vorkommnissen in Karlsruhe nun zieht, zeigen jedoch vor allem eins: Das Dilemma des modernen Fußballs.

Verein – Das klingt so schön altbacken

Da ist auch in diesem Artikel stets von Vereinsführung die Rede. Das klingt so schön altbacken und nach Vereinsmeierei, nach Saufabenden am Stammtisch, bei deenen man dem Herrn Vorsitzenden mal so richtig die Meinung geigen kann. Das klingt nach Menschen, die sich treffen, weil sie ein gemeinsames Ziel verfolgen.

Wir alle wissen, dass das schon lange nicht mehr so ist. So sehr sich die Ultras gerne in ihr Schneckenhäuschen der Vereinsliebe zurückziehen, so wenig sind Vereinsvorstände heute mit wahrer Vereinsliebe am Werk. Wer im Vorstand eines Fußballvereins sitzt, macht dies heute aus rein beruflichen Gründen. Er ist professionell und entsprechend gefühlskalt, er wird sein Fähnchen immer in die Richtung stellen, aus der der stärkste Wind bläst.

Die Hure des Kommerz

Das Problem des Fußballs in unserer heutigen Gesellschaft: Er ist zu einem Massenphänomen geworden und alle wollen ihn in der Form für sich vereinnahmen, wie es den eigenen Interessen am nächsten kommt. Die Professionellen wollen Geld verdienen und das möglichst reibungslos. Und die, die mit echter Liebe dabei sind, können und wollen eben nicht verstehen, wie man die eigene Geliebte zur Hure des Kommerz machen kann.

Kompromisse sind da irgendwo zwischen Spaß und Professionalität schwer zu finden, doch wenn es letztlich dann so weit kommt, dass beide Seiten den Dialog verweigern, hat man ein echtes Problem. Andererseits hat es bei festgefahrenen Streitigkeiten durchaus auch schon geholfen, wenn sich beide Seiten mal für eine Weile schmollend in ihre Ecke zurückgezogen haben und die damit verbundenen Konsequenzen einfach mal für eine gewisse Zeit in Kauf genommen haben.

Das eigene Handeln überdenken

Helfen wird dies am Ende jedoch nur, wenn die Beteiligten in dieser Zeit dann ihr eigenes Handeln auch reflektieren. Herr Meeske wird sich an dieser Stelle fragen müssen, ob es wirklich richtig war, zuerst in den Medien loszupoltern und dann wie ein eingeschnappter Teenager mit Liebesentzug zu reagieren. Und die Ultras sollten sich bei ihrem fahnenwehenden Klassenkampf dann vielleicht doch auch mal fragen, ob Sätze wie »Solange es Ultras Nürnberg geben wird, wird es auch immer Pyro, gezogene Zaunfahnen und Randale geben.« noch zeitgemäß sind.

Manchmal muss man eben auf gewisse Dinge verzichten, wenn man andere Dinge dafür erreichen will. Das gilt für Vereinsvorstände genauso wie für Ultras. Wer friedliche Stadien will, sollte vielleicht mal darüber nachdenken, ob das generelle Verbot von Pyrotechnik noch zeitgemäß ist. Und wem soziale Projekte und die Sozialisation wahrer Vereinsliebe nicht nur Mittel zum Zweck sind, sollte sich dann vielleicht auch mal hinterfragen, wie sich dies mit der Tolerierung von Gewalt vereinen lässt.

Hier der Flyer der Ultras Nürnberg – verteilt beim Heimspiel gegen die Würzburger KickersFlyer