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Als das Komitee für die Vergabe des Literaturnobelpreises im September bekannt gab, dass die Auszeichnung in diesem Jahr an den musikalischen Poeten Bob Dylan geht, war die Überraschung groß. Zwar galt der Barde zumindest bei seinen eigenen Fans schon seit Jahren als heißer Kandidat, doch dass die angesehene Auszeichnung für das geschriebene Wort dann tatsächlich auch mal an einen Poeten geht, der seine Worte singt, hatten viele Feuilletonisten doch für eher unwahrscheinlich gehalten.

Ein Name, der bei der anschließenden Diskussion, ob der Preis für Bob Dylan gerechtfertigt sei, auch immer wieder fiel, war Leonard Cohen. Der Kanadier hatte schließlich neben seinen musikalischen Kunstwerken auch ein beachtliches Archiv an literarischen Werken vorzuweisen.

Die Chronik eines angekündigten Todes

Am späten Donnerstag, den 10. November 2016, wurde bekannt, dass Leonard Cohen im Alter von 82 Jahren in Los Angeles gestorben ist. Die Diskussion um den Nobelpreis hat sich damit erledigt, denn bekanntermaßen wird der Preis nicht posthum, sondern nur an lebende Personen vergeben. Eine vertane Chance, denn im Grunde war das Lebensende des Kanadiers ein angekündigter Tod.

Die Liebe seines Lebens

Ein Tod, den der Barde selbst angekündigt hatte, als im August auf Hydra Marianne Ihlen im Alter von 81 Jahren an Leukämie gestorben war. Leonard Cohen hatte die Norwegerin in den 1960er Jahren kennengelernt, als er sich für mehrere Jahre auf der griechischen Insel aufhielt, um sich der Literatur zu widmen. Das Ergebnis waren zwei Romane, ein Gedichtband und eine Liebe fürs Leben. Marianne wurde seine Muse und als Cohen Hydra 1967 verließ, schrieb er seiner großen Liebe den Song »So long, Marianne«.

Im Sterbebett erhielt Marianne einen letzten Brief ihres einstigen Geliebten. In diesem schreibt er: »Ich glaube, ich werde Dir sehr bald folgen. Ich bin nah bei Dir, dicht genug, Dich zu berühren.« Ein gemeinsamer Freund berichtete, Marianne habe noch einmal ihre Hand ausgestreckt, als er ihr die Worte Cohens vorgelesen habe.

Hineni, hineni

Drei Wochen vor seinem Tod ist das 14. Studioalbum des Kanadiers erschienen. »You want it darker« heißt es und auch, wenn Cohen nie dafür bekannt gewesen ist, seine musikalischen Botschaften über das Notwendigste hinaus auszuschmücken, ist die Platte doch mehr als ein Zeichen gewesen. Im Refrain des Titelsongs heißt es: »Du willst es dunkler, dann löschen wir doch die Flamme aus. Hineni, hineni – ich bin bereit, oh Herr.« Es sind die Abschiedsworte einer großen musikalischen Karriere, die wir im Grunde nur dem Umstand zu verdanken haben, dass Cohen von seinen ersten literarischen Veröffentlichungen nicht leben konnte.

Für die Mädchen

Sein erstes Album hatte er 1967 unter dem schlichten Titel »Songs Of Leonard Cohen« veröffentlicht. Es enthielt neben dem bereits erwähnten »So long, Marianne« auch einen Song, der bis heute als einer der erfolgreichsten Cohens gilt: »Suzanne« erzählt von einer jungen Tänzerin, die der Kanadier Mitte der 1960er Jahre im Jazzclub »Le Vieux Moulin« kennengelernt hatte und die zu dieser Zeit mit einem seiner besten Freunde liiert war. Nicht überliefert ist, ob diese Suzanne eines der Mädchen war, wegen derer Cohen sich das Gitarrespielen beigebracht hatte. Dies sei nämlich nach eigener Aussage nur deshalb geschehen, um »Mädchen zu beeindrucken.«

Musik über den Glauben

Beeindruckt hat Cohen über die letzten 50 Jahren mit vielen weiteren musikalischen Stücken. Genannt seien an dieser Stelle nur »Who By Fire«, »Sisters Of Mercy«, »Bird On The Wire« oder »Hallelujah«. Immer wieder spielte sein jüdischer Glauben in den Liedern eine große Rolle. Cohen war Spross einer wohlhabenden und einflussreichen Familie, die zwei Generationen vor seiner Geburt maßgeblich am Aufbau des Judentums in Kanada beteiligt gewesen ist. Im Haushalt der Cohens wurde die Religion tagtäglich praktiziert und auch als der Musiker in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre die Stille eines buddhistischen Klosters in den Bergen vor Los Angeles suchte und dort sogar zum Mönch ordinierte, betonte er stets, dass dies seinem jüdischen Glauben keinen Abbruch tat: »Ich habe eine Religion, und ich suche keine andere. Ich bin ein Jude.« Ein Jude, der Zeit seines Lebens den Sabbat beachtete, gleichzeitig jedoch auch einen Hang zum Geheimnisvollen, Pathetischen und Mystischen hatte. Die musische Gabe und den Hang zur Melancholie soll er von seiner Mutter geerbt haben, der Tochter eines aus Russland nach Kanada ausgewanderten Talmudgelehrten.

Bereit für den Tod

Zeit seines Lebens hatte Cohen mit Depressionen zu kämpfen, doch als das Sterben näher rückte, zeigte er sich gefasst. In einem Interview mit dem Magazin »New Yorker« zu seinem letzten Album hatte Cohen geäußert: »Ich bin bereit zu sterben. Ich hoffe nur, es wird nicht zu ungemütlich. Das ist es dann auch schon für mich.«

Für Leonard Cohen mag es das gewesen sein. Uns bleiben zumindest seine großartigen Songs. Großartige Songs, wie sie auch sein letztes Werk »You want it darker« enthält. Lieder, ganz offensichtlich entstanden im Angesicht des Todes und trotzdem – oder gerade deshalb? – voll mit wärmender Melancholie.