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Natürlich kann man es sich einfach machen und auf die Frage in der Überschrift mit einem kurzen, knappen aber bestimmten »Nichts« antworten. Das trifft es zwar in etwa, aber eben doch nicht hundertprozentig auf den Punkt. Auch für Leute, die sich so überhaupt nicht für internationale Turniere interessieren, dürfte zumindest das ein oder andere Bonbon dabei gewesen sein – Stichwort: Island und/oder Wales.

Ronaldo im Mittelpunkt

Doch was bleibt insgesamt unter dem Strich? Ohne Zweifel hat der Mann auf dem Foto dem Turnier in gewisser Weise seinen Stempel aufgedrückt. Erst durch eine saudumme Äußerung zum Fußballstil Islands, später im Finale durch eine Verletzung, die damit verbundene Auswechselung und sein Einstand als Co-Trainer Portugals. Fußballerisch glänzte Cristiano Ronaldo – wie das gesamte portugiesische Team – wenn überhaupt im Halbfinale gegen Wales.

Ergebnis orientierter Fußball

Doch apropos fußballerischer Glanz – den suchte man bei diesem Turnier in Frankreich meistens vergebens. Wer sich auch als Gruppendritter noch für das Achtelfinale qualifizieren kann, wird den Teufel tun und in fußballerischer Schönheit sterben. Ergebnis orientierter Fußball war also angesagt und der ist nun mal nur selten schön anzusehen. Wenn man so will also eine Art Anti-Kunst, die die Mannschaft aus Portugal in diesem Jahr eben am besten beherrscht hat. Und egal, ob man dies nun gut findet oder nicht: Cristiano Ronaldo und seine Mannschaftskollegen sind Europameister 2016 und die Aufregung darüber, wie sie es geworden sind, wird sich über die Jahre abschwächen. Oder regt sich heute noch jemand ernsthaft über die Mauertechnik auf, mit der König Otto und seine Griechen 2004 Europas Fußballthron bestiegen?

Überall Eventfans

Die Frage bleibt zudem, ob man nicht Ursache und Wirkung vertauscht, wenn man Portugal vorwirft, sich durchs Turnier geschummelt zu haben. Die UEFA wollte mehr Kommerz, die UEFA bekam mehr Kommerz. Dass unter diesen Umständen der Fußball leidet, sehen wir doch seit Jahren schon auf nationaler Ebene. Und so lange sich genügend Eventfans finden, die den Wahnsinn ohne Nachzudenken mitmachen und sich vor Aufregung in die Hose machen, wenn die Isländer mit einem Anfeuerungs- und Klatschritual um die Ecke kommen, das sie sich irgendwann in Schottland abgeguckt haben. Aber nun ja, wenn ein Außenseiter wie Island so weit kommt, muss man das natürlich toll finden. Ich fand es auch sympatisch und die Invasion der Insulaner sind mit Sicherheit eine der wenigen Erinnerungen, die mir an dieses Turnier bleiben werden – dennoch: Einen Dauer-Orgasmus wie Oliver Kahn, Mehmet Scholl oder der Welke habe ich nicht bekommen, sobald die Rede auf den Inselstaat kam.

Die Außenseiter als Salz in der Suppe

Überhaupt: Die Außenseiter. Sie sind bekanntlich das Salz in der Suppe. Und so argumentiert dann auch die UEFA, wenn die Sprache auf 24 Teilnehmer kommt. Der Kreis schließt sich jedoch spätestens, wenn man dann wieder auf den Gruppendritten kommt, der am Ende noch Europameister werden kann. Schon rein rechnerisch kann man aus 24 Mannschaften eben keine 16 Mannschaften für ein Achtelfinale machen, ohne dabei Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Oder ist ein Sieg (von Albanien) über Rumänien in der Tat weniger wert als drei Unentschieden (von Portugal) gegen Österreich, Ungarn und Island?

24 Mannschaften sind keine Lösung

Egal also, wie man nun dazu steht, dass die internationalen Turniere im Sommer mehr und mehr aufgeblasen werden: 24 Mannschaften sind mit Sicherheit nicht die Lösung. Entweder man macht den Schritt und geht auf 32 Mannschaften oder aber eben man hat endlich ein Einsehen und verringert die Teilnehmerzahl wieder auf 16 Teams.

Keine Reduzierung

Wer die Fußballfunktionäre dieser Welt kennt, wird wissen, dass eine Rückkehr zu weniger Teilnehmern auf keinen Fall passieren wird. Eher wird die Europameisterschaft auf Asien oder Afrika ausgeweitet. Die Copa America hat es in ihrem 100. Jahr schließlich bewiesen: Kontinentgrenzen sind Schall und Rauch.

Wer sich verkleidet, will Spektakel sehen

Was bleibt also wirklich von dieser EM 2016? Wirklich beantworten können, wird man diese Frage erst in ein paar Jahren. Denn zumindest in Sachen Folgschaft der Fans in Sachen Euphorie und Stimmung war das Turnier in Frankreich ein erster – wenn auch kleiner – Rückschritt. Wer genau hingesehen hat, wird gesehen haben, dass es auch in Sachen Eventfans Grenzen gibt – vor allem wenn die fußballerische Qualität fehlt. Wer sich verkleidet, um ins Stadion zu gehen, will Spektakel sehen, Tore, Stimmung, Jubel, Trubel, Heiterkeit… und kein trostloses 0:0.

Immer größer?

Für die UEFA (und auch die FIFA mit ihren Weltmeisterschaften) wird es zunehmend schwieriger, die Balance zu halten. Auf der einen Seite immer größere Turniere und damit verbunden immer mehr Kommerz, aber eben auch Einnahmen. Auf der anderen Seite bedeuten größere Turniere jedoch auch mehr Spiele. Mehr Spiele bedeuten mehr Belastung für die Spieler. Mehr Belastung für die Spieler bedeutet: Irgendwann ist der Akku leer – und dies war eben in den letzten Jahren zunehmend bei den großen internationalen Turnieren im Sommer spürbar. Ein Cristiano Ronaldo, der in den ersten Gruppenspielen kaum in Erscheinung trat, macht da keine Ausnahme. Ist der Akku jedoch leer, stehen nach müdem Gekicke am Ende eben auch torlose Unentschieden unter dem Strich.

Wer braucht die UEFA Nations League?

Irgendwann wird er also kommen: Der Punkt, an dem es nicht mehr größer geht. Der Punkt, an dem sowohl Spieler als auch Zuschauer sagen werden: Bis hier hin und nicht weiter. Man darf gespannt sein, ob dieser Punkt vielleicht schon mit Einführung der UEFA Nations League im September 2018 erreicht wird.