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2. Fußball-Bundesliga 2015/2016, 25. Spieltag
[Freitag, 04.03.2016] 1.FC Nürnberg – 1. FC Kaiserslautern 2:1 (1:1)

Es gibt diese Momente, da kommt man in Erklärungsnot. Man sieht Dinge und weiß, dass sie real sind – und trotzdem fällt es schwer, sie glauben. Ein nicht mehr für möglich gehaltenes, spätes Siegtor der eigenen Mannschaft gehört mit Sicherheit zu diesen Momenten. Innerlich macht man sich bereits mit dem Gedanken eines Unentschiedens vertraut und versucht mitunter sogar, sich mit ihm anzufreunden und dann kommt da dieser eine Moment, in dem plötzlich alles passt und in dem unfreiwillig sogar der Gegner noch mithilft, damit man am Ende jubeln kann.
Ebenfalls in Erklärungsnot geraten kann man, wenn man nach einem Begriff gefragt wird, von dem man genau weiß, was er bedeutet, doch es fehlen die Worte und die Beispiele, um den Begriff zu verbildlichen. Wer jemals in Erklärungsnot geraten sollte, die Begrifflichkeit eines Wechselbades der Gefühle verständlich machen zu müssen, sollte sich das Spiel vom Freitag noch einmal ansehen.
Mit dem Rückenwind von 14 Ligaspielen ohne Niederlage startet der 1.FC Nürnberg auch in das Spiel gegen zuletzt zweimal sieglose Pfälzer durchaus selbstbewusst. Nach Torannäherungen auf beiden Seiten war es schließlich Shootingstar Patrick Erras in der 19. Minute vergönnt, für den ersten Treffer des Tages zu sorgen. Nachdem er von Niclas Füllkrug im Lauterer Strafraum mustergültig bedient worden war, schob Erras aus wenigen Metern ohne große Probleme zum 1:0 ein. Alles schien seinen Lauf zu nehmen – schließlich hatte die Mannschaft von René Weiler die letzten sieben Spiele, in denen man in Führung gehen konnte, am Ende auch stets gewonnen. Das letzte Mal, als eine 1:0-Führung nach 90 Minuten nicht auch einen Dreier bedeutete, war bei Union Berlin und das war Anfang November im letzten Jahr. So erstaunte es dann schon, dass die Gäste sich nur wenig beeindruckt zeigten und schon drei Minuten nach der Nürnberger Führung wieder ausglichen. Der Isländer Jon Dadi Bödvarsson nutzte eine Unaufmerksamkeit in der FCN-Hintermannschaft und netzte zum Unentschieden.
Nun wiederum zeigte sich die Mannschaft von René Weiler ein wenig geschockt – in den eigenen Strategieplan passte dieser Ausgleich offensichtlich nicht, wollte man nach den vielen Spielen in den wenigen Tagen mit den eigenen Kräften doch gerne haushalten. Das tat man dann offensichtlich auch und leistete den Gästen gerade so viel Gegenwehr, wie unbedingt nötig. Eigene Chancen waren im weiteren Verlauf der ersten Halbzeit Mangelware. Einzig ein Schuss von Kevin Möhwald in der 34. Minute sorgte für eine leicht erhöhte Herzfrequenz.
Auch in Durchgang zwei tröpfelte das Spiel zunächst vor sich hin. Guido Burgstaller in der 47. Minute und Hanno Behrens nach genau einer Stunde zeigten zwar, dass man noch nicht alle Bemühungen eingestellt hatte, doch für ernste Gefahr für das FCK-Tor sorgten beide Chancen nicht.
In der 66. Minute begann dann das, was einem im Sinne des Wechselbades der Gefühle aus der Erklärungsnot hilft. Raphael »Magneto« Schäfer verzog nach einem harmlos wirkenden Ball plötzlich das Gesicht und zeigte der eigenen Bank sehr schnell an, dass das Spiel für ihn nicht weitergehen würde. Der Keeper zog sich eine Verletzung an der Achillessehne zu und ließ die Stimmung im Clublager damit fast auf den Nullpunkt sinken. Sollte sich die Befürchtung eines Achillessehnenrisses am Montag bestätigen, wird man sich als Clubfan eventuell mit dem Gedanken vertraut machen müssen, dass das Spiel gegen Kaiserslautern die letzte Partie mit einem Raphael Schäfer zwischen den Pfosten gewesen ist.
Nur wenige Minuten nach der Auswechselung von Schäfer folgte der nächste Schreckmoment: Der eingewechselte Patrick Rakovsky prallte im Luftkampf mit Stipe Vucur zusammen und blieb in der 73. Minute zunächst am Boden liegen. Der Keeper konnte nach Behandlung zum Glück weiterspielen – eine weitere Auswechselung wäre für den Glubb zu diesem Zeitpunkt nicht mehr möglich gewesen. René Weiler hatte nach dem Ausscheiden Schäfers in der 69. Minute Zsoltan Stieber für Sebastian Kerk gebracht und der Ungar war es auch, der für den Rest des Spiels die Hauptrolle spielen sollte. Zunächst stellte sich der Mann, der noch zur EM nach Frankreich will, in der 81. Minute relativ dumm an und ging in ein Kopfballduell allein mit Blick auf den Gegner und nicht auf den Ball. Konsequenz war ein Foulspiel, weil es Stieber ganz offensichtlich mehr auf den Gegner abgesehen hatte, als auf den Ball. Von Schiedsrichter Florian Meyer bekam der Mittelfeldmann im FCN-Trikot noch dazu die Gelbe Karte.
Die Tatsache, dass man in einem Bericht wie diesem auf eine Gelbe Karte so genau eingehen kann, zeigt, dass ansonsten auf dem grünen Rasen nicht viel passierte. Beide Mannschaften neutralisierten sich im Mittelfeld und schienen ab einem gewissen Punkt mit dem Unentschieden durchaus zufrieden. Dem Glubb würde es die Serie der ungeschlagenen Spiele verlängern, für die Gäste würde es den ersten Punkt nach zwei sieglosen Spielen bedeuten.
Ein Wechselbad der Gefühle heißt jedoch genau deshalb Wechselbad der Gefühle, weil nach den negativen Gefühlen der Schäfer-Verletzung, der Angeschlagenheit Rakovskys und der Ideenlosigkeit der eigenen Mannschaft im Spiel nach vorne, plötzlich dann doch noch ein echtes Hochgefühl folgte: Der ebenfalls eingewechselte Danny Blum setzte sich zwei Minuten vor Schluss auf der linken Angriffsseite durch und flankte die Lederkugel in hohem Bogen Richtung Angriffszentrum. Dort unterschätzte FCK-Keeper Marius Müller die Flugkurve des Spielgerätes und faustete letztlich direkt vor die Füße des heraneilenden Stieber. Dieser nutzte die Gelegenheit und schob zum 2:1 ein.
Der Jubel war grenzenlos und es hieße eben nicht Wechselbad der Gefühle, wenn nun nicht noch eine Phase der Angst und der schlimmsten Befürchtungen gefolgt wäre. Stieber hatte sich im Eifer des eigenen Glücks für die ganze Mannschaft beim Torjubel das Trikot vom Leib gerissen und in aller Konsequenz der Regelauslegung von Florian Meyer nun mit der Ampelkarte vom Platz geschickt. Das mag man engstirnig von Schiedsrichter Meyer finden oder dumm von Stieber. Doch während der Schiedsrichter eben in diesem Fall nur wenige Möglichkeiten der Regelinterpretation hat, ging Stieber eben seinen Emotionen nach. Der Mann kommt aus Hamburg nach Nürnberg, um Spielpraxis zu sammeln und sich für eine Reise nach Frankreich zu empfehlen, findet sich jedoch umgehend auf der Bank wieder. Im Moment der großen Chance nutzt er sie, bringt sein Team kurz vor Schluss in Führung – und Entschuldigung, aber nur Eisblöcke haben in einem solchen Moment ihre Emotionen im Griff. Mir persönlich ist ein Mann mit Emotionen in solchen Momenten um ein Vielfaches lieber, denn ohne diese Emotionen wäre es nie und nimmer zum 2:1 gekommen. Also, Zsoltan, von meiner Seite: Alles richtig gemacht!
Die Phase der Angst und schlimmsten Befürchtungen war dann auch eher der Angeschlagenheit Rakovksys und der elend langen (wenn auch berechtigten) Nachspielzeit von sechs Minuten durch Schiedsrichter Meyer geschuldet. Kaiserslautern drückte noch mehr als einmal auf den Ausgleich und bei jeder Aktion musste man befürchten, dass Rakovsky seine Gesundheit verspielt. Nach einem Kopfball von Ex-Clubberer Antonio Colak in der 96. Minute zeigte der FCN-Keeper jedoch, wozu er trotz aller offensichtlichen Schmerzen noch fähig war. Mit einer Glanzparade holte der Torhüter den Ball per Faustabwehr aus dem Eck und bewahrte seiner Mannschaft damit den knappen Sieg.
Am Ende kann man dem Team von René Weiler nur gratulieren: In Sachen Kampf und Siegeswillen macht dieser Mannschaft im deutschen Profi-Fußball niemand etwas vor. Der 1.FC Nürnberg der Saison 2015/2016 hört erst dann auf, wenn der Schiedsrichter abpfeift – und ist auch deshalb seit nunmehr 15 Ligaspielen unbesiegt.