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DER DISORDER – Der Clubspielberichtkommentar

2. Fußball-Bundesliga 2015/2016, 10. Spieltag
[Sonntag, 04.10.2015] RasenBallsport Leipzig – 1. FC Nürnberg 3:2 (3:0)

Hätte es noch einer Anschauung benötigt, wo der 1. FC Nürnberg der Saison 2015/2016 wirklich steht, das Spiel in Leipzig lieferte die Belege. Irgendwo zwischen Katastrophen-Fußball und kämpferischem Einsatz pendelte sich die Anzeige am Ende knapp unter „Zufrieden“ ein. Der Mannschaft von Renè Weiler fehlt nicht viel zu einer Spitzenmannschaft, doch am Ende eben genau das oft spielentscheidende Quäntchen, das den Unterschied macht.
Die Clubfans, die nach drei unbesiegten Spielen in Folge durchaus mit Hoffnungen auf zählbare Erfolgserlebnisse nach Leipzig gefahren waren, erwartete in der ersten Viertelstunde der Dosengesöff-Arena ein Déjà-Vú der schlimmeren Art. Georg Margreitter wusste sich gegen Davie Selke in der sechsten Minuten nicht anders als mit einem Trikotzupfer zu helfen und trat damit gleich eine ganze Lawine katastrophaler Ereignisse los. Die rote Karte gegen den Österreicher, der Elfmeter für Leipzig, das 1:0 in der siebten Minute, dem das 2:0 und das 3:0 in der elften bzw. 16. Minute folgten. Es konnte einem Angst und Bange werden um den Glubb und auch Raphael Schäfer, der nach überstandener Verletzung des Vorzug gegenüber Thorsten Kirschbaum erhalten hatte, hatte sich seine Rückkehr zwischen die Pfosten mit Sicherheit anders vorgestellt. Als „Magneto“ das Spielgerät das erste Mal aus dem Spiel in Händen hielt, stand es bereits 3:0 für die Gastgeber. Der Routinier im Nürnberger Tor war es dann jedoch auch, der den 1. FC Nürnberg vor der Pause noch vor einem Debakel bewahrte. Willi Orban (30.), Massimo Bruno (37.) und Marcel Sabitzer (40.) verpassten das vierte Tor noch vor der Halbzeit und angesichts der Sturmflut in Richtung eigenes Tor sah sich Clubtrainer Weiler bereits nach 35 Minuten veranlasst, die Defensive zu stabilisieren. Laszlo Spesi war an diesem Sonntag ein Totalausfall und musste seinen Platz für Dave Bulthuis räumen. Der Niederländer übernahm die Innenverteidigung, Tim Leibold rückte nach außen.
Auch nach dem Seitenwechsel bot sich für den geneigten Clubfan ein schreckliches Bild. RasenBallsport schien das Spiel nach Belieben zu beherrschen. Wenn die Sachsen das Tempo erhöhten, geriet der FCN unter Druck, wenn die Sachsen das Spiel zügelten, fiel der nun sehr tief stehenden Gast-Mannschaft nichts ein. Das vorherrschende Gefühl befürchtete jedenfalls eher einen vierten Treffer für die Gastgeber als einen Treffer für den FCN.
Die 62. Minute zeigte dann, dass es anders kam: Nach einer Freistoßflanke des Clubbesten Kevin Möhwald nickte Dave Bulthuis zum überraschenden 1:3 ein und nutzte damit die erste FCN-Torchance des Spiels. 14 Minuten später bot sich das Schauspiel dann noch einmal: Wieder eine Freistoßflanke von Möhwald und dieses Mal stand der gerade eingewechselte Niklas Füllkrug genau richtig. Nach 76 Minuten stand es plötzlich nur noch 2:3 und Füllkrug (78.) und Hanno Behrens (80.) hatten nur wenig später den Ausgleich auf dem Fuß – ein Ausgleich, der vermeintlich in der Nachspielzeit dann tatsächlich noch fiel. Erneut hatte Füllkrug getroffen, doch leider aus Abseitsposition.
Böse Zungen mögen nun behaupten, dass eine Abseitsstellung beim 3:3 von Hannover 96 vor knapp zwei Jahren auch niemanden interessiert hat, doch zu ändern ist das nun mal auch nicht mehr. Die Mannschaft hat in Leipzig erneut unter Beweis gestellt, dass sie zumindest eines kann: Kämpfen! Sie glaubt bis zum Abpfiff an sich und auch, wenn die spielerischen Mittel an vielen Ecken und Enden fehlen: Der Glaube an sich selbst hat schon so manchen Berg versetzt.
René Weiler bleiben nun zwei Wochen, um die Mannschaft auf das Spiel gegen Tabellennachbar FSV Frankfurt einzustellen. Da Heimspiele gewonnen gehören und man danach beim eher erfolglosen MSV Duisburg antreten muss, könnte schon beim übernächsten Heimspiel gegen den längst nicht mehr so starken Karlsruher SC so etwas wie eine kleine Serie winken, die man dann beim FCN-Heimspiel hier bei uns in Berlin ausbaut. Wer in Leipzig ein 0:3 noch in ein 2:3 verwandelt, wird ja wohl mal träumen dürfen. Und träumen dürfen wir auf alle Fälle, wenn es René Weiler endlich mal schafft, den 1. FC Nürnberg, den wir in Leipzig in den ersten 60  Minuten gesehen haben, in der Kabine zu lassen und über 90 Minuten den 1. FC Nürnberg zu bringen, der in den letzten Minuten gegen Bielefeld und Leipzig gezeigt hat, dass er es kann, das Fußballspielen.