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Kaum ist es vorbei, schreien sie alle auf. Von Wahnsinn ist die Rede, davon dass es um Summen geht, die sich kein Mensch mehr vorstellen kann und davon, dass man dem ganzen Treiben unbedingt auf die ein oder andere Weise Einhalt geboten werden muss. Der Transfermarkt ist das Sommer- und Wintertheater des Fußballs. Wenn die Spieler schon nicht gegen den Ball kicken, muss man sich doch zumindest dafür interessieren dürfen, für welchen Verein welcher Spieler demnächst aufläuft.

Im Jahreskicker geblättert

Früher war die Sache einfach: Man hatte einen ruhigen, schönen Sommer und wenn man vom Strandurlaub wieder zurück in heimatlichen Gefilden war, hat man sich den Jahreskicker gekauft, dort bei jedem Verein die Zu- und Abgänge studiert und war bestens informiert. Das ginge so zwar in ähnlicher Weise auch heute noch immer – doch abgesehen von dem Problem, dass das Transferfenster bei Erscheinen des Jahresheftes noch über vier weitere Wochen geöffnet sein wird, ist man es in unserer schnelllebigen Zeit eben gewohnt, zeitnah informiert zu sein – und nicht erst nach dem Sommerurlaub.

Das Geschäft der Transfermeldungen

Genau dies haben sowohl Tageszeitungen als auch Internetplattformen für sich entdeckt. Völlig unabhängig davon, welche Summen zwischen den Vereinen inzwischen fließen, ob diese für Otto Normalverdiener noch nachvollziehbar sind und/oder Verträge das Papier, auf dem sie stehen, nicht mehr wert sind: Für die Verlage, die uns mit Transfermeldungen versorgen, sind diese längst selbst zu einem Geschäft geworden. Neben einer Meldung, dass Kevin de Bruyne für 75 Millionen Euro nach England wechselt, lässt sich eben bestens Werbung schalten und selbst, wenn der Wechsel am Ende doch noch geplatzt wäre – der Anzeigenkunde hätte und muss trotzdem bezahlen, hält die entsprechenden Verlage somit auch im Sommerlich finanziell über Wasser.

An die eigene Nase fassen

Wer sich nun also beschwert, dass ihm dieses ganze Transfergebahren in den Fußballpausen auf den Sack geht, sollte sich zunächst einmal – wie auch beim Fußballgeschäft selbst – an die eigene Nase fassen. Weder die Fußballvereine noch die Medien, die über ihn berichten, finanzieren sich – die öffentlich-rechtlichen Sender seien an dieser Stelle einmal bewusst ausgenommen – durch Steuergelder. Sie sind auf Einnahmen und vor allem Gewinne angewiesen – was im Umkehrschluss bedeutet: sie alle sind auf uns angewiesen. Auf Dich, auf mich und auf unsere Kumpel im Stadion. Egal, ob es das überteuerte Trikot ist, egal ob es der Schal ist, der zwar toll aussieht, aber im Sommer im Grunde völlig nutzlos ist – all dies spült Geld in die Taschen der Vereine und macht somit auch den Transfermarkt zu dem, was er ist.

Kapitalismus in England

Wie in der freien Marktwirtschaft auch, sind es gerade im Fußballkapitalismus eben die finanzstärksten Vereine, die die Preise bestimmen. Diese Vereine kommen im Moment definitiv aus England. Dass die Clubs von der Insel vor Geld kaum noch laufen können und deshalb inzwischen auch für mittelmäßige Spieler schon Ablösesummen zahlen, die jenseits von Gut und Böse im zweistelligen Millionenbereich liegen, mag und muss man durchaus kritisch sehen. Zwar gibt es bereits erste Stimmen, dass das System in zwei bis drei Jahren zusammenbrechen wird, weil die Vereine vom Kontinent schon allein bei den hohen Gehältern nicht mehr mithalten können und die Spieler deshalb lieber auf der Insel bleiben und ihre Verträge aussitzen als die Fähre aufs Festland zu nehmen und sich einem Verein anschließen, bei dem sie zumindest zum regelmäßigen Spielzeiten kämen.

Kontakt zu den Fans längst verloren

An dieser Stelle wie Oliver Bierhoff zu befürchten, dass durch die hohen Ablösesummen der Kontakt zu den Fans verloren ginge, ist blanker Unfug. Der Kontakt zu den Fans ist längst verloren gegangen. Was Herr Bierhoff umtreibt ist die Angst vor dem Verlust der eigenen Pfründe, die Angst davor, dass all seine Stars irgendwann im Ausland spielen und die Mannschaft dann in den verschiedensten Spielsystemen in ganz Europa verstreut ist und Bundes-Jogi dann nicht das Glück hat, auf einen Mailänder Block zurückgreifen zu können wie einst Franz Beckenbauer beim Gewinn der WM 1990. Dass sich Nationalmannschaften mit einer großen Anzahl Legionäre bei großen Turnieren stets schwer tun, sieht man an den Beispielen unserer Nachbarländer – oder warum sind die Belgier, die Schweizer und auch die Polen trotz immer wieder hervorragender Spieler in den eigenen Reihen noch ohne Titel? Warum haben die Niederländer sich bisher erst einmal über den Gewinn eines großen Turniers freuen können – und dass als das Gerüst der Mannschaft komplett bei einem Team, nämlich dem AC Mailand, unter Vertrag stand?

Treueschwüre zählen einen Dreck

Dass die Stars und Fußballer den Kontakt zu ihren Fans längst verloren haben, konnte man in der gerade abgelaufenen Transferperiode wieder bestens beobachten. Treueschwüre, Vereinstreue und oft sogar das eigene Wort zählen einen Dreck, wenn Spielerberater und Manager Dollarzeichen in den Augen haben. Die Namen Kevin de Bruyne und Julian Draxler müssen an dieser Stelle wohl kaum erwähnt werden. Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern, wenn die Möglichkeit besteht, das eigene Gehalt von einem auf den anderen Tag zu verdoppeln.

Die Gefahr des Identifikationsverlustes

Für die Fans bleibt da am Ende nur die Vereinsliebe – unabhängig davon, welche elf Spieler im Trikot der Lieblingsmannschaft nun gerade auflaufen. Und bei aller Gefahr des Identifikationsverlustes ist es schließlich genau diese Vereinsliebe und -treue, die den wahren Fußballfan ausmacht. Man gibt seinen letzten Euros dafür aus, den eigenen Verein auf allen Plätzen der Republik spielen zu sehen, spart sich das neue Trikot vom Mund ab und und natürlich will man als Fan auch wissen, wer in der kommenden Saison für den eigenen Verein spielt. Vielleicht ist ja ausgerechnet in dieser Wechselperiode genau der eine Lucky-Punch-Spieler mit dabei, der dem Verein auf Jahre Ruhm, Ehre und viele gewonnene Spiele bringen wird. Das darf man doch nicht verpassen und so wird eben auf jedes noch so absurde Transfermarktgerücht geklickt. Das Geschäft mit den Spielerwechseln scheint inzwischen auf für die Medien derart lukrativ, dass sich Bezahlsender Sky inzwischen einen eigenen Kanal leistet, der 24 Stunden rund um die Uhr nur ein Thema kennt: Welcher Fußballer zieht sein Trikot aus, um in der kommenden Saison ein anderes Jersey zu tragen?

Auch mal verzichten können

Wem das auf die Nerven geht, der muss eben einfach darauf verzichten, auf jedes noch so wilde Gerücht im Internet zu klicken und/oder das Schmierblatt nur deshalb zu kaufen, weil da was von Lionel Messi steht und dieser angeblich eine neue Herausforderung sucht.
Auch in der heutigen Zeit soll das noch funktionieren: Transferperiode einfach ausblenden und dann später einfach durch den Kader des eigenen Vereins schauen. Am Ende zählen doch sowieso nur die Ergebnisse und bei allem anderen bestimmt eben die Nachfrage das Angebot. So lange es genügend Verrückte gibt, für die es keine schönere Beschäftigung gibt, sich auf Arbeit über die neuesten Transfergerüchte zu unterhalten, weil Testspiele in der Vorbereitung zu wenig Gesprächsstoff bieten, so lange wird es den Wechselirrsinn in der fußballlosen Zeit geben. Und man kann sich sicher sein: Hinter den verschlossenen Türen der Fußballvereine geht die Sache bei weitem nicht so hektisch vor sich, wie es die BILD-Zeitung versucht, ihren Lesern weiß zu machen.

Gelassenheit ist angebracht

Ein wenig mehr Gelassenheit täte uns allen, die wir den Fußballsport lieben, gut – und ja, so ein wenig fußballlose Zeit kann auch mal gut tun. Probieren Sie es doch im Winter einfach mal aus, ziehen Sie sich auf eine einsame Berghütte zurück und lassen sie den lieben Herrn Fußballgott einen netten Mann sein. Den Rest regelt unser kapitalistisches System schon von selbst. Diverse Internetblasen und Börsencrashs haben das bewiesen. Und man darf gespannt sein, wie unser aller Fußball nach dem Zusammenbruch aussieht.