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DER DISORDER – Der Clubspielberichtkommentar

2. Fußball-Bundesliga 2014/2015, 13. Spieltag
[Freitag, 01.11.2014] SV Sandhausen – 1. FC Nürnberg 2:1 (1:1)

Wie tief kann man eigentlich in nur eineinhalb Jahren sinken? Gerade eineinhalb Jahre ist es her, da spielte man mit dem Glubb vor fast ausverkauftem Haus im Max-Morlock-Stadion gegen Mannschaften, die zur Elite des deutschen Fußballs gehören und den FCN respektvoll in ihrer Mitte akzeptierten. Ganze 18 Monate – da schloss man die Bundesliga-Saison als Tabellenzehnter vor Mannschaften wie Wolfsburg, Mainz oder auch Augsburg ab. Man schien etabliert im Oberhaus des deutschen Fußballs und selbst die Tatsache, dass man in der letzten Saison nach 13 Spielen (und später auch nach 17 Spielen) noch ohne Sieg dastand, sah man allenfalls Ergebniskrise und war sich sicher: Platzt der Knoten erst einmal und der erste Sieg ist eingefahren, wird sich der Erfolg auch wieder einstellen.
Nun, inzwischen weiß man, dass es letztlich so kam, wie es kommen musste: Der Club stieg ab und spielt im November 2014 vor 6436 Zuschauern in einer kleinen Stadt namens Sandhausen. Weiß eigentlich jemand, wo das ganz genau liegt? Und noch schlimmer: Man spielt nicht nur in Sandhausen, man verliert sogar in Sandhausen!
Seit nunmehr mindestens 18 Monaten kriegt der 1. FC Nürnberg die Kurve nicht mehr. Der Weg führt nach unten – stetig, steil und wenn nicht bald was passiert auch unaufhaltsam. Kurze Zwischenhochs mögen den Blick da verstellen und im Tagesgeschäft Fußball das Gemüt wohl leider auch viel zu schnell wieder beruhigen. Schaut man jedoch auf die Ausbeute des Club seit dem überstürzten Abgang eines Dieter Hecking an Weihnachten 2012, bleibt nicht viel mehr als erschreckende Ernüchterung. Dem Herrn Hecking – so weh es tut – kann man zu seinem Schritt nur gratulieren. Mit dem VfL Wolfsburg (eben jener Fussballclub, der vor 18 Monaten noch hinter dem Club stand) steht der Trainer auf Platz zwei der Bundesliga-Tabelle, während der FCN irgendwo im hinteren Mittelfeld der zweiten Liga dümpelt. Hat der Fußball-Lehrer damals etwas geahnt?
Fakt ist: Seit dem Weggang von Dieter Hecking passt beim Club nichts mehr zusammen! Michael Wiesinger holte als Nachfolger in der Rückrunde 2012/2013 in Spielen, in denen es um was ging minimale 14 Punkte – ganze drei Siege in 15 Spielen. Dass am Ende der Saison in Spielen, in denen es für den Glubb um nichts mehr ging, gegen Düsseldorf und Bremen noch sechs Punkte geholt wurden: Geschenkt! Und wahrscheinlich das größte Unglück, dass dem FCN passieren konnte – glaubte man doch plötzlich daran, dass Michael Wiesinger doch der richtige Mann sei. Wohin das letztlich führte, ist bekannt und spätestens mit der Kurzschlusshandlung Gertjan Verbeek erst in den Himmel zu jubeln, um ihn dann wenige Spieltage vor Saisonschluss wieder vom Hof zu jagen, ist man beim FCN wieder in alte Chaostage-Strukturen verfallen.
Eine neue, junge und unerfahrene Mannschaft soll gemeinsam mit ihrem neuen, jungen und unerfahrenen Trainer dann den direkten Wiederaufstieg schaffen? Spätestens seit Freitag wissen wir, wohin das führen kann. Und so steht man beim FCN nun vor der dritten Trainerentlassung innerhalb eines guten Jahres. Eine Trainerentlassung, die aufgrund der sportlichen Situation unumgänglich scheint. Hatte man nach der ersten großen Krise die Kurve durch zwischenzeitlich sieben Punkten aus drei Spielen scheinbar noch gekriegt, muss man nun konstatieren: Die Krise dauert seit Beginn der Saison – die Spiele gegen Kaiserslautern, Bochum und Leipzig waren glückliche Ausschläge nach oben.
Deutliches Indiz für eine kontinuierliche Talfahrt: Zum ersten Mal in dieser Saison verliert der Club in Sandhausen nach Vorsprung. Konnte man bisher argumentieren, dass die junge und unerfahrene Mannschaft nicht mit Rückschlägen umgehen kann und bei Gegentoren noch nicht die nötige Stabilität mit bringt, um ins Spiel zurück zu finden, fehlt einem im positiven Sinne nun jedes Argument. Hatte es der Club in dieser Saison bisher zumindest geschafft, die Spiele zu gewinnen, die er mit einem positiven Erlebnis (sprich: einem eigenen Treffer) beginnt, bleibt nach Sandhausen nicht einmal mehr dieses Bruchstück der Hoffnung.
Den durchaus gut anzusehenden Ansätzen, die das Team von Valerien Ismaël in der Anfangsphase im Hardtwaldstadion zeigte und aus denen letztlich auch das 1:0 durch Niclas Füllkrug in der 16. Minute entstand und sogar verdient war, folgten Unkonzentriertheiten im Abschluss, zugegeben auch ein wenig Pech und aber eben letztlich auch die Aufgabe jeglicher Ordnung und Disziplin. Mochte der Ausgleich für Sandhausen durch Alexander Bieler nur zehn Minuten nach der Führung noch mehr oder weniger aus heiterem Himmel gefallen sein, nahm das Spiel doch spätestens mit dem Seitenwechsel eine Wende, die man beim FCN nur allzu gut kennt. Erst weiß sich Ondrej Petrak in der 58. Minute nicht anders zu helfen, reißt den aufs Clubtor zustürmenden Rene Gartler einfach um und sieht entsprechend zurecht die Rote Karte. Dann stürmt der FCN im Stile eines verwundenten Tieres für ein paar Minuten auch in Unterzahl auf das Tor der Gastgeber, bleibt jedoch nach vorne erfolglos, während auf der anderen Seite genau das passiert, was nicht passieren darf: Andrew Wooten trifft in der 77. Minute zum 2:1. Und was dann auf Seiten des FCN folgt, hat mit Fußball nichts mehr zu tun.
Der 1. FC Nürnberg ist im November 2014 wieder im Abstiegskampf angekommen – an sich nichts Neues, nur eben eine Klasse tiefer. Mit Leistungen, wie in den letzten Wochen ist damit das Ende der Fahnenstange jedoch noch lange nicht erreicht und schon in Jahresfrist sitzt man dann hier und schreibt: Der 1. FC Nürnberg ist im November 2015 wieder im Abstiegskampf angekommen… in der dritten Liga. Ansätze (sprich: Baustellen), wie dies zu verhindern wäre, gibt es genug. Wichtig ist, dass man sich beim Club nun endlich entschließt, die Sache ernsthaft anzugehen – so schnell wie möglich und so gründlich wie nötig. Ein erneuter Trainerwechsel ist mit Sicherheit eine Option – die junge Mannschaft braucht einen erfahrenen Mann an der Seitenlinie, der die Probleme nicht nur erkennt, sondern aus Erfahrung eben auch weiß, wie man sie abstellt. Ein erneuter Trainerwechsel kann und darf jedoch auch nicht die einzige Option bleiben.
Durch die Länderspielpause am kommenden Wochenende hat man nun zwei Wochen Zeit, die Weichen endlich wieder in Richtung erfolgreiche Zukunft zu stellen. Mit einer Führung, die auch auf sportlicher Ebene die nötige Kenntnis besitzt, könnte man in der Winterpause nachjustieren. Und käme der Wechsel jetzt, diese sportliche Führung hätte bis zur Winterpause sogar hoch genügend Zeit, um sich entsprechend einzuarbeiten.
Und wer weiß: Vielleicht folgt dann ja ein Déjà-Vu der besonderen Art: Als der Club das letzte Mal in der zweiten Liga kickte, kam die endgültige Wende auch Mitte November… mit einem 3:0-Sieg beim FC Ingolstadt.