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DER DISORDER – Der Clubspielberichtkommentar

2. Fußball-Bundesliga 2014/2015, 4. Spieltag
[Freitag, 29.08.2014] Union Berlin – 1.FC Nürnberg 0:4 (0:2)

Wäre man durch die Pleitenserie der letzten Wochen nun zur durch und durch sarkastischen Natur geworden, man könnte nach dem Clubspiel am Freitag in Berlin sagen: Der 1. FC Nürnberg hat nun endlich auch in der zweiten Bundesliga einen Gegner gefunden, der das Fußballspiel noch schlechter beherrscht als man selbst. Doch so einfach ist es natürlich nicht. Und letztlich wichtig für alle: Durch einen Befreiungsschlag im richtigen Moment haben die Verantwortlichen in letzter Sekunde das Steuer herumgerissen und in erster Linie sich selbst zunächst einmal eine ruhige Länderspielpause verschafft. Kaum auszudenken, was passiert wäre, wenn das Ding bei Union in die Hose gegangen wäre und die Zerfleischungsversuche einiger Herren, die meinen, es besser zu können, auf fruchtbaren Boden gefallen wäre und die Schlagzeilen der kommenden zwei Wochen bis zum Düsseldorf beherrscht hätten.
So hat die Mannschaft von Valerién Ismaël zumindest eine nicht unwichtige Sache erreicht: Ruhe! Und zwar ziemlich deutliche Ruhe! Verdiente Ruhe! Zumindest insofern verdient, als dass der Auftritt in der Hauptstadt nach all den Pleiten der letzten Wochen Respekt verdient.
Schlüsselszene der Partie war hierbei unbestritten ein Freistoß von Björn Jopek in der vierten Minute. Der Offensivmann von Union schlenzte den Ball an den Querbalken und verbuchte damit das Pech, das der Club in der letzte Saison so gerne für sich in Anspruch nahm. Jedem Fußballkenner war klar: Wäre der Ball statt ans Gebälk im FCN-Tornetz gelandet, das Spiel hätte einen komplett anderen Verlauf genommen. Wieder wäre man auf Seiten der Franken einem Rückstand hinterher gerannt, wieder hätte das Kopfkino über die Reaktionen nach dem Spiel eingesetzt.
Doch hätte, wäre, wenn einmal umgekehrt – der Club an diesem Freitagabend schien aus der vergebenen Chance der Gastgeber noch Selbstbewusstsein zu ziehen. Nach dem Motto: Erste Schrecksekunde überstanden, jetzt kann nichts mehr schief gehen, stürmte der neunmalige deutsche Meister nach vorne ins Glück. Und dieses Glück Daniel Candeias. Der Portugiese erzielte seinen ersten Treffer für den Glubb in der siebten Minute seines ersten Pflichtspiels – die Statistiker mögen in ihren Unterlagen suchen, ob das jemals ein Clubspieler schneller geschafft hat. Robert Koch hatte ich im Mittelfeld gegen Baris Özbek und Fabian Schönheim durchgesetzt, Candeias steil geschickt und dieser zog aus 18 Metern einfach mal ab. Dass Union-Keeper bei dem Schuss nicht gerade glücklich aussah? – Geschenkt!
Der Club indes legte nach, kam durch Alessandro Schöpf in der 20. und 23. Minute zu weiteren Chancen – und nach einer exakten halben Stunden zum verdienten 2:0. Dieses Mal bereitete Candeias vor und flankte vor der rechten Angriffsseite. Und wer den Unterschied zwischen Union und Club an diesem Abend sehen möchte, schaue sich in der Mitte des Berliner Strafraums nur diese eine Szene an: Während Timo Gebhart in Richtung Ball läuft und diesen zum 2:0 im Berliner Tor unterbringt, bleibt Christopher Trimmel trotz kürzerem Laufweg einfach stehen und sieht sich den Nürnberger Treffer aus kürzester Distanz an. Es war herrlich!
In ihrer Ratlosigkeit gegen einen starken Club fiel den Gastgebern schließlich nur das Mittel der eigenen Dezimierung ein. Kurz vor der Pause blieb Martin Dausch in unmittelbarer Nähe zum Mittelkreis (!) einfach stehen, ließ Candeias jedoch nicht einfach nur auflaufen, sondern hob im selben Moment auch noch selten blöd den Ellbogen auf Kopfhöhe, dass Schiedsrichter Frank Willenborg fast keine andere Wahl hatte, als den roten Karton in den Berliner Abendhimmel zu strecken. Und noch schöner aus Nürnberger Sicht: Nach dem Seitenwechsel ging das so weiter. Nur Christopher Trimmel wird wissen, was in Christopher Trimmel gefahren ist, als er in der 63. Minute mit gestrecktem Fuss in den Mann (-> Ondrej Petrak) springt, obwohl er erst vier Minuten zuvor bereits die Gelbe Karte gesehen hatte.
So hieß es 27 Minuten vor Schluss elf gegen neun und der 1. FC Nürnberg tat genau das, was er tun musste: Er stellte auf Konter um und wartete ab. Schnell mit Peniel Mlapa in der 67. Minute noch einen Konterstürmer einwechseln und nur 19 Sekunden (!) später stand es 3:0. FCU-Torhüter leistete sich nämlich bei einem Gebhart-Schuss den nächsten Lapsus und klatschte den Ball nach vorne ab. Mlapa war zu Stelle und das Spiel war entschieden. Zehn Minuten später nutzte auch Robert Koch noch den rabenschwarzen Tag von Keeper Haas aus und hämmerte die Lederkugel in der 78. Minute aus spitzem Winkel zum 4:0-Endstand ins Union-Tor.
Der Rest war Freude – der Club kann doch noch gewinnen und tut seinen Berliner Anhängern sogar noch den Gefallen und tut dies praktisch vor der Haustür. Danke, Glubb, für diesen schönen Abend! Und wenn Trainer Valerién Ismaël nach dem Spiel schon davon sprach, dass an diesem Abend eine neue Mannschaft geboren sei, dann wollen wir die Bestätigung des Gesagten gerne im nächsten Heimspiel gegen Fortuna Düsseldorf begutachten.