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DER DISORDER – Der Clubspielberichtkommentar

Fußball-Bundesliga 2013/2014, 12. Spieltag
[Samstag, 09.11.2013] Bor. Mönchengladbach – 1.FC Nürnberg 3:1 (0:1)

Es wird nun also von Woche zu Woche schwieriger, die Spiele des 1. FC Nürnberg zu kommentieren, ohne den leidigen Anruf beim Fußballgott oder zumindest die Frage nach irgendwelchen Verschwörungstheorien beim DFB aufzuwerfen. Zum zweiten Mal hintereinander hat der Club in diesem November 2013 ein Fußballspiel verloren, das er nie und nimmer und unter keinen Umständen hätte verlieren dürfen. Zum zweiten Mal binnen einer Woche sieht man sich selbst nach einem Clubspiel mit riesengroßen Fragezeichen in den Augen auf der Suche nach der Antwort, wie ein solches Fußballspiel verloren gehen kann. Und wie vor Wochenfrist könnte man es sich nun einfach machen und sagen: Es lag an der Chancenauswertung!
Der 1. FC Nürnberg lieferte am späten Samstagnachmittag im Borussenpark zumindest in den ersten 70 Minuten eine der besten Leistungen in dieser Saison ab, zeigte sich gegenüber der Vorwoche noch ein Stück konzentrierter und sicherer in den eigenen Aktionen. Die Mannschaft ließ die Handschrift ihres neuen Trainers noch wieder ein wenig deutlicher erkennen und ganz offensichtlich hatte Gertjan Verbeek seine Hausaufgaben gemacht. Die Gastgeber, die bisher alle fünf Heimspiele dieser Saison gewonnen hatten, fanden in der ersten Halbzeit nur selten ein Mittel, die Gäste aus Franken unter Druck zu setzen, geschweige denn, das eigene Spiel einmal entfalten zu können. Im Borussenpark spielte nur eine Mannschaft und das war der 1. FC Nürnberg. Mit aggressivem Pressing, einer hoch stehenden Defensive und gutem Zweikampfverhalten setzte man die Gladbacher unter Druck und zwang die Borussia so zu Fehlern, die man sonst nur selten bei ihr sieht.
Die logische Konsequenz: Das 1:0 für den Club in der 21. Minute. Hiroshi Kiyotake dribbelte an der Strafraumgrenze die halbe Gladbacher Abwehrkette schwindelig und setzte dann den entscheidenden Pass in den Lauf von Josip Drmic. Der Schweizer fackelte nicht lang, sondern zog aus knapp 15 Metern ab und ließ Marc ter Stegen im Gladbacher Gehäuse keine Chance. Da war sie die Führung – ein Gefühl, das man beim Club schon gar nicht mehr kannte und zuletzt am 5. Spieltag bei Eintracht Braunschweig genießen durfte – das war am 15. September. Mit diesem Gefühl im Rücken setzte der Club nach, versäumte es vor der Pause jedoch, auf ein beruhigendes 2:0 zu erhöhen.
FCN-Sportdirektor Martin Bader sagte es in der Halbzeit an den Reporter-Mikrofonen, womit man im zweiten Durchgang nun zu rechnen habe: Mit stürmenden Gladbachern. Doch Pustekuchen – nichts dergleichen passierte, weil der FCN weiterhin hoch konzentriert die Räume eng machte und mit Nachdruck verdeutlichte, dass man ergebnistechnisch nachlegen will. Die größte Chance zum Nachlegen hatte dabei der Torschütze Drmic, der plötzlich allein in Richtung Borussen-Tor unterwegs war. Granit Xhaka konnte den Nürnberger Stürmer in letzter Sekunde stellen – jedoch nicht, ohne diesen im Strafraum regelwidrig von den Beinen zu holen. Das ganze Stadion wartete auf den Pfiff, doch Schiedsrichter Christian Dingert verweigerte seinen Dienst an der Pfeife. Ein Skandal, dass es nach 53 Minuten noch immer nur 1:0 für den Club stand und die Chance zum 2:0 durch einen mehr als fälligen Elfmeter nicht gegeben wurde.
Zehn Minuten später nahm das Drama dann seinen Lauf. Per Nilsson deutete Oberschenkelprobleme an, zeigte dann jedoch Unverständnis, als sein niederländischer Trainer ihn daraufhin vom Platz nahm und durch Niklas Stark ersetzte. Ganz offensichtlich hatte es sich bei dieser im weiteren Spielverlauf nicht ganz unwichtigen Auswechselung um ein Missverständnis zwischen dem Innenverteidiger und seinem Trainer gehandelt. Das durch den Wechsel in der Verteidigung entstandene Durcheinander in der Nürnberger Hintermannschaft nutzte Raffael nur zwei Minuten später für einen ersten Warnschuss. Raphael Schäfer konnte den Schussversuch des Brasilianers in der 64. Minute noch parieren, war in der 72. Minute dann jedoch machtlos, als Juan Arango in rund zwanzig Metern Torentfernung viel Zeit und Platz hatte, um Maß zu nehmen und das Spielgerät unhaltbar in den Winkel des Nürnberger Tornetzes versenkte.
Statt 2:0 für den Club stand es nun also 1:1 und nur wenige Minuten später sollte es noch schlimmer kommen. Schiedsrichter Dingert sah in der 74. Minute auf halblinker Position ein Foul von Emanuel Pogatetz, wo keins war. Den geschenkten Freistoß brachte Arango scharf  in den Nürnberger Strafraum, wo der eingewechselte Niklas Stark den Ball denkbar unglücklich erwischte und ins eigene Tor drosch.
Doch damit noch nicht genug der Aufregung, denn sieben Minuten vor Schluss kam der FCN noch einmal und Drmic haute den Ball aus kurzer Distanz an die Unterkante der Latte, von wo der Ball hinter die Gladbacher Torlinie sprang – von dort jedoch dummerweise zurück ins Spiel. Alle Welt hatte gesehen, wie die Lederkugel hinter der Torlinie aufsprang – nur Schiedsrichter Dingert und seine Assistenten wieder nicht. Die Anerkennung des Treffers blieb also aus und statt 2:2, das eigentlich dann das 3:1 für den Club hätte bedeuten können, stand es weiter 2:1 für Borussia Mönchengladbach. Dass Patrick Herrmann in der 87. Minute dann gegen nun demoralisierte Gäste noch das 3:1 markierte und so den letzten Wind aus der Partie nahm, sei an dieser Stelle nur aus Chronistenpflicht erwähnt.
Der Club bleibt auch nach zwölf Spieltagen weiter sieglos – und vor allem weiter glücklos. Und ja: Mit der mangelhaften Chancenauswertung ist man durchaus auch des eigenen Unglücks Schmied. Dennoch kann und darf es nicht sein, dass auch die Schiedsrichter immer wieder entscheidend in die Entwicklung der Clubspiele eingreifen. Konnte man vor Wochenfrist mit der Entscheidung Manuel Gräfes vielleicht noch leben, den Treffer von Pogatetz, der das 1:0 für den Club und damit eine Menge Sicherheit bedeutet hätte, nicht zu geben, grenzt die falsche Einschätzung der Elfmetersituation schon an grobe Fahrlässigkeit. Und schaut man sich zudem die anderen Spiele nicht nur dieses Spieltages an und nimmt die Pfiffe der Unparteiischen einmal genauer unter die Lupe, muss manchmal fast zwangsläufig die Frage aufkommen: Im Zweifel gegen den Verein, der in der Tabelle weiter unten steht? Im Zweifel für den Favoriten und gegen den Underdog? Im Zweifel für die Bayern, Dortmund oder Leverkusen und gegen Augsburg, Braunschweig oder eben den Club?
Für den 1. FC Nürnberg spitzt sich die Lage also auch nach einem guten Drittel der Saison weiter zu. Noch immer wartet man auf den vielleicht und hoffentlich befreienden ersten Saisonsieg und passend zum St. Martinsfest hat man nun also auch noch die rote Laterne von Aufsteiger Eintracht Braunschweig übernommen.
Die eigene Gefühlslage ist dabei auch beim Autor dieser Zeilen ähnlich unsicher, wie sie nach all den Rückschlägen der letzten Wochen bei den Clubspielern sein dürfte. Trainer Verbeek hatte vor dem Spiel in Mönchengladbach einen Auftritt mit „Mut und Herz“ von seiner Mannschaft gefordert. Diesen Auftritt hat er bekommen – auf richtig gute Ergebnisse wartet er jedoch weiter vergeblich. Leider sind es aber die Ergebnisse, die letztlich zählen und auch, wenn alle Welt durchaus respektvoll bemerkt, dass der Club im Moment sehr viel besser spielt, als es diese Ergebnisse ausdrücken, dann erinnert gerade dies den DISORDER mit beunruhigender Vehemenz an die letzte Abstiegssaison. Auch damals hieß es immer wieder, wir haben eigentlich in den Ansätzen gut gespielt und gezeigt, dass wir mit dem Gegner mehr als mithalten können. Am Ende hat uns dann ein wenig das Glück gefehlt. Und eben die Ergebnisse…. oder auf den Punkt gebracht: Am Ende fehlten die nötigen Zähler zum Nichtabstieg. Die Befürchtung, dass es am Ende dieser Saison auch so sein könnte, wächst nun von Spieltag zu Spieltag und auch ein Blick in die Statistik verheißt wenig Gutes. Dass eine Mannschaft nach zwölf Spieltagen noch ohne Sieg dasteht, hat es im deutschen Fußball-Oberhaus bisher drei Mal gegeben. 1963/1964 war der 1. FC Saarbrücken ähnlich erfolglos und stand genau wie 1860 München in der Saison 1977/1978 mit gerade mal zwei Unentschieden und dementsprechend zwei Punkten am Tabellenende. Der MSV Duisburg hatte es 1994/1995 nach zwölf Spieltagen immerhin schon zu drei Unentschieden und entsprechenden drei Punkten gebracht. Allen drei Teams ist jedoch eines gemeinsam: Am Ende der Saison stand der Abstieg in die zweite Liga.