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DER DISORDER – Der Clubspielberichtkommentar

Fußball-Bundesliga 2013/2014, 5. Spieltag
[Sonntag, 15.09.2013] Eintracht Braunschweig – 1.FC Nürnberg 1:1 (0:1)

So langsam wird es dann doch kritisch. Der 1. FC Nürnberg konnte auch die Länderspielpause nicht nutzen, um für einen Befreiungsschlag auszuholen und befindet sich nach einem Trauerspiel in Braunschweig schon früh in der Saison mitten im Abstiegskampf. Und auch, wenn die Verantwortlichen betonen, dass sie dies von Anfang an gesagt haben und der Club nun mal eine Mannschaft sei, die in jeder Saison gegen den Abstieg spielt, schrillen im Hintergrund nun bereits die Alarmglocken: Mit einer Leistung wie in Braunschweig, die der Leistung gegen Augsburg vor zwei Wochen in keiner negativen Nuance nachstand, wird man den Kampf gegen den Abstieg sang- und klanglos verlieren.
Sucht man – der Stecknadel im Heuhaufen gleich – etwas Positives am Spiel des Clubs, findet man nach endloser Wühlerei vielleicht die Tatsache, dass der 1. FC Nürnberg am späten Sonntagnachmittag tatsächlich gleich die erste sich bietende Chance zu einem Tor genutzt hat. Bezeichnend und durchaus der Ironie des letzten Satzes angemessen: Das Tor fiel in der 28. Minute. Bis dahin präsentierten beide Mannschaften im Braunschweiger Eintracht-Stadion Fußball zum Abgewöhnen und unterstrichen mit jeder weiteren Spielminute den Eindruck, dass hier zwei Mannschaften gegeneinander kickten, die im Bewerbungsrennen um die beiden direkten Abstiegsplätze momentan ganz weit vorne liegen.
FCN-Trainer Michael Wiesinger hatte mal wieder umgestellt: Markus Feulner blieb draußen, weil er krank war, Javier Pinola war gelb-rot gesperrt und Niklas Stark und Robert Mak erhielten eine – wie es der Kicker nannte – Denkpause. Wobei vor allem bei Robert Mak etwas mehr dahinter stecken dürfte, vermeldeten einschlägige Kreise am Montag doch, dass Mak aufgrund einer Disziplinarstrafe nicht zum Kader gehörte, weil er sich unerlaubt in die slowakische Heimat verabschiedet hatte. Für die vier Fehlenden durften Timothy Chandler, Marvin Plattenhardt, Neuzugang Makoto Hasebe und der nach langer Verletzungspause wieder genesene Adam Hlousek von Beginn an ran. Mehr als die ungenauen und ineffektiven langen Pässe von hinten heraus, fiel jedoch auch dem neuen Personal nicht ein. Braunschweig hatte keinerlei Mühe, die harmlosen Angriffsbemühungen des Gastes schon im Keim zu ersticken und sich seinerseits die ein oder andere gute Chance zu erarbeiten – wobei das Wort „Chance“ hier fast ausschließlich bis zum vorletzten Ball galt, zeigten sich die Gastgeber im Abschluss doch zunächst allerhöchstens auf Zweitliganiveau. Ein Niveau, dem sich der FCN mühelos anpasste und so musste in bereits besagter 28. Minute eine Einzelleistung her, um das Braunschweiger Tor in Gefahr zu bringen. Timothy Chandler fasste sich ein Herz, sprintete mit Ball am Fuß fast bis zur Grundlinie und hob die Flanke in Richtung zweitem Pfosten. Und als den chronischen Nörglern unter den Clubfans schon die ersten Töne des Missfallens über die Lippen kamen, stand im langen Eck Hlousek genau richtig und drückte die Lederkugel über die Torlinie.
Wer jedoch geglaubt hatte, die glückliche Führung würde dem Club Sicherheit und Selbstbewusstsein vermitteln, sah sich schnell getäuscht. Im Gegenteil geschah genau das, was beim Club den Unterschied zu den sorgenfreien Spielzeiten der jüngeren Vergangenheit ausmacht. Das Team von Michael Wiesinger steht in der Abwehr alles andere als sicher und konnte sich einmal mehr bei seinem Keeper Raphael Schäfer bedanken, dass es mit der knappen Führung in die Halbzeitpause ging. Zwei Mal musste der Keeper vor dem Seitenwechsel in höchster Not retten und wäre der Gegner nicht Eintracht Braunschweig gewesen, es hätte mit Sicherheit noch vor der Halbzeit im Nürnberger Tor geklingelt.
Nach dem Pausentee kamen die Mannschaften unverändert aus den Kabinen und wie eng Jubel und Leid im Fußball manchmal beieinander liegen, zeigte Daniel Ginczek in der 46. Minute. Frei vor Eintracht-Keeper Marjan Petkovic verzog der Club-Stürmer um wenige Zentimeter. Wäre in dieser Situation das 2:0 für den Club gefallen, die Partie hätte wahrscheinlich einen anderen Ausgang genommen. Als Entschuldigung für das, was folgte, kann dies indes unter keinen Umständen herhalten. Der Club stellte das Fußballspielen erneut ein und bettelte förmlich um den Ausgleich. In der 67. Minute konnte Schäfer diesen noch verhindern, als er gegen den völlig frei vor ihm auftauchenden Domi Kumbela aus kürzester Distanz glänzend parierte. Vier Minuten später war dann allerdings auch der einzige Nürnberger in Normalform machtlos. Omar Elabdellaoui konnte in der 71. Minute nach Querpass durch den Nürnberger Strafraum völlig freistehend aus etwa 15 Metern abziehen und traf zum – man muss es leider so sagen – längst überfälligen Ausgleich.
In den verbleibenden zwanzig Minuten wartete man als Clubfan dann vergeblich auf das Aufbäumen des eigenen Teams. Im Gegenteil: Braunschweig drückte nun auf den Siegtreffer, scheiterte jedoch selbst in aussichtsreichen Positionen stets entweder an den eigenen Nerven und verzog, oder aber an einem bestens aufgelegten Raphael Schäfer. Der Keeper entschärfte in der 82. Minuten und in der Nachspielzeit zwei hundertprozentige Chancen der Hausherren und hielt den Auswärtspunkt damit im wahrsten Sinne des Wortes fest.
Der Rest der Nürnberger Mannschaft präsentierte sich blutleer, ohne Kampfeswillen und vor allem im Spiel nach vorne ideenlos. Hatte man in der Länderspielpause noch gehofft, die Verpflichtung von Hasebe würde dem Spiel von Hiroshi Kiyotake Auftrieb geben, sah man sich am frühen Sonntagabend nicht einen Schritt weiter als nach dem Spiel gegen Augsburg. Den großen Worten der Verantwortlichen, gegen den bis dahin noch punktlosen Aufsteiger die Wende zum Besseren schaffen zu wollen, folgte rein gar nichts und wer Kiyotake in der 88. Minute bei seiner Auswechselung vom Platz traben sah, wird sich schon fragen, was da in der Mannschaft nicht stimmt. Statt bis zur letzten Sekunde zu kämpfen und auch bei schlechtem Spielverlauf noch auf den befreienden Siegtreffer zu drängen, ergibt sich der Club momentan viel zu oft seinem Schicksal, lässt den Kopf hängen und konzentriert sich mehr darauf, Schlimmeres zu verhindern, als um Besserung zu kämpfen.
Schlechte Zeiten und Serien ohne Sieg hat es auch unter Wiesingers Vorgänger Dieter Hecking gegeben, dennoch hatte man bei dem Ex-Polizist stets den Eindruck, dass er wusste, was er tut und vor allem, wie er die Mannschaft wieder aufbaut. Auch Michael Wiesinger hatte in der Rückrunde der letzten Saison bereits eine solche Phase, als es zwischen Spieltag 29 und 32 vier Niederlagen am Stück bei 1:9 Toren hagelte. Mit den Dreiern in Düsseldorf und gegen Bremen gelangen zum Ende der Saison noch versöhnliche Siege, mit denen man zu dem späten Zeitpunkt der Saison und vor allem aufgrund der im Abstiegskampf bereits herrschenden Sorglosigkeit nicht unbedingt hatte rechnen können. Der junge Trainer wird nun schnell beweisen müssen, dass er den Turnaround auch unter Druck schafft. Denn auch, wenn Sportdirektor Martin Bader am Tag nach dem Spiel gegen Braunschweig äußerte, dass man auch „diesmal nicht in Hektik verfallen“ wolle, hilft eine durchaus im Bereich des Möglichen liegende Niederlage am kommenden Samstag zu Hause gegen Dortmund der Beruhigung der Gemüter mit Sicherheit wenig. Und blickt man dann auf die anstehenden Aufgaben in Bremen, gegen den HSV und dann in Frankfurt und Stuttgart, kann man schon mal zu dem Schluss kommen: So langsam wird es dann doch kritisch.