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DER DISORDER – Der Clubspielberichtkommentar

Fußball-Bundesliga 2013/2014, 2. Spieltag
[Sonntag, 18.08.2013] 1.FC Nürnberg – Hertha BSC Berlin 2:2 (1:0)

Wenn der Lieblingsclub gegen den Verein aus der Stadt spielt, in der man lebt, dann ist das definitiv ein ganz besonderes Spiel. Hunderte, wenn nicht gar tausende Auswärtsfans in Berlin können ein Lied davon singen. Wenn der eigene Club gegen die Hertha oder Union spielt, dann soll gefälligst ein Sieg her – schließlich will man am Montag danach mit breiter Brust auf Arbeit gehen können.
Der Auftrag an den Club für den Sonntagnachmittag war also klar und sieht man sich das Ergebnis nach 90 Minuten an, muss man sagen: Ziel verfehlt! Und wäre da nicht der Freistoß von Hiroshi Kiyotake in der 90. Minute gewesen, die Stimmung unter den Clubfans – nicht nur in der Hauptstadt – wäre im Keller gewesen. Der späte Ausgleich hat so zumindest noch für ein lachendes Auge gesorgt, auch wenn das weinende Auge nach dem Spielverlauf sicher den Blick auf die nähere Zukunft bestimmt. Zwar wäre man mit einem 2:2 am nächsten Wochenende in München sicherlich hoch zufrieden, doch wenn man sich am Ende 34 Mal 2:2-Unentschieden vom Gegner getrennt hat, dürfte dies wohl kaum zum Klassenerhalt reichen. Und auch, wenn die Annahme hypothetisch sein mag, dass am Ende ausschließlich torreiche Unentschieden in der Club-Bilanz stehen werden: Heimspiele gehören gewonnen – auch, wenn der Gegner als Tabellenführer anreist und das erste Saisonspiel mit 6:1 für sich entscheiden konnte. Denn genauso hypothetisch wie die Annahme, dass der FCN am Spielzeitende ohne Sieg und Niederlage dasteht, ist mit Sicherheit die Annahme, dass der Gast aus Berlin sich am Ende der Saison noch in den Tabellenregionen aufhält, in denen er nach zwei Spieltagen steht.
Dass beide Teams nach dem ersten Saisonspiel noch nicht so recht wussten, wo sie stehen und der Kantersieg der letzten Woche bei den Gästen keineswegs eine überbordende Euphorie ausgelöst hatte, zeigte sich im Max-Morlock-Stadion schon recht früh. Beide Teams standen tief und waren zunächst darum bemüht, das eigene Tor zu sichern. Dies gelang in den ersten Minuten sowohl dem Club als auch der Hertha. Echte Torchancen waren hüben wie drüben Mangelware – während die Hertha optisch mehr vom Spiel hatte, gewann der Club mehr Zweikämpfe und so dauerte es bis in die 21. Minute, ehe Daniel Ginczek die erste große Torchance des Spiels hatte. Ein Kopfball des Club-Stürmers klatschte jedoch an den Pfosten und sorgte bei Hertha-Keeper Thomas Kraft für aufgeblasene Backen der Erleichterung.
Daniel Ginczek war es auch, der fünf Minuten vor der Pause die Führung für den Club einleitete. Im Mittelfeld setzte sich der Sturmtank gleich gegen drei Abwehrspieler durch und hatte dann noch die Übersicht und Kraft, um den perfekten Pass auf Josip Drmic zu spielen. Der Schweizer war für den verletzten Timo Gebhart in die Startelf gerückt und nutzte in der 40. Minute seine erste Chance zum Führungstreffer. Saisonübergreifend war es das erste Mal seit sieben Spielen, dass der Club in der Bundesliga nicht mit einem Rückstand in die Pause ging.
Umso unverständlicher war nach dem Seitenwechsel die Tatsache, dass der Club mit der Führung im Rücken mal wieder (wie schon in Sandhausen) aufhörte, Fußball zu spielen. Der rote Faden der Konzentration schien jedenfalls in der Kabine geblieben. Unnötige Fehler bauten den Gast aus der Hauptstadt auf und man hatte den Eindruck, die Bälle fliegen FCN-Keeper Raphael Schäfer nur so um die Ohren. Mehrmals musste der Kapitän in höchster Not retten.
Just als die Nordkurve schließlich den „kleinen Bub“ anstimmte, war auch Schäfer machtlos. Der eingewechselte Sami Allagui kam aus kurzer Distanz zum Schuss, verhaute diesen jedoch derart dilettantisch, dass der Ball kilometerweit am Tor vorbeigegangen wäre… hätte nicht Berkay Dabanli im Abwehrzentrum im Weg gestanden… Der Innenverteidiger bekommt den Ball an die Brust und fälscht ihn in der 60. Minute äußerst unglücklich ins eigene Tor ab.
Die Hertha hatte nun endgültig Oberwasser und so sah sich Clubtrainer Michael Wiesinger zum Handeln gezwungen. Nachdem er bereits kurz vor dem Treffer Timothy Chandler für Markus Feulner gebracht hatte, kamen nun Mike Frantz (für Robert Mak) und Alexander Esswein (für Niklas Stark) ins Spiel. Den gewünschten Erfolg brachten die Maßnahmen jedoch nicht – im Gegenteil: Elf Minuten vor Schluss lag der Club plötzlich mit 1:2 hinten. Ronny hatte in der 79. Minute einen Strafstoß verwandelt, den Schiedsrichter Guido Winkmann nach einem vermeintlichen Foul von Javier Pinola an Alexander Baumjohann pfiff. Doppelt bitter: Pinola hatte in der entscheidenden Situation nicht nur den Ball gespielt und war somit zu Unrecht bestraft worden, sein Gegenspieler Baumjohann hätte zu dem Zeitpunkt eigentlich gar nicht mehr auf dem Platz stehen dürfen. Der Mittelfeldspieler hätte nach einer Tätlichkeit an Pinola kurz zuvor eigentlich die rote Karte sehen müssen, kam jedoch mit einer Verwarnung davon.
Nach dem Führungstreffer wähnten sich die Berliner Gäste auch nach dem zweiten Spieltag noch als Tabellenführer. Doch dann legte sich Hiroshi Kiyotake in der 90. Minute den Ball zu einem Freistoß zurecht und zeigte, warum Sportdirektor Martin Bader den Japaner trotz hoher Millionenangebote aus England nicht hat ziehen lassen. Der Ball landete unhaltbar im Toreck und bescherte dem FCN letztlich zum zweiten Mal nach Rückstand noch ein Unentschieden. Wie schon in Hoffenheim hat die Mannschaft also Moral gezeigt – bliebt jedoch die Frage: Warum ist dazu immer ein Rückstand nötig? Kann man beim Club nicht auch mal überzeugen, ohne dass man ein oder zwei Tore hinten liegt?
Ob das mit der Moral nämlich immer so aufgeht, darf dann doch bezweifelt werden. Oder glaubt im Ernst irgendjemand daran, dass man die Bayern nächste Woche erst einmal in Führung gehen lassen muss, um am Ende einen Punkt aus München zu entführen?