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DER DISORDER – Der Clubspielberichtkommentar

Fußball-Bundesliga 2012/2013, 33. Spieltag
[Samstag, 11.05.2013] Fortuna Düsseldorf – 1.FC Nürnberg 1:2 (1:0)

Es kann ja viele Gründe geben, warum man anderen Menschen verdeutlichen möchte, in wie weit der Fußballsport zu einem großen Teil auch Kopfsache ist. Da stehen an erster Stelle mit Sicherheit die Menschen, die den Beruf des Trainers ausüben und deren Aufgabe es ist, ihre Mannschaft, die den Fußballsport betreibt, möglichst zu Spielgewinnen zu führen – was sich vor allem dann als schwierig erweisen kann, wenn der anstehende Gegner nicht nur von Außenstehenden, sondern auch vom eigenen Team als Favorit gesehen wird. In diesem Fall wird der Mensch, dessen Beruf oder Berufung der des Trainers ist, auf psychologisches Handwerk zurückgreifen müssen und seinem eigenen Team zwar durchaus einräumen, dass Dinge wie Ballbehandlung, taktisches Verständnis und körperliche Verfassung durchaus hilfreich sein können ein Spiel zu gewinnen – die endgültige Entscheidung über den Ausgang eines Fußballspiels jedoch im Kopf stattfindet, im Kopf jeden einzelnen Spielers und damit in der Summe im Kopf aller Beteiligten.
Dies mag man nun glauben oder nicht, doch wer einen Beweis für die Kopfthese benötigt, sollte ein Video des Fußballspiels zwischen Fortuna Düsseldorf und dem 1. FC Nürnberg vom Wochenende zu Hilfe nehmen und wird mit den 90 Minuten aus der Esprit-Arena so ziemlich jeden Skeptiker überzeugen.
In Düsseldorf trafen am Samstag zwei Mannschaften aufeinander, deren Seelenheil nicht zum Besten stand. Auf der einen Seite die Fortuna, die sich nach verkorkster Rückrunde und gerade mal neun Punkten aus zuvor 15 Spielen zwei Spieltage vor Schluss in akuter Abstiegsgefahr wiederfindet. Auf der anderen Seite der Club, der sich seit einer Woche zwar als geretteter Bundesligist sehen durfte, bei dem jedoch seit Mitte April nicht mehr viel zusammenlief und der in den letzten vier Bundesligaspielen bei einem Torverhältnis von 1:8 nicht einen einzigen Punkt für sich verbuchen konnte.
Es trafen also zwei Teams aufeinander, deren Stimmung eher im Nullbereich zu vermuten war – und dies sah man dem Gekicke auf dem Rasen in der ersten 45 Minuten auch gnadenlos an. Die 22 Spieler auf dem Grün kämpfen nicht nur um den Ball, sondern ganz deutlich mit dem eigenen Kopf. Die einfachsten Ballstoppmanöver wollten nicht funktionieren und hatte die Lederkugel den eigenen Fuß erst einmal wieder verlassen, drängte sich bei so manchem Spieler die direkte Frage auf, was er sich bei seinem Passversuch denn eigentlich so gedacht hat.
Die Clubelf, die von Trainer Michael Wiesinger gezwungenermaßen gleich auf mehreren Positionen hatte verändert werden müssen und bei der neben Per Nilsson und Niklas Stark kurzfristig auch Hiroshi Kiyotake ausgefallen war, zeigte sich anfangs genau in der Verfassung, in der man sie als Clubfan auch in den letzten Wochen schon kaum ertragen hatte und so konnte in den ersten 45 Minuten allein die Tatsache beruhigend wirken, dass man mit der Fortuna auf ein Team traf, dem offensichtlich die Angst im Nacken saß und das ebenfalls nichts bis wenig zustande brachte. Bezeichnend dafür war, dass die Gastgeber bei ihrem Führungstreffer in der 22. Minute auf die tatkräftige Hilfe ihres Gastes angewiesen waren. Andreas „Lumpi“ Lambertz hatte sich auf der rechten Angriffsseite mit Hilfe eines nicht geahndeten Handsspiels durchgesetzt und den Ball mustergültig und flach ins Nürnberger Abwehrzentrum gepasst – wo er an Freund und Feind vorbei schließlich vor den Füßen des völlig unbedrängten Hanno Balitsch landete und dieser das Spielgerät im Stile eines Klassestürmers über die Torlinie drückte. Dumm nur für den Mann mit der Nummer fünf: Es war die eigene  Torlinie.
Auf der anderen Seite hätte Robert Mak bei seinem Kollegen aus der Abwehr vielleicht Anschauungsunterricht nehmen sollen. Dem Slowaken wäre dann in der 30. Minute nach präziser Flanke von der linken Seite vielleicht schon der Ausgleich gelungen. Eine nötige Volleyabnahme der Hereingabe überforderte den 22-Jährigen jedoch.
Nachdem weitere Höhepunkte in den ersten 45 Minuten vergeblich auf sich warten ließen, war in der Pausenviertelstunde nun also das psychologische Geschick der Übungsleiter gefragt und ganz offensichtlich hatte Michael Wiesinger an diesem Samstag das bessere Ende für sich.
Der Club zeigte der Fortuna in Halbzeit zwei die Gnadenlosigkeit, die er selbst im Abstiegskampf schon so oft erfahren hat: Haste keinen Lauf und stehste mit dem Rücken zur Wand, dann stehste mit dem Rücken zur Wand und hast keinen Lauf.
Während sich die Fortuna also zwar bemühte, im Angesicht des Abstiegsgespentes jedoch oft schon an den einfachsten Pässen scheiterte, reichte dem FCN in Durchgang zwei ein einziger Angriff, um die Beschwerden der letzten Wochen abzuschütteln und sich auf das zu konzentrieren, was ihnen in dieser Saison schon sehr viel schwerer gemacht wurde, als in Düsseldorf: Das Toreschießen.
Zwar scheiterte Youngster Markus Mendler in der 53. Minute nach mustergültigem Pass noch allein vor F95-Keeper Fabian Giefer und schob den Ball zwar am herauseilenden Torhüter, aber auch am Tor vorbei, doch nur fünf Minuten später machte es Robert Mak dann besser als bei seinem Versuch in der ersten Halbzeit. Auf halbrechter Position freigespielt, traf er mit einem satten Schuss ins lange Eck zum mittlerweile verdienten Ausgleich.
Spätestens jetzt hatte dann auch der letzte Clubfan im Stadion gemerkt, dass es bei einem Großteil der Nürnberger Mannschaft Klick gemacht hatte im Kopf. Der Glaube an sich selbst war wieder da. Dinge, die noch in der ersten Halbzeit an der eigenen Unkonzentriertheit gescheitert waren, funktionierten plötzlich wieder wie unzählige Male im Training geübt.
Bestes Beispiel dafür: Der Freistoß von Marvin Plattenhardt in der 64. Minute. Hatte man als Clubfan aufgrund des Fehlens von Kiyotake gar nicht so sehr auf Standardsituationen gesetzt, belehrte einen der in der Halbzeit für Alexander Esswein gekommene Linksfuß mit einem sehenswerten Treffer eines Besseren. Aus 25 Metern muss man erst einmal so präzise ins Toreck treffen…
Mit der ersten Führung im Rücken seit dem Mainz-Spiel im April, drückte der Club dann sogar auf eine 3:1-Vorentscheidung. Tomas Pekhart in der 71. Minute und Robert Mak in der 79. Minute, sowie in der dritten Minute der Nachspielzeit, scheiterten jedoch knapp. Da letztlich dann auch der zum Ende des Spiels befüchtete Sturmlauf der Fortuna ausblieb, hatten die Franken letztlich kaum Mühe, das knappe Ergebnis über die Zeit zu bringen. Einzig der Ex-F****** Stefan Reisinger hatte in der 77. Minute noch so etwas wie eine Chance zum Ausgleich, scheiterte jedoch am gedankenschnellen Raphael Schäfer.
Der Kapitän der Nürnberger Elf war es dann jedoch leider auch, der trotz der nicht unbedingt zu erwartenden und dafür umso freudiger gefeierten Kehrtwende im späten Saisonverlauf, für Misstöne sorgte. Während die unzähligen, mitgereisten Club-Anhänger ihre Mannschaft in der Gästekurve mit der Welle feiern wollten, beorderte der Torhüter seine Kollegen mit einer deutlich sichtbaren Handbewegung in Richtung Kabine. Natürlich kann diese Handbewegung vielerlei Gründe gehabt haben, doch von den Rängen sah die Geste dann doch eindeutig aus und wurde mit einem gellenden Pfeifkonzert aus der Kurve bedacht. Bei allen Misstönen zwischen Mannschaft und Fans in den letzten Wochen und der richtigen Reaktion auf dem Fußballplatz sicherlich keine allzu kluge Aktion von Raphael Schäfer.
Und wo wir gerade bei unklug sind: Die Ereignisse in der Düsseldorfer Altstadt in der Nacht nach dem Spiel seien an dieser Stelle lediglich mit einem verständnislosen Kopfschütteln in Worte gefasst. Ein heftiges Kopfschütteln in Richtung derer, die offensichtlich nicht genug Hirn im Kopf haben, um zu verstehen, dass sich ihr negatives Gehabe auch auf den Ruf des Vereins auswirkt, den sie doch so toll zu vertreten vorgeben. Ein heftiges Kopfschütteln aber auch in die Richtung derjenigen Verantwortlichen, die trotz langjähriger Berufserfahrung nicht sehen, dass schiefgeht, was schiefgehen muss und bei denen mehr und mehr der Verdacht aufkommt, dass man es das eine oder andere Mal auch bewusst zur Eskalation kommen lässt, allein um die eigene Daseinsberechtigung aufrecht zu erhalten.