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DER DISORDER – Der Clubspielberichtkommentar

Fußball-Bundesliga 2012/2013, 31. Spieltag
[Samstag, 27.04.2013] TSG Hoffenheim – 1.FC Nürnberg 2:1 (2:0)

An diesem sonnigen Sonntag, der mit seinem Wetter so gar nicht zur Stimmung um und beim Club passen will, seien an dieser Stelle einmal ein paar Worte über die Schwierigkeiten gestattet, einen Text zu schreiben. Durch jahrelange Übung geht dies dem Autor dieser Zeilen inzwischen recht leicht von der Hand und das Problem liegt so manches Mal eher darin, dass die Finger auf der Tastatur den Gedankengängen nicht so recht folgen können und so mancher – in aller Bescheidenheit – Geistesblitz dabei durchaus auf der Strecke bleibt, weil er vergessen ist, ehe er über die Computertastatur seine Verewigung im weltweiten Netz findet. Und auch, wenn die Worte an sich inzwischen recht problemlos fließen mögen, eine Schwierigkeit bleibt an jedem Wochenende: Der Anfang! Die ersten Worte, die ersten Sätze, der erste Abschnitt – kurz: Der Einstieg! Was war der prägnante Eindruck beim Clubspiel? Was hat gefreut? Was hat geärgert? Was hat aufgeregt? Sind diese Fragen erst einmal beantwortet und der Einstieg damit gefunden, schreibt sich der Rest des Textes fast wie von selbst…
Doch warum erzähle ich das Alles? Dafür gibt es zwei Gründe: Zum einen scheint mir das Textschreiben bezüglich des Einstiegs doch recht ähnlich einem Fußballspiel. Findet man zu Beginn der 90 Minuten den Einstieg in das Spiel nicht, kannst Du es meistens komplett vergessen! Bestes Beispiel: Der Club am gestrigen Samstag auf dem Dorfsportplatz in Hoffenheim. Der zweite Grund: Betrachtet man die Leistung der Mannschaft von Michael Wiesinger am Samstag genauer und würde ich an dieser Stelle ein ähnliche Einstellung an den Tag legen, wie es die Herren Schäfer, Feulner, Esswein und ihre Mannschaftskameraden gestern getan haben, wäre der Text am Ende in etwa ähnlich kurz wie nach der Derbypleite am letzten Sonntag.
Wenn die Mannschaft das, was sie da gestern auf den grünen Rasen gelegt hat, als die angekündigte Wiedergutmachung des letzten Wochenendes ansieht, sollte man den jungen Fußballern dringend einmal die wahre Bedeutung des Wortes erklären. Aufmerksame Zuschauer jedenfalls konnten am Samstag den Eindruck bekommen, unsere Fußballer müssten aus irgendeinem schwer nachvollziehbaren Grund in irgendeiner Form Wiedergutmachung gegenüber der TSG Hoffenheim betreiben. Das, was unsere Abwehr in der ersten halben Stunde in Hoffenheim geboten hat, kann man jedenfalls selbst bei sehr wohlwollender Auslegung maximal als Geleitschutz bezeichnen.
Nun mögen die Gründe für die dritte Pleite in Folge in vielerlei Richtungen zu suchen sein. Dazu gehört mit Sicherheit auch die neu formierte Innenverteidigung mit Timmy Simons und Berkay Dabanli, die in dieser Besetzung ihr erstes Bundesligaspiel von Beginn an spielte und so auch nur zustande gekommen war, weil Per Nilsson gesperrt und Timm Klose verletzt war. Man darf an dieser Stelle auch dem Fußballgott danken, dass dem Club ein solcher Doppelausfall nicht schon früher in der Saison passiert ist – es hätte einem sonst Angst und Bange werden müssen.
Neben den Ausfällen in der Verteidigung waren da noch die Auswirkungen des letzten Wochenendes. Die Ultras hatten bereits in der Woche einen Stimmungsboykott angekündigt, andere Clubfans suhlten sich in der Diskussion „Ich bin ein guter Clubfan und Du nicht“ und wieder andere wurde ganz einfach seit letzten Sonntag nicht mehr gesehen. Gründe für seinen eigenen, individuellen Umgang mit der Pleite hatte jeder Einzelne, der die rot-schwarzen Farben in seinem Herzen trägt – auf der einen Seite die, die weiter anfeuerten und sagten: „Jetzt erst Recht“, auf der anderen Seite die, die schweigend sagten: „So nicht, meine Herren Fußballspieler! Derbys gehören gewonnen!“
Doch völlig egal, welche Kämpfe jeder einzelne Clubfan mit sich selbst ausgetragen hat und auch egal, welche Wortgefechte es zwischen „guten“ und „schlechten“ Clubfans es auch gegeben hat: Eine Entschuldigung für die Leistung der Mannschaft ist das nicht! Die Jungs, die das Trikot des ruhmreichen FCN tragen dürfen, werden dafür auch noch bestens bezahlt und da kann es nicht sein, dass einzelne Spieler, die vorher im Spiel mit haarsträubenden Fehlern auf dem Platz für die Vorentscheidung gesorgt haben, nach dem Spiel an die Mikrofone der Fernsehreporter treten und die Fans dafür verantwortlich machen, dass man selbst nur einen Haufen gequirlte Scheiße zusammengespielt hat. Herr Balitsch wird an dieser Stelle wissen, wer gemeint ist. Im Gegenteil, die Spieler wären in der Situation, in der sie sich befinden, bestens beraten, nun zu zeigen, dass sie etwas verstanden haben. Dass sie verstanden haben, dass es das Falscheste der Welt wäre, die Saison in den letzten drei Spielen nun einfach abzuschenken. So sehr es auch verständlich wäre und so sehr es sogar menschlich wäre, dass man sich eben nicht mehr bis zum letzten Atemzug reinhängt, wenn im Tableau weder nach oben, noch nach unten noch viele Möglichkeiten bestehen: Es ist und bleibt der letzte Eindruck, der sich festsetzt!
Da kann man beim Club eine noch so beachtliche Rückrunde gespielt haben, da kann man sich noch so sehr darüber freuen, dass der Nicht-Abstieg im Grunde seit dem 28. Spieltag feststeht – beendet man die Saison mit einer Niederlagenserie bleibt vom guten Eindruck des langen Winters nichts mehr übrig. Die Mannschaft hat gezeigt, dass sie in dieser Saison nicht zu den drei schlechtesten Teams der Liga gehört. Die Mannschaft hat auch gezeigt, dass es für einen Platz in der EuropaLeague eben noch nicht reicht – und das ist letztlich bei den Mitteln, die man im Frankenland zur Verfügung hat, auch nicht weiter schlimm. Schlimm wäre es jedoch, wenn man nun abschenkt und die Treusten der treuen Zuschauer, die ihr Geld auch jetzt noch für ein Stadionticket ausgeben, obwohl es im Grunde eigentlich nur noch um die saure Ananas geht, mit müdem Gekicke langweilt. Wer diese Zuschauer, die allein deshalb ins Stadion kommen, weil sie ihren geliebten Club spielen sehen wollen, verprellt, hat ruckzuck keinerlei Basis mehr, auf der er aufbauen kann.
Seit Michael Wiesinger in Nürnberg gemeinsam mit Armin Reutershahn das Sagen hat, steckt der FCN nun erstmals in so etwas wie einer Krise. Nach drei Niederlagen darf man davon sprechen – auch, wenn man als Clubfan natürlich sehr viel längere Niederlagenserien gewohnt ist. Die Diskussion zeigt jedoch auch, dass die Ansprüche im dritten Jahr, in dem man schon mehrere Spieltage vor Schluss mit dem Abstieg nichts mehr zu tun hat, gestiegen sind. Und so unangenehm die Situation im Moment auch sein mag: Die gestiegenen Ansprüche sind auch ein Zeichen der guten Arbeit, die man in Nürnberg in den letzten Jahren geleistet hat. Michael Wiesinger wird nun in den letzten drei Spielen der Saison zeigen müssen, ob er diesen gestiegenen Ansprüchen gerecht werden kann und gemeinsam mit der Mannschaft einen Weg findet, sich trotz der kurzen Zeit versöhnlich in die Sommerpause zu verabschieden.
Um dies zu schaffen, muss der Club sich jedoch im Gegensatz zum Hoffenheim-Spiel um mindestens 200 Prozent steigern. Schon nach 19 Minuten lag man dort nämlich 2:0 hinten. In der 11. Minute hatte Tobias Weis aus kurzer Entfernung getroffen, nachdem zuvor die halbe Club-Abwehr durch einen einfachen Doppelpass von Roberto Firmino und Fabian Johnson schachmatt gesetzt worden war. Sejad Salihovic traf schließlich in der 19. Minute mit einer Art Flugkopfball. Zuvor war die Lederkugel gefühlte 20 Minuten im Luftraum der Nürnberger Abwehr unterwegs – was Hanno Balitsch jedoch nicht dazu bewegen konnte, verhindernd einzugreifen. Während der Club also größtenteils Geleitschutz gab, versiebten die Absteiger aus dem Kraichgau weitere Großchancen und verpassten es fast fahrlässig, höher in Führung zu gehen. Dass sich solch ein Schlendrian dann gerne mal rächt, sah man in der zweiten Halbzeit. Durch einen Foulelfmeter hatte Timmy Simons in der 58. Minute für den Anschluss gesorgt und fortan schlich sich bei den Hausherren die Nervosität einer Mannschaft ein, die tabellarisch mit dem Rücken zur Wand steht. Noch vor ein paar Wochen hätte der FCN das Nervenflattern der Gastgeber durch die ein oder andere Standardsituation wahrscheinlich ausgenutzt – der FCN vom Samstag hätte noch viele Stunden spielen können ohne zu einer echten Torchance zu kommen.