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DER DISORDER – Der Clubspielberichtkommentar

Fußball-Bundesliga 2012/2013, 27. Spieltag
[Sonntag, 31.03.2013] VfL Wolfsburg – 1.FC Nürnberg 2:2 (2:0)

Auch im achten Spiel in Folge hat der Club bewiesen, dass er in der Rückrunde der Saison 2012/2013 fast nicht zu schlagen ist und sich nach furioser Aufholjagd in Wolfsburg noch einen mehr als verdienten Punkt gesichert. Die Gastgeber aus dem Autohaus konnten nach 90 Minuten froh sein, dass sie nicht mit völlig leeren Händen dastanden, während man sich beim Gast aus Franken schon die Frage gefallen lassen muss, was da in Durchgang eins auf dem grünen Rasen so geschehen war. Beantworten kann man diese Frage wahrscheinlich nur mit dem Wissen, dass da auf der Trainerbank der Gastgeber an diesem Sonntag eben ein Mann Platz genommen hat, der noch vor gar nicht allzu langer Zeit über den Retortenverein aus Niedersachsen spottete, um sich vor etwas mehr als drei Monaten plötzlich selbst in den hässlich-grün-weißen Farben wieder zu finden. Und natürlich hat der Streifenpolizist Dieter Hecking sein Wissen über die Mannschaft, die er großteils mit aufgebaut hat, mit nach Wolfsburg genommen und sich in seinem stillen Kämmerlein überlegt, wie er mit seiner Millionentruppe das selbst initiierte Abwehrbollwerk aus dem Frankenland knacken könnte. Nicht im Traum wird der Übungsleiter mit dem strengen Gesicht gehofft haben, dass die VW-gesponserte Söldnergruppe die Pläne aus dem dunklen Zimmer schon in den ersten Minuten so präzise umsetzt und das Spiel für den ein oder anderen Clubfan bereits zur Halbzeit entschieden war.
Der Brasilianer Diego, der offensichtlich auch im höheren Alter stets darum bemüht ist, sich durch unsinnige Aktionen, Provokationen und Schauspielereien eines Tages den Titel des unbeliebtesten Bundesliga-Profi aller Zeiten zu verdienen, nutzte bereits die erste Gelegenheit in der dritten Minute, als er einen Freistoß aus etwa 18 Metern ins Nürnberger Tor schlenzte. Viel schlimmer konnte eine Partie nicht beginnen und trotzdem (oder gerade deshalb?) wurde das Spiel auf FCN-Seite mit zunehmender Dauer immer schlechter. Die Gastgeber waren in allen Belangen besser und die taktische Variante Heckings, mit zwei echten Stürmern aufzulaufen, zeigte zunächst seine Wirkung – zumal sich Gästecoach Michael Wiesinger für die „Barcelona“-Variante ohne Stoßstürmer entschieden hatte. Alexander Essweins Bemühungen als hängende Neun verpufften jedoch bis auf eine Gelegenheit in der fünften Minute, als er von Hiroshi Kiytotake steil geschickt wurde und das Tor am Ende nur um Zentimeter knapp verpasste. Es hätte der schnelle Ausgleich sein können.
So kam irgendwann, was kommen musste und was sich allein aufgrund spielerischer Überlegenheit der Wolfsburger ankündigte. Der VfL war die bessere Mannschaft, echte Torchancen waren trotzdem Mangelware. Doch zugegeben: Ivica Olics Schuss aus der zweiten Reihe war sehenswert und mag für Raphael Schäfer im Endeffekt unhaltbar gewesen sein. Der Kroate konnte jedoch vor seinem Schussversuch in der 27. Minute völlig unbehelligt parallel zur Strafraumgrenze laufen und sich dabei das Spielgerät ungestört so lange zurecht legen, wie er es eben brauchte.
Als schließlich der nach einem Kreuzbandriss gerade erst wieder in die Startelf zurückgekehrte Patrick Helmes in der 45. Minute mit einem Schuss aus halblinker Position noch den Pfosten des Nürnberger Gehäuses traf, schwante den meisten mitgereisten Anhängern nichts Gutes für Durchgang zwei.
Michael Wiesinger hingegegn nutzte die 15 Minuten Pause, um endgültig zu beweisen, dass er als Bundesligatrainer bestens geeignet ist. Er stellte das Team um, nahm Mike Frantz aus der Mannschaft und brachte für diesen nun in persona von Tomas Pekhart doch noch den Stoßstürmer, der in der ersten Halbzeit so schmerzlich vermisst worden war. Gleichzeitig zog Wiesinger die Mittelfeldraute etwas auseinander, ließ Esswein nun mehr über die Außen kommen und hatte offenbar auch die Einstellungsschraube seiner Spieler noch ein wenig feiner justiert. Mit Anpfiff der zweiten Halbzeit waren es jedenfalls die Gastgeber, die plötzlich nicht mehr wussten, wo ihnen der Kopf steht. Der Club zeigte endlich, was er wirklich leisten kann und die elf Spieler in rot-schwarz bewiesen ihrem Trainer, dass sie diesem mindestens eine ebenso gute sportliche Perspektive bieten können, wie ihre Gegenspieler, die vor lauter Geld oft gar nicht mehr wissen, welche Sportart sie eigentlich betreiben – zumal das Trikot der Wolfsburger mitunter ja schon mal vorgaukelt, der betriebene Rasensport habe etwas mit „Golf“ zu tun.
Die Belohnung für den nun emsigen und vor allem zielgerichteten Einsatz des Clubs ließ letztlich nicht allzu lange auf sich warten. Die mitgereisten Schlachtenbummler des Ruhmreichen stimmten gerade den kleinen Bub an, als Timmy Simons zum Gewaltschuss ansetzte – zum Gewaltschuss mit viel Gefühl wohlgemerkt. Die Wolfsburger bekamen den Ball hinten nicht mehr kontrolliert aus der Gefahrenzone und nach ersten Chancen von Markus Feulner und Esswein in der 49. bzw. 56. Minute, nahm sich der belgische Oldie im Clubteam ein Herz und zimmerte die zur Mitte verunglückte Abwehrvorlage von Slobodan Medojevic unhaltbar ins Toreck.
Der Anschluss war geschafft und nur fünf Minuten später dann sogar der Ausgleich: Hiroshi Kiyotake bewies, dass er Freistöße mindestens ebenso butterweich schlagen kann, wie Diego auf der anderen Seite, mit diesen butterweichen Bällen jedoch lieber die eigenen Mitspieler bedient, als selbst als Torschütze auf der Anzeigetafel aufzuleuchten. Dankbarer Abnehmer im Sturmzentrum war dieses Mal Per Nilsson, der aus kurzer Distanz in der 66. Minute für das 2:2 sorgte.
Mit etwas Glück und dem ein oder anderen Tropfen mehr Zielwasser war es schließlich Tomas Pekhart, der das Spiel hätte komplett drehen können. Der Kopfball des Tschechen in der 76. Minute klatschte jedoch an die Querlatte des Wolfsburger Tors. Am Ende konnten die Gastgeber mit dem Punkt zufrieden sein – sie hatten ein vollkommen kontrolliertes Spiel komplett aus der Hand gegeben und lernen müssen, dass Kampf, Leidenschaft und Einsatzwille letztlich mit keinem Geld der Welt zu kaufen ist – letztlich, weil diese Tugenden im Fußball eben unbezahlbar sind. Das 2013er-Team des 1.FC Nürnberg hat diese Tugenden, das hat es mit der eigenen Auferstehung an Ostersonntag bewiesen.