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DER DISORDER – Der Clubspielberichtkommentar

Fußball-Bundesliga 2012/2013, 18. Spieltag
[Sonntag, 20.01.2013] 1.FC Nürnberg  – Hamburger SV 1:1 (0:0)

Und das soll nun alles gewesen sein? Die Ganze Aufregung in der Winterpause und dann das? Der Club startet in die Rückrunde, wie er die Hinrunde beendet hat – mit einem torlosen Unentschieden zur Halbzeit, aus dem am Ende dann ein 1:1 wurde.
Alles beim Alten könnte man meinen, doch die Unterschiede zum alten Jahr lagen im Spiel gegen den HSV im Detail. Hatte man im letzten Spiel vor Weihnachten gegen Bremen als Clubfan noch das Gefühl, dass man von vorne bis hinten um drei Punkte beschissen wurde, konnte man nach den 90 Minuten gegen den Hamburger SV fast noch glücklich sein, dass es am Ende zu einem Punkt gereicht hat.
Es war eine selten unruhige Winterpause beim Club und wer noch eine Woche vor Weihnachten gesagt hätte, dass der FCN mit einem neuen Trainer in die Rückrunde gehen würde, hätte sich mit Sicherheit Fragen über seinen Geisteszustand anhören müssen. Gute vier Wochen später war es dann Realität: Der Club spielte und an der Seitenlinie war weit und breit kein Dieter Hecking mehr zu sehen. Umso größer war die Spannung, was das neue Trainerteam in der kurzen Wintervorbereitung seit Anfang Januar bewirken konnte.
Da ist es dann doppelt dumm, wenn man als Clubfan nach vier endlos scheinenden fußballlosen Wochenenden auch noch irgendwo im verschneiten Hochsauerland unterwegs ist, während sich das neue Gespann das erste Mal an der Seitenlinie präsentiert. Da bleibt einem dann fast nur, ein verzweifelt-wehmütiges Foto durch die Windschutzscheibe zu schießen, wie es hier auf der Seite zu sehen ist. Vor allem, wenn noch dazu noch ein Gegner kommt, den man in der Vorrunde noch überraschend geschlagen hat und der in der Winterpause zwar mindestens ebenso in den Schlagzeilen stand – aber eben weniger durch sportliche Belange, als vielmehr durch die Ehekrise des eigenen Spielmachers und seiner öffentlichen Frau.
Eine ruhige Winterpause hatte es also auf beiden Seiten nicht gegeben und als sei dies noch nicht genug, hatte Club-Trainer Michael Wiesinger schon vor Anpfiff für weitere Paukenschläge gesorgt: Hiroshi Kiyotake und Markus Feulner mussten zunächst auf der Bank Platz nehmen, während Robert Mak und Alexander Esswein zusammen mit Timo Gebhart die offensive Dreierreihe hinter Stürmer Tomas Pekhart bildeten. In der Innenverteidigung musste Wiesinger kurzfristig auf den Grippe kranken Per Nilsson verzichten, weshalb Timmy Simons zurück beordert wurde und Almog Cohen dafür von Beginn an im defensiven Mittelfeld ran durfte.
Trotz der Umstellungen war letztlich aber doch der Club die Mannschaft, die zunächst besser mit den Argusaugen umgehen konnte, mit der sie beobachtet wurde – sehr zur Freude des Autoradio hörenden Autors dieser Zeilen. Robert Mak tauchte schon nach zwei Minuten erstmals gefährlich im Hamburger Strafraum auf, verzog jedoch. Zu diesem Zeitpunkt konnte man jedoch weder im verschneiten Hochsauerland, noch in der Tiefkühltruhe Max-Morlock-Stadion ahnen, dass die Partie genauso schnell an Niveau verlieren sollte, wie sich die van der Varts nach ihrer Trennung wieder versöhnten.
Es dauerte bis kurz vor der Pause, ehe auf dem grünen Rasen die nächste sehenswerte Aktion stattfand. Hanno Balitsch stand in der 37. Minute plötzlich völlig frei, setzte seinen Kopfball jedoch einen Tick zu hoch an. Sechs Minuten später spielte eben jener Balitsch seinen Mitspieler Mak mit einem tollen Diagonalpass frei, doch der Slowake verzog in der 43. Minute aus halbrechter Position.
Nach der Pause nahmen dann die Gäste aus dem Norden mehr und mehr das Geschehen in die Hand. Artjoms Rudnevs vergab eine erste gute Chance für die Hansestädter in der 57. Minute, als er nach einer Flanke von Per Ciljan Skjelbred nur knapp am Nürnberger Gehäuse vorbei köpfte.
Nachdem Javier Pinola den torlosen Spielstand in der 66.Minute dann noch per Kopfball an den eigenen Pfosten hatte retten können, war es in der 70. Minute schließlich doch geschehen. Dennis Aogo hatte nach gutem Einsatz von Marcel Jansen den Ball an den zweiten Pfosten geflankt, wo Rudnevs dieses Mal genau richtig stand und aus kurzer Distanz einnickte. Pinola sah bei dieser Aktion eher wie ein Statist aus und konnte nicht mehr retten.
Die Freude der Gäste über die Führung währte jedoch nicht lang, denn fast hatte man das Gefühl, die Mannschaft von Michael Wiesinger hatte den Rückstand gebraucht, um den eigenen Schalter umlegen zu können. Nur eine Minute nach dem 0:1 prüfte Tomas Pekhart HSV-Keeper René Adler  mit einem Schuss aus der Halbdistanz, um in der 75. Minute dann genau dort zu sein, wo er gebraucht wurde. Nachdem sich Timo Gebhart nämlich auf der linken Angriffsseite gegen Ex-Clubberer Dennis Diekmeyer durchgesetzt hatte, suchte dieser einen Abnehmer für seine scharfe Hereingabe von der Grundlinie – und fand diesen in Tomas Pekhart, der aus sechs Metern unhaltbar einnetzte.
Die Freude im Frankenland war groß, doch erneut schien sich beim Club nun ein Schalter umzulegen und so konnten sich Trainer Wiesinger und seine Mannschaft am Ende vor allem bei Raphael Schäfer und seinen guten Reflexen auf der Linie bedanken, dass es an diesem Sonntag-Nachmittag zum ersten Bundesliga-Punkt des Neu-Trainers reichte.
Blickt man an dieser Stelle noch einmal kurz auf die Winterpause zurück, so war die größte Frage unter den vom ungewollten Trainerwechsel entsetzten Clubfans, ob Michael Wiesinger das Zeug dazu hat, in die Fußstapfen von Dieter Hecking zu treten. Noch öfter wurde vor dem ersten Spiel des Bundesliga-Novizen fast nur die Frage gestellt, ob der 40-Jährige allein das Werk seines Vorgängers fortführen will oder ob er eventuell schon eine eigene Handschrift erkennen lassen konnte. Die Antwort heißt nach 90 Minuten im Max-Morlock-Stadion: Ja und nein! Spielerisch hat sich beim Club offensichtlich nicht viel zum Positiven verändert – was nicht verwundert, stehen doch auch in der Rückrunde größtenteils dieselben Spieler auf dem Platz wie in der Hinrunde. Eine Veränderung zum Besseren dauert hier also mit Sicherheit sehr viel länger als die drei Wochen einer Winterpause.
Auf der anderen Seite zeigte der Club in seinem ersten Spiel des Jahres 2013 eine Tugend, die man in den letzten Jahren so nur sehr selten gesehen hatte: Nach dem Rückstand schaltete das Team von Michael Wiesinger wie selbstverständlich auf Angriff um und belohnte sich im Stile einer Spitzenmannschaft nur wenige Minuten nach dem 0:1 mit dem Ausgleich. Ein Zeichen dafür, dass es in der Mannschaft stimmt, dass der Trainerwechsel keine Gräben hinterlassen hat. Ein Zeichen auch dafür, dass man sich in der Zukunft vielleicht auch durchaus mal überlegen sollte, mehr Risiko zu gehen. Die fünf Minuten zwischen Rückstand und Ausgleich haben doch gezeigt, dass die Mannschaft kann, wenn sie nur ordentlich will. Hauptaufgabe von Michael Wiesinger wird in den nächsten Wochen also sein, seinem Team glaubhaft zu vermitteln, dass es viel schöner ist, selbst in  Führung zu gehen, als einem Rückstand nachzurennen und sich am Ende „nur“ noch über den Ausgleich zu freuen.
Und wenn es nach dem Autor dieser Zeilen geht, kann die Mannschaft gleich am kommenden Freitag in Dortmund damit anfangen… einfach mal in Führung gehen, diese dann verteidigen und wenn die Borussia dann auf den Ausgleich drängt, setzt man eben mal den oder anderen gefährlichen Konter – und schon liegt man 3:0 in Front. Wünschen wird ja wohl noch erlaubt sein, auch wenn Weihnachten gerade erst hinter uns liegt.