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DER DISORDER – Der Clubspielberichtkommentar

Fußball-Bundesliga 2012/2013, 15. Spieltag
[Samstag, 01.12.2012] Bayer 04 Leverkusen – 1.FC Nürnberg 1:0 (1:0)

Ohnmacht ist kein schönes Gefühl, spiegelt doch schon das Wort in seiner ureigenen Bedeutung, worum es geht: Man fühlt sich „ohne Macht“, ist der Entscheidungsgewalt eines anderen Menschen ausgeliefert und sieht sich in seiner eigenen Handlungsfreiheit deutlich eingeschränkt. Mitunter ballt sich bei dem Gefühl die eigene Faust in der Hosentasche, in Fällen erdrückender Perspektivlosigkeit entlädt sich die gefühlte Machtlosigkeit auch schon mal in Gewalt. Doch Gewalt ist keine Lösung und Ohnmacht kann und darf keineswegs als Erklärung für unkontrollierte Ausbrüche herhalten, dennoch – oder gerade deshalb – wünscht man sich auch als Mensch, der sich einbildet, die eigenen Emotionen halbwegs im Griff zu haben, mehr Verantwortung im Umgang mit Macht.
Egal, ob Schiedsrichter auf dem Platz oder Funktionär hinter irgendeinem Schreibtisch beim DFB oder der DFL – man trägt Verantwortung, weil man Teil dessen ist, was man gemeinhin als „des Deutschen liebstes Kind nach dem dem Auto“ bezeichnet. Es bleibt also ein fader Beigeschmack, wenn nach einem Fußballspiel wie dem am Samstag zwischen Bayer Leverkusen und dem Club als vorherrschendes Gefühl die Ohnmacht übrig bleibt.
Dabei soll es gar nicht so sehr um die Fehlentscheidung von Schiedsrichter Markus Schmidt und seines Assistenten Kai Voss gehen, die Beide beim Treffer des Tages die klare Abseitsstellung von Torschütze Stefan Kießling übersahen. Schiedsrichter entscheiden zwar mitunter mit einem ausbleibenden Pfiff ganze Fußballspiele, doch sie tun es eben – wie die Fußballer selbst auch – im Eifer des Gefechts. Die Unparteiischen müssen ihre Entscheidungen im Bruchteil einer Sekunde fällen, dem Druck von mindestens 20.000, gut und gerne aber auch mal 80.000 Menschen ausgesetzt, von denen jeder Einzelne glaubt, die betreffende Situation besser einschätzen zu können. Da kann man dann in der Hitze des Momentes schon einmal falsch liegen – auch, wenn es jedesmal für den Benachteiligten doppelt und dreifach ärgerlich ist. Einziger Trost bleibt dann oft der viel zitierte Spruch, dass sich alle Fehlentscheidungen über eine gewisse Zeit wieder ausgleichen und der Benachteiligte von heute der Bevorteilte von morgen ist. In dieser Hinsicht besteht für den Club also Hoffnung für die nächsten Wochen.
Das Problem der unzähligen Menschen, die glauben, in einer Diskussion ihren unqualifizierten Senf dazu geben zu müssen, haben die Verantwortlichen bei DFB und DFL auch – gerade jetzt wieder in der Debatte um die Sicherheit in deutschen Stadien. Erschwert wird dieses Diskussion jedoch noch durch die Tatsache, dass diese Leute mit ihrem Senf ganz bestimmte Ziele verfolgen und Aussagen manchmal sogar wieder besseren Wissens aus reinem Populismus und allein im Interesse der eigenen Person getätigt werden. Bernhard Witthaut, seines Zeichens Bundesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei, beherrscht diese Art der Scharfmacherei leider fast in Perfektion.
Dennoch haben die Verantwortlichen in den Fußballgremien gegenüber den Schiedsrichtern einen enormen Vorteil: Sie haben Zeit! Sie können sich hinter ihren Schreibtisch zurückziehen, können abwägen, können mehrere Meinungen einholen, eventuelle Entscheidungen noch einmal überdenken, eine Nacht darüber schlafen und bei Bedarf stets noch einmal neue Fakten sammeln. Sie könnten vor allem – wenn sie denn wollten – auch einfach mal beide Seiten anhören. Die eines nach Postensicherung geifernden Polizeigewerkschaftlers, dem völlig egal ist, was am Wochenenden in den Stadien der Republik so passiert, so lange die Polizisten, die ihn bei der nächsten Wahl in seinem Amt bestätigen sollen, keinen Kratzer abkriegen. Und sie können sich die andere Seite anhören, die der Fans, die den Großteil ihrer Freizeit damit verbringen, farbenfrohe Choreographien vorzubereiten und am Wochenende stundenlange An- und Abreisen auf sich nehmen, nur um ihren Lieblingsclub live im Stadion zu unterstützen.
Fans, die den Fußball leben und sich momentan in großer Mehrzahl und in Hinblick auf die bevorstehende Sicherheitskonferenz des DFB ohnmächtig fühlen. Fans, die nicht gehört werden und die deshalb auch dieses Wochenende ihre Ohnmacht durch einen Stimmungsboykott in den ersten zwölf Minuten und zwölf Sekunden aller Spiele der Spieltage 14-16 ausgedrückt haben.
Eine Aktion, die ihre Wirkung nicht verfehlte, sprachen doch selbst die sonst so gefühlskalten Sky-Reporter von Gänsehaut, wenn sich einem Stadion, in dem sonst gejubelt und gebrüllt wird, plötzlich eine Stimmung herrscht, als würde die Oper jeden Moment beginnen.
Es begann also auch in Leverkusen recht ruhig. Die Fans von Bayer 04 hatten ihren Block zu Beginn des Spiel gleich ganz leer gelassen, während im Nürnberger Fanblock eisige Stille herrschte. Sowohl auf den Rängen, als auch auf dem Spielfeld, passierte in der ersten knappen Viertelstunde einfach mal gar nichts. Hier ein Fernschuss, dort Fernschuss – ansonsten hatte man das Gefühl, dass sich beide Teams während des Stimmungsboykotts der Fans nicht wehtun wollten. Erst nach einer knappen halben Stunde nahm die Partie in der BayArena plötzlich Fahrt auf. Timo Gebhart und Hiroshi Kiyotake fassten sich Herz, spielten einen mustergültigen Doppelpass und hebelten die Abwehr der Gastgeber so tatsächlich aus. Einzig der Abschluss von Timo Gebhart geriet zu ungenau. Sein Schuss in der 28. Minute aus halblinker Position verfehlte das Tor von Bernd Leno.
Nur zwei Minuten später erneut große Aufregung vor dem Bayer-Gehäuse.  Nach einer Flanke von Timothy Chandler kam Sebastian Polter in der 30. Minute im Sturmzentrum zum Kopfball und setzte die Lederkugel an die Latte. Bayer Leverkusen ließ sich nicht lange bitten und erarbeitete sich plötzlich ebenfalls Torchancen. Zunächst konnte jedoch Per Nilsson in der 31. Minute einen Schuss von André Schürrle aus zentraler Position gerade noch zum Eckball klären, dann köpfte Stefan Kießling nach einer Ecke seines Teams in der 35. Minute nur knapp über das Tor.
In der 37. Minute schlief Chandler im Mittelfeld den Schlaf des Gerechten und ließ André Schürrle auf der linken Angriffsseite völlig allein ziehen. Der Nationalspieler nahm sich die Zeit, die ihm gegeben wurde, sah sich in Ruhe um und bediente den in zentraler Position lauernden Kießling. Der Ex-Clubberer drehte sich um die eigene Achse und ließ Raphael Schäfer im Clubtor mit einem satten Flachschuss aus kurzer Distanz keine Chance. Wie oben schon erwähnt, stand Stefan Kießling im Moment der Ballabgabe jedoch im Abseits, was das Schiedsrichter-Gespann übersah. Club-Trainer Dieter Hecking kommentierte die Situation wie folgt: „Das war noch nicht mal knapp Abseits, das war fast ein Meter. Das ist wie zehn Kilometer Stau auf der Autobahn, da fahr‘ ich ja auch nicht rein.“
Nach der Pause war der Club dann bemüht, den Rückstand möglichst schnell wieder auszugleichen. Mike Frantz scheiterte bei dem Vorhaben mit einem Schuss aus spitzem Winkel in der 50. Minute jedoch ebenso, wie weniger als sechzig Sekunden später Sebastian Polter mit einem Kopfball nach Flanke von Kiyotake. Die Gastgeber hatten sich zu diesem Zeitpunkt längst zurück gezogen und warteten aus gesicherter Defensive auf Kontermöglichkeiten, während sich der Club zwar durchaus redlich bemühte, gegen die dicht gestaffelte Bayer-Abwehr jedoch keinerlei Mittel fand. Der eingewechselte Robert Mak versuchte es in der 79. Minute noch einmal mit einem Schuss aus halbrechter Position, scheiterte jedoch an Leno.
Die letzten beiden Chancen des Spiels hatte dann wieder Bayer Leverkusen, die davon profitierten, dass der Club nach hinten immer weiter öffnete. Nach einem Eckball von Manuel Friedrich konnte Raphael Schäfer in der 82. Minute auf der Linie mit einem Blitzreflex retten. Drei  Minuten später hämmerte Simon Rolfes das Spielgerät aus halblinker Position an den langen Pfosten. Der Club schien zu diesem Zeitpunkt bereits ausgelaugt und brachte auch die Kraft für eine Schlussoffensive nicht mehr auf.
Es blieb am Ende also bei einer 0:1-Niederlage für den Club, die vor allem deshalb unnötig war, weil es die Mannschaft von Dieter Hecking in den verbleibenden 50 Minuten nach dem irregulären Rückstand nicht schaffte, das Leverkusener Tor entscheidend unter Druck zu setzen. Die Werkself ist eben nicht Hoffenheim und so steht man beim FCN vor dem nächsten Sechs-Punkte-Match am Samstag. Im Max-Morlock-Stadion heißt der Gegner dann Fortuna Düsseldorf. Und wundern Sie sich nicht, wenn es auch dann in den ersten 12 Minuten und 12 Sekunden wieder heißt: Hier ist ja eine Atmosphäre wie im Opernhaus…

Mehr Infos zum Stimmungsboykott: Ohne Stimme – keine Stimmung