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DER DISORDER – Der Clubspielberichtkommentar

Fußball-Bundesliga 2012/2013, 14. Spieltag
[Mittwoch, 28.11.2012] 1.FC Nürnberg – TSG Hoffenheim 4:2 (2:1)

Allen, denen der wahre Fußball am Herzen liegt, wird am Mittwochabend im Nürnberger Max-Morlock-Stadion das Herz aufgegangen sein. Der Altmeister aus Franken siegt verdient, während die künstlich aufgepumpte Dorftruppe aus dem Kraichgau endgültig am Stock geht. Was sich bereits am vorletzten Spieltag der letzten Saison angedeutet hatte, fand an diesem Abend in Nürnberg seine Fortsetzung: Tradition hat den längeren Atem!
Galt der Milliardärsverein aus dem Niemandsland in den ersten Jahren seiner sehr kurzen Bundesligageschichte mit seinen aus aller Herren Ländern zusammengekauften Fußballsöldnern als zu stark für den Club, wendete sich das Blatt im April 2012. Der FCN konnte damals im Kraichgau mit 3:2 den ersten Dreier gegen den gefühlten Bezirksligisten holen und setzte nun an diesem nur wettertechnisch tristem Novemberabend noch einen drauf. Seelenlose Gäste wurden mit 4:2 geschlagen und die Fußballwelt muss nach und nach einsehen, dass man sich Herzblut und Leidenschaft eben nicht kaufen kann. Die Kurve bei den Gästen vom Dorf zeigt nicht nur vorübergehend steil abwärts und mit ein bisschen gutem Willen des Fußballgotts ist die Bundesliga den Retortenverein von Herrn Hopp mit Ende der Saison erst einmal wieder los. Und wenn dann noch ein wenig Glück dazu kommt, verliert der Software-Milliardär mit dem Abstieg das Interesse an seinem Spielzeug und die TSG Hoffenheim versinkt dort, wo sie hergekommen ist: In der Bedeutungslosigkeit. Denn bei allem Geld, das Herr Hopp in seinen anhängerfreien Verein steckt, scheinen den Verantwortlichen so langsam die Ideen auszugehen, wie und wo man noch mehr Geld verbrennen kann. TSG-Trainer Markus Babbel steht heftig in der Kritik  und nicht wenige Fußball-Experten hatten bereits das Spiel beim Club als letzte Chance für den Coach gesehen, das Steuer noch rumzureißen. Nun bleibt ihm offenbar zumindest das Spiel am Wochenende gegen Werder Bremen noch, doch wer die Elf von Markus Babbel an diesem Abend in Nürnberg gesehen hat, dem stellt sich fast zwangsläufig die Frage: Wer soll in dieser Mannschaft das Steuer in die Hand nehmen? Wer steuern will braucht Charakter und den findet man in Hoffenheim auch nach langem, intensiven Suchen nicht. Die Antwort auf die Frage, warum man ihn nicht finden kann, ist relativ simpel: Wer Charakter hat, geht nicht nach Hoffenheim.
Doch genug der Worte über die Opfer des späten Mittwochabends. Wer einen Markus Babbel und einen Tim Wiese holt, um sich für Europa zu qualifizieren, hat eben entweder zu viel Geld, keine Ahnung von Fußball oder Beides.
Dass man eine gute Mannschaft auch mit wenig Geld, dafür mit umso mehr Fußballverstand zusammenstellen kann, beweisen seit ein paar Jahren Martin Bader und Dieter Hecking beim Club. Hiroshi Kiyotake hat zu Saisonbeginn eine runde Million Euro Ablöse gekostet und dafür die Opfer in blau fast allein zerlegt. Fünfte Minute: Freistoß Kiyotake aus dem linken Halbfeld, der Hoffenheimer Abwehrspieler Sebastian Rudy kriegt nur noch den Scheitel an das Spielgerät, Keeper Koen Casteels kommt gar nicht mehr ran – es steht 1:0 für den Club! Erste Chance, erster Treffer – das hat es beim Club lange nicht mehr gegeben und sollte für die kommenden Minuten Sicherheit geben. Die Gäste hatten nach dem ersten Schock zwar mehr Ballbesitz, doch wie vor zwei Wochen schon die anderen Unsympathen der Liga aus München, mussten auch die Babbel-Weichlinge vom Club erfahren, was körperliche Härte heißt und wie man ein Spiel über gute Zweikampfwerte erfolgreich gestalten kann. Einzig der Brasilianer Firmino wollte da auf der anderen Seite mithalten, schlug gemäß des eigenen IQs jedoch schon früh über die Stränge und hätte sich nicht beschweren dürfen, wenn er von Schiedsrichter Dr. Jochen Drees schon nach zwanzig Minuten mit gelb-roter Karte zum Duschen geschickt worden wäre.
In der 17. Minute zeigte dann Kiyotake erneut, wie gut ihm der frühe Führungstreffer getan hatte. Der Japaner flitzte auf der linken Angriffsseite einfach mal los, umspielte drei bis fünf Abwehrspieler, dann noch Torhüter Casteels und scheiterte letztlich aus spitzem Winkel nur am auf der Linie postierten Fabian Johnson. Mindestens genauso gut, aber eben noch nicht gut genug, machte es Timo Gebhart in der 32. Minute. Nach Sturmlauf von Timothy Chandler auf der rechten Seite, kam der Pass in den Rückraum genau richtig, um von Gebhart verwertet zu werden. Der Mann mit der blauen Gipsmanschette am Arm ballerte die Lederkugel aus kurzer Entfernung jedoch so zentral, dass TSG-Keeper Casteels nicht mehr ausweichen konnte.
Nur eine Minute später dann der Schock: Chandler hatte sich bei seinem Sturmlauf wohl zu sehr verausgabt und griff auf seiner Seite den vorstürmenden Kevin Volland nicht richtig an. Die Konsequenz war in der 33. Minute eine Flanke von Volland, die genau auf dem Kopf von Sven Schipplock landete und von dort ihren Weg ins Nürnberger Gehäuse fand.
Der Schock beim Club dauerte zum Glück nicht lange an und hatte man nach dem Führungstreffer oft tief gestanden und auf Konter gehofft, übernahm das Team von Dieter Hecking nun schnell wieder die Kontrolle auf dem grünen Rasen. Zur Belohnung feierte man auf rot-schwarzer Seite noch vor dem Halbzeitpfiff die erneute und verdiente Führung. Dieses Mal trat Gebhart einen Freistoß – mittig aus fast 30 Metern Torentfernung. Casteels kriegt gerade noch die Finger an den Ball, der dadurch an die Latte klatscht. Per Nilsson reagierte am schnellsten und köpfte den Abpraller in der 43. Minute mit sehenswertem Hechtkopfball zur erneuten Führung ins Hoffenheimer Tor.
Auch nach der Pause behielt der Club das Heft des Spiels in der Hand. Hoffenheim versuchte sich mit ungefährlichen Fernschüssen – mehr fiel der Mannschaft von Markus Babbel nicht ein. Ein kapitaler Schnitzer von Marvin Compper sorgte dann in der 69. Minute für die Vorentscheidung. Sebastian Polter bedankte sich, schnappte sich den Ball, umkurvte TSG-Keeper Casteels und schob zum 3:1 ein.
Die Sache im Max-Morlock schien gute zwanzig Minuten vor dem Abpfiff gelaufen und brauchte schließlich die Mithilfe des Schiedsrichters, um noch einmal spannend zu werden. Nilsson machte in der 81. Minute eine unglückliche Figur im eigenen Strafraum und ließ den Ball an den linken Oberarm springen. Dr. Jochen Drees tat das, was er sich bei den Bayern sicher nicht getraut hätte: Er pfiff und zeigte auf den Elfmeterpunkt. Eine zwar vertretbare Entscheidung, doch hätte sich wahrscheinlich kaum einer der leidenschaftslosen Gäste beschwert, wenn der Pfiff ausgeblieben wäre. So erzielte Sejad Salihovic vom Punkt den Anschlusstreffer und ließ bei den mitgereisten 154 (!) Hoffenheimer Anhängern noch einmal so etwas wie Hoffnung aufkommen.
Eine Hoffnung, die der Club in Person von Hiroshi Kiyotake in der 86. Minute wieder zunichte machte. Der japanische Mittelfeldmotor spielte mit dem für den angeschlagenen Timothy Chandler gekommenen Almog Cohen einen mustergültigen Doppelpass an der Hoffenheimer Strafraumgrenze, setzte sich gegen vier TSG-Spieler durch und behielt trotzdem die Übersicht, um den Ball noch zielsicher ins Gästetor zu schlenzen. Die Messe war nun endgültig gelesen.
Während sich der Club mit nunmehr 16 Punkten und dem dritten Spiel in Folge ohne Niederlage ein wenig Luft nach unten verschaffte, verharren die Gäste auf dem Relegationsplatz. Vier Punkte Vorsprung sind es für den FCN nun auf den Platz, der am Ende der Saison zwei Extraspiele bedeutet. Vier Punkte sind es auch nach oben zu Platz sechs und damit zur Qualifikation für das internationale Geschäft. Das mag nach dem bisherigen Saisonverlauf vermessen klingen, zeigt jedoch einmal mehr, wie eng die Bundesliga jenseits der Herbstmeister aus dem Süden der Republik zusammen steht. Das Spiel am Samstag in Leverkusen wird zeigen, in welche Richtung sich der Club in den verbleibenden drei Spielen der Hinrunde orientieren darf oder muss. Um bei der Werkself Zählbares einzufahren bedarf es bei der Mannschaft von Dieter Hecking jedoch sicherlich noch einer Leistungssteigerung. Es kann ja nicht jeder Retortenverein so schwach sein wie die Dorfkicker aus dem Kraichgau.