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DER DISORDER – Der Clubspielberichtkommentar

Fußball-Bundesliga 2012/2013, 13. Spieltag
[Samstag, 24.11.2012] SpVgg Greuther F**** – 1.FC Nürnberg 0:0 (0:0)

Das war es nun also! Oder besser: Soll das nun wirklich alles gewesen sein? Runde 110 Jahre und 254 Austragungen musste man warten, ehe die „Mutter aller Derbys“ in Deutschland erstmals in der Fußball-Bundesliga stattfand und dann das…? Ein Fußballspiel zum Abgewöhnen, ein Null-zu-Null der richtig schlechten Sorte. Mit Fußball-Bundesliga hatte das, was da am Samstag auf dem grünen Rasen stattfand, in etwa genauso viel zu tun, wie unser nächster Gegner (die TSG Hoffenheim) mit Leidenschaft und Tradition. Betrachtet man das 255. Frankenderby mit nüchternen Augen, bleibt die Erkenntnis, dass so eben Abstiegskampf aussieht. Da ist die Angst, einen Fehler zu machen, größer als die Hoffnung, den Lucky Punch zu landen und zum Derby-Helden auf Ewigkeit zu werden.
Lässt man jedenfalls die Woche vor dem Spiel noch einmal Revue passieren und vergleicht sie dann mit dem, was in neunzig Minuten am Samstag auf dem Rasen passiert ist, kommt einem unweigerlich der Titel einer Komödie von William Shakespeare in den Sinn: „Much Ado about Nothing“ – oder in Deutsch: „Viel Lärm um Nichts“. Einem komödiantischen Schmierentheater kam auch gleich, was sich Behörden und Polizei in den Tagen vor dem Derby geleistet haben – vom Innenstadtverbot über Sicherheitsbedenken bei einer geplanten Kurvenchoreografie bis hin zum neuen Weltrekord im Zurückrudern: Die Verantwortlichen haben in der Tat in den sieben Tagen vor dem Derby alles gegeben, um das Spiel im Gespräch zu halten. Provokation pur kann man so etwas auch nennen und umso größer der Glückwunsch an dieser Stelle an beide Fanlager, dass man sich eben nicht hat provozieren lassen und man am Ende sagen muss, dass die Fangruppierungen auf beiden Seiten mitunter friedlicher waren, als so mancher Spieler auf dem Platz.
Bestes Beispiel dafür: Gerald Asamoah, der in der 34. Minute nach kapitalem Bock von Javier Pinola lieber versuchte einen Elfmeter zu schinden, statt den direkten Weg zum Tor zu suchen, und somit die wahrscheinlich beste Chance des gesamten Spiels leichtfertig verspielte. Ebenfalls ein Beispiel für Übermotivation: Markus Feulner. Nach seinem sehr guten Auftritt vor Wochenfrist gegen die Bauern aus München, glänzte der Mann mit der Nummer sieben dieses Mal vor allem durch Unkonzentriertheiten und fiel in der 35. Minute im Mittelfeld durch unnötig hartes Einsteigen gegen Stephan Fürstner auf – woraufhin ihn Schiedsrichter Dr. Felix Brych mit roter Karte frühzeitig zum Duschen schickte. Es sollte übrigens so ziemlich die einzige Aktion des Unparteiischen aus München bleiben, in der er halbwegs richtig lag. So forderten die Gastgeber schon nach drei Minuten und Foul an Edgar Prib einen Elfmeter, übersahen jedoch, dass es zu der durchaus elfmeterwürdigen Situation im Nürnberger Strafraum hätte gar nicht kommen dürfen, weil Dr. Brych zuvor ein Foulspiel an Timm Klose übersah. Und so hatte der Schiedsrichter letztlich einen nicht unwesentlichen Anteil an der Hektik, die auf dem Rasen aufkam und die einem guten Fußballspiel natürlich auch alles andere als zuträglich war.
Nach dem Platzverweis an Markus Feulner reagierte FCN-Coach Dieter Hecking sofort und brachte Hanno Balitsch für Alexander Esswein. Es soll Clubfans gegeben haben, die zu diesem Zeitpunkt erst bemerkten, dass Esswein zur Startformation des Clubs gehört hatte. Der Club jedenfalls war nun in numerischer Unterlegenheit darum bemüht, in erster Linie das eigene Tor dicht zu machen – was gegen harmlose Gastgeber auch ohne größere Probleme gelang und gleichzeitig wieder das eigentliche Problem des 1.FC Nürnberg in der Saison 2012/2013 offenbarte: Nach vorne ging beim Club nichts! Nada! Null! Zero! Die zu Anfang der Saison noch so gefürchteten Standards von Hiroshi Kiyotake? Sie verpufften in Harmlosigkeit! Spielzüge aus dem Spiel heraus, die nicht nach spätestens drei Kurzpässen beim Gegner landeten? Absolute Fehlanzeige!
Bezeichnenderweise musste Innenverteidiger Klose in der zweiten Halbzeit für die einzige halbwegs gelungene Offensivaktion im Nürnberger Spiel sorgen. Dem Schweizer reichte es irgendwann einfach! Zum wiederholten Male fand er keinerlei Anspielstation im statischen Offensivbereich und so marschierte der Innenverteidiger einfach mal selbst in Richtung Tor von grün-weiß. Gestoppt werden konnte er erst an der Strafraumgrenze und wäre Klose nicht gelernter Innenverteidiger, er hätte vielleicht sogar die Idee gehabt, kurz vor dem Sechzehner den kurzen Pass auf den freistehenden Sebastian Polter zu spielen – was dann jedoch freilich nicht automatisch geheißen hätte, dass der Youngster den Ball nicht noch verstolpert…
Es bleibt also am Ende wirklich kaum Sportliches, über das es im Zusammenhang mit dem ersten Frankenderby der Bundesliga-Geschichte zu reden lohnt. Dr. Brych stellte in der 61. Minute das zahlenmäßige Gleichgewicht wieder her, als er Sercan Sararer nach Ellbogencheck gegen Javier Pinola mit gelb-roter Karte vom Platz schickte – das war’s! Nach dem Spiel stellte sich aufgrund diverser Fernsehbilder heraus, dass Sararer nach einer Spuckattacke gegen FCN-Keeper Raphael Schäfer bereits in der ersten Halbzeit hätte gehen müssen, doch darum kümmert sich nun der Kontrollausschuss des DFB.
Mit einem Blick auf den Austragungsort (siehe oben) wird man am Ende nun noch die Frage stellen müssen, ob nicht auch dieser zum mäßigen Niveau des Derbys beigetragen hat. Wie bitte soll in einer solchen Mini-Wellblech-Hütte echte Stimmung aufkommen? 18.000 Zuschauer sind eines Derbys im Jahre 2012 nicht würdig, die Bezeichnung „Arena“ hinter dem Sponsornamen eine fast schon unverschämte Übertreibung und Ticketpreise jenseits der 20 Euro für einen zügigen Stehplatz im eisigen Fürther Dorfwind sowieso.
Das Fazit dieses mit großer Spannung erwarteten Spiels kann also letztlich nur ernüchternd ausfallen. Fußballerische Magerkost auf dem grünen Rasen, unfähige Behörden, die sich vor Angst schon eine Woche vorher in die Hose machen und denen in ihrer Hilflosigkeit nichts anderes als Provokation einfällt und am Ende dann auch ein Offenbarungseid der Medien, die in Hoffnung auf die dicke Schlagzeilen jeden Furz anreisender Clubfans in einem Live-Ticker kommentieren, am Ende entgegen der eigenen Stimmungsmache jedoch nicht mal den Arsch in der Hose haben, ein – trotz aller Provokationen von Behördenseite – friedliches Fußballfest auch als solches zu bezeichnen. Traurig, aber wahr: Acht friedliche Spiele am Wochenende mit toller Stimmung und worauf stürzen sich die Schmierfinken von BILD & Co.? Auf Halbwahrheiten rund um die Stadionverbote, die Sippenhaft und den Abschied der Schalker HUGOS. Wann sehen die Verantwortlichen des DFB und der DFL endlich ein, dass die wahren Brandstifter im Konflikt um die Sicherheit in deutschen Fußballstadien nicht mehrheitlich in den Kurven unserer Republik stehen, sondern an den Schreibtischen diverser Redaktionen sitzen?
Ausnahmen bestätigen auf beiden Seiten die Regel – unbestritten gibt es auch in den Kurven Idioten, die die Bühne des Fußballs zur Befriedigung der eigenen Geltungssucht nutzen. Genauso gibt es an den Schreibtischen der Zeitungsredaktionen auch Menschen, die die Stimmungsmache der profilierungssüchtigen Kollegen des Boulevards durchschauen und auf Gewaltstatistiken auch einen zweiten Blick werfen. Es ist also an der Zeit, in der Mittagspause mal zu überlegen, ob es wirklich die BILD-Zeitung, der Express oder das Abendblatt sein muss, dem man durch starke Auflage in unserer Republik auch eine starke Stimme verschafft.
Es ist gleichzeitig an der Zeit, der Öffentlichkeit einmal zu zeigen, was es wirklich bedeutet, wenn man den Fans in der Kurve die Stimme verbietet.  Zu erleben sein wird dies in den Stadien der Republik an den nächsten drei Spieltagen. In Hinblick auf die Sicherheitskonferenz aller Vereine am 12. Dezember 2012 werden die Kurven an den Spieltagen 14, 15 und 16 die ersten zwölf Minuten und zwölf Sekunden eines jeden Spiels schweigen. Die Fangruppierungen legen Wert darauf, dass sich der Stimmungsboykott weder gegen die eigene Mannschaft noch gegen die Verantwortlichen der Vereine richtet. Der Boykott ist lediglich als Zusammenschluss aller aktiven Fanszenen zu verstehen, um Aufmerksamkeit und letztendlich eine Mitsprache zu erreichen.
Es wird also auch im Heimspiel gegen die TSG Hoffenheim am kommenden Mittwoch im Max-Morlock-Stadion zunächst ruhig bleiben in der Nordkurve. Im Spiel der Tabellennachbarn hat der Club die große Chance, den Abstand auf den Relegationsplatz auf ein erträgliches Maß zu schrauben. Hinten dicht und vorne hilft der liebe Gott – anders wird man das Spiel in der Woche beim Club mit dem vorhandenen Kader kaum angehen können.

Mehr Infos zum Stimmungsboykott: Ohne Stimme – keine Stimmung