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DER DISORDER – Der Clubspielberichtkommentar

Fußball-Bundesliga 2012/2013, 11. Spieltag
[Freitag, 09.11.2012] FSV Mainz 05 – 1.FC Nürnberg 2:1 (2:1)

Manchmal möchte man dann als Fan doch schon auch gerne mal wissen, was in so manchen Köpfen derer vor sich geht, die ihr Geld mit dem Fußball verdienen. Vor allem möchte man dann auch gerne wissen, wie es mit dem Erinnerungsvermögen einiger Clubspieler so bestellt ist. Erst im März diesen Jahres war man letztmalig in Mainz zu Gast. Und obwohl man schon im Frühjahr wusste, dass die 05er im eigenen Stadion stets loszulegen pflegen wie die sprichwörtliche Feuerwehr, passierte an jenem Samstag zu Beginn des Jahres genau das, was nicht hätte passieren dürfen. Schon nach 22 Minuten hatten die Gastgeber zwei Mal getroffen und mussten sich den Rest des Spiels dann nur noch auf eine Ergebnisverwaltung konzentrieren – was sich gegen offensiv schwache Gäste als nicht besonders schwierig erwies.
Möchte man nun das Spiel an diesem tristen Freitag im November 2012 beschreiben, man könnte sich fast ungesehen der Formulierungen aus dem Frühjahr bedienen. Zwar dauerte es dieses Mal etwas länger als noch im März, ehe das 1:0 für die Gastgeber fiel, dafür war zumindest der Torschütze derselbe. Nicolai Müller – seines Zeichens Franke und Ex-Fürther, der offensichtlich ziemlich gerne gegen den Club trifft – setzte sich in der elften Minute auf der linken Abwehrseite gegen Marvin Plattenhardt durch und ließ mit einem strammen Schuss aus halbrechter Position auch Club-Keeper Patrick Rakovsky alt aussehen. Plattenhardt, der trotz der abgesessenen Gelbsperre von Javier Pinola auf der linken Außenbahn verteidigen durfte, hatte den Torschützen auch mit mehreren Foulversuchen nicht stoppen können. Trainer Dieter Hecking hatte zum Anpfiff in Mainz also seiner siegreichen Startelf vom letzten Wochenende vertraut, doch Mainz erwies sich letztlich zumindest in der ersten halben Stunde als wesentlich stärker als der VfL Wolfsburg vor Wochenfrist.
Denn auch, wenn das erste Tor der 05er dieses Mal länger hatte auf sich warten lassen – das zweite Tor fiel an diesem Freitag dafür eine Minute früher als das 2:0 im Frühjahr. Dieses Mal schlug Andreas Ivanschitz zu, nachdem die Mainzer schneller kombiniert hatten als die Club-Abwehr gucken konnte. Der Österreicher tauchte jedenfalls in der 21. Minute plötzlich völlig frei und mit Ball am Fuß vor Rakovsky auf, umspielte den Keeper und schob dann aus kurzer Distanz zum 2:0 ein.
Es folgte eine Phase, in der der Club sich erst einmal schütteln musste und man als Anhänger des neunmaligen Deutschen Meister froh sein konnte, dass die Hausherren das Tempo um zwei bis drei Gänge verlangsamten. Fast zwangsläufig beschlich einen das Gefühl des Déjà vu und auch, wenn der FCN nach und nach besser ins Spiel zu kommen schien, wirkten die Aktionen der Clubspieler nur selten überzeugend – geschweige denn gefährlich für das Mainzer Tor. Tomas Pekhart kam in der 31. Minute mit einem Kopfball zu so etwas wie einer ersten Torchance auf Seiten des Clubs. Eine Minute später prüfte Hiroshi Kiyotake den Mainzer Schlussmann Christian Wetklo mit einem Distanzschuss. Man kann also auch an diesem späten Novemberabend von heiterem Himmel sprechen, als die Lederkugel in der 40. Minute erneut im Tornetz zappelte – und dieses Mal auf der Mainzer Seite. Kiyotake hatte bei den bisherigen Frei- und Eckstößen nur geübt und zirkelte den Ball dieses Mal genau auf den Kopf von Per Nilsson. Der Anschluss war geschafft und natürlich gab es so etwas wie Hoffnung auf FCN-Seite, dass es im zweiten Durchgang zumindest noch für den Ausgleich reichen könnte.
Es zeigte sich jedoch die alte Schwäche, die sich nun bereits seit dem vierten Spieltag dieser Saison wie ein roter Faden durch die insgesamt bisher eher bescheidende Spielzeit zieht: Der Club ist in der Offensive zu harmlos. Gefahr für das gegnerische Tor entwickelt sich meist nur bei Standardsituationen oder aus purem Zufall. Die Bemühungen auf den zweiten Treffer konnte man den Spielern von Dieter Hecking nicht absprechen – nur: Bemühen allein reicht eben manchmal nicht. Plattenhardt versuchte es in der 50. Minute mit einem Distanzschuss, Timothy Chandler fand sich in der 55. Minute plötzlich in aussichtsreicher Position im Mainzer Strafraum wieder, wusste mit dem Spielgerät jedoch nichts Sinnvolles anzufangen. Also sah sich Trainer Dieter Hecking in der 74. Minute dazu gezwungen, die Brechstange auszupacken und gleich dreifach zu wechseln: Sebastian Polter kam für Hanno Balitsch, Robert Mak für Timo Gebhart und Mike Frantz für Alexander Esswein. Gebracht hat der Dreifach-Wechsel indes nichts. Mainz verteidigte clever, hatte in der ein oder anderen Situation etwas Glück, während dem Club in wieder anderen Situationen auch das Pech treu blieb.
Am Ende jedenfalls war es dann doch so, wie es die letzten sieben Gastspiele des Clubs in Rheinhessen auch gewesen ist: Die Punkte bleiben in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt und die Gastgeber feiern ihr Image als Karnevalsverein. Also eigentlich alles wie immer, sollte man meinen…. nicht ganz, sagt Der Disorder… In der Fastnachtshochburg sollte man das eigene Image nämlich dringend mal überdenken. Mainz 05 ist längst nicht mehr der Underdog, für den er sich gerne hält. Und auch die eigenen Fans sind längst nicht mehr alle so harmlos und fastnachtsbeseelt, wie man das bei Herrn Heidel und Herrn Strutz gerne hätte. Natürlich muss man auch hier wieder über die unrühmlichen Ausnahmen sprechen, die den Fußball als Katalysator für die eigene, begrenzte Intelligenz missbrauchen und glauben, sie müssten friedlichen Gästefans den Aufenthalt in ihrer Stadt so unangenehm wie möglich gestalten. Das Unding des Schalziehens ist mit einiger Verspätung jedenfalls auch in Rheinhessen angekommen – irgendwie und irgendwo müssen einige Anhänger vom FSV davon gehört haben, gleichzeitig aber nur die Hälfte mitbekommen haben…. anders ist es jedenfalls nicht zu erklären, dass man sich auf Mainzer Seite als „Held des FSV“ sieht, obwohl man sich vor lauter Schiss in der Hose an Frauen vergreifen muss, um zu einer zweifelhaften Trophäe zu gelangen. Betont sei an dieser Stelle noch einmal, dass es sich auch hier um die unrühmlichen Ausnahmen handelt, dass das Grós der Mainzer Fans friedlich, freundlich und nett ist…. genauso wie in vielen anderen Städten auch. Idioten, die Schals ziehen sind die Ausnahme – ob in Mainz oder bei anderen Vereinen. Und eben dennoch – und das ist es, was den Gute-Laune-Verein vom Rhein von keinem anderen Verein der Republik unterscheidet: Es gibt diese Ausnahmen der Idiotie mittlerweile auch in Mainz.
Was es jedoch in kaum einem anderen Stadion der Republik in gleichem Ausmaß gibt, wie in der fast noch neuen Coface-Arena: Einen Gästeblock, der dermaßen sich selbst überlassen wird, wie der in Mainz. Da stehen die Ordner in ihren gelb-schwarzen Regenjacken und mit dem wichtigen Knopf im Ohr am Eingang des Stehplatzblockes und starren lustlos in die Gegenrichtung, während sich hinter ihrem Rücken die Menschen fast tot trampeln. Die Frage sei erlaubt: Wofür werden diese Leute eigentlich bezahlt? Weder gab es eine Kartenkontrolle, um den Block zu betreten, noch gab es hinterher auch nur den Hauch eines Versuches, im Block die Fluchtwege frei zu halten oder zumindest die Ströme sich nach draußen und drinnen bewegender Menschen auch nur ansatzweise in eine ungefährliche Richtung zu leiten. Der Disorder war nun wahrlich schon in vielen Fußballstadien dieser Republik und hat noch vor Wochenfrist ohne jedes Bedenken die Aktion „Ich fühl mich sicher“ mit dem Eintrag seines Namens unterstützt. An die Verantwortlichen des FSV Mainz 05 möchte er nun den Zusatz richten: Außer im Gästeblock der Coface-Arena…
Genauso, wie es für die Verantwortlichen des FSV Mainz 05 das ein oder andere zu tun gibt, steht auch der Spielerkader des FCN an den nächsten beiden Wochenenden vor gewissen Herausforderungen: Nächste Woche steht das Süd-Derby gegen die Großkopferten aus der Besatzer-Hauptstadt an und nur eine Woche später heißt es dann: Aufgalopp zum 255. Frankenderby. Dass der Club nach dem 11. Spieltag nicht erstmals in der Saison auf den Relegationsplatz abgerutscht ist, verdankt er übrigens einem Ex-Spieler. Das 1:3 durch Stefan Kießling in der Nachspielzeit des Spiels VfL Wolfsburg – Bayer Leverkusen ließ die Autostädter am Ende mit einer knapp schlechteren Tordifferenz dastehen. Ein hauchdünner Vorsprung, der kaum Bestand haben dürfte, sollten die beiden folgenden Derbys verloren gehen.
Die Mannschaft von Dieter Hecking hat an den kommenden zwei Wochenenden die Möglichkeit, eine bisher durchwachsende Saison zumindest in Sachen Fanstimmung zu retten. Nach dem Spiel in Mainz gab es jedenfalls unter den Mitgereisten viel Zuspruch für die folgenden Aufgaben – es mischten sich jedoch auch Pfiffe in die Verabschiedung. Die Stimmung steht auf der Schneide und mit den beiden Derbys wird sie kippen – ob sie ins Positive kippt oder ins Negative, hat das Team gegen Bayern München und Greuther F**** selbst in der Hand.