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DER DISORDER – Der Clubspielberichtkommentar

Fußball-Bundesliga 2012/2013, 5. Spieltag
[Mittwoch, 26.09.2012] Hannover 96 – 1.FC Nürnberg 4:1 (2:0)

Es gibt eben einfach Tage, an denen wäre man besten im Bett geblieben. Das fängt schon damit an, dass man am Berliner Westkreuz auf die Leute wartet, mit denen man nach Hannover fahren will und erst als niemand kommt – und nach nochmaligem Lesen der Verabredungsmail – stellt man fest, dass als Treffpunkt nicht das Westkreuz, sondern Berlin Westend abgemacht war. Nach ein paar Telefonaten hin und her ist dann zwar doch alles gut und man kann die Fahrt nach Hannover antreten, hat dann sogar kurzzeitig das Gefühl, es könne doch noch ein geiler Abend werden, weil man direkt am Stadion vor dem Gästeeingang einen kostenlosen Parkplatz gefunden hat und man die verbleibenden eineinhalb Stunden bis zum Anpfiff tatsächlich am Bierstand nutzen kann, um sich endlich mal wieder mit all den Clubfreunden zu unterhalten, die man sonst immer eher nur im Vorbeigehen sieht, doch dann fängt eben irgendwann das Spiel an und schnell muss man feststellen, dass die Spieler im Clubtrikot ebenfalls einen mehr als gebrauchten Tag erwischt haben und an diesem Abend nur wenig dazu beitragen werden, den Ausflug in die niedersächsische Hauptstadt zu einem erfolgreichen Roadtrip werden zu lassen.
Davon jedenfalls, dass dort unten auf dem grünen Rasen zwei Mannschaften gegeneinander spielten, die bei einem Sieg in die Spitzengruppe der Bundesliga vorstoßen konnten, war nie etwas zu sehen. In Hannover spielte ein Gastgeber, der zurecht im zweiten Jahr nacheinander durch Europa tourt, gegen Gäste, die zu keinem Zeitpunkt des Abends zeigen konnten, dass die Heimniederlage gegen Eintracht Frankfurt am vergangenen Freitag nur ein Ausrutscher nach unten war und eben nicht zur Normalität gehörte. Vielmehr machte sich schnell die Erkenntnis breit, dass der Club in den letzten Jahren zwar durchaus und unbestritten seine Fortschritte gemacht hat, jedoch bei weitem noch nicht so weit ist, wie es so mancher Fan gerne hätte. Rückschläge gehören zum Fußballgeschäft und beim Club fallen sie eben mitunter etwas heftiger aus als bei anderen Vereinen. Deshalb ist der Club schließlich der Club und die anderen sind Vereine.
Der gemeine Clubfan ist jedenfalls durch die 90 Minuten in Hannover recht hart und ernüchternd auf dem Hosenboden der Realität gelandet – und fragt sich, wo bei aller Ernüchterung der Kater herkommt… Es war vor allem die Effektivität Hannovers und die eigenen Fehler in der Abwehr, die dem Club an diesem Mittwochabend das Genick brachen.  Lars Stindl nutzte die erste Chance der Niedersachsen in der 21. Minute gleich zum 1:0. Nach Vorarbeit von Szabolcs Huszti vollendete der Mittelfeldspieler aus kurzer Distanz unhaltbar für Raphael Schäfer. Acht Minuten später dann die zweite Chance für Hannover 96 – und das zweite Tor. Per Nilsson befand sich offensichtlich im Tiefschlaf als er von Raphael Schäfer angespielt wurde und vertändelte den Ball auf der rechten Abwehrseite gegen Huszti. Der Ungar zog unwiderstehlich in Richtung Clubtor und erzielte aus spitzem Winkel leider sehenswert mit dem Außenrist ins lange Eck das 2:0.
Der Club war an diesem Abend außerstande, den Schock der zwei Gegentore zu verarbeiten und schien am Ende froh, den Rückstand von zwei Toren in die Halbzeit retten zu können. Trainer Dieter Hecking, der die Partie mit der selben Startelf begonnen hatte, wie beim 1:2 gegen Frankfurt, reagierte und brachte mit Sebastian Polter für Alexander Esswein einen zweiten Stürmer. Auch Timo Gebhardt durfte mit Anpfiff von Hälfte zwei aufs Spielfeld und Robert Mak ersetzen. Gebracht haben die Wechsel indes nichts. Es dauerte gerade sieben Minuten bis der Ball erneut im Netz des FCN-Gehäuses zappelte. Nilsson wollte offensichtlich nicht den geringsten Zweifel aufkommen lassen, dass er an diesem Abend neben sich stand und leistete sich in einer Phase, in der der FCN sich gerade ein wenig zu fangen schien, den zweiten Riesenbock. Dider Ya Konan nahm dem schwedischen Innenverteidiger den Ball ab und spazierte nun seelenruhig durch die riesigen Lücken der Nürnberger Hintermannschaft, um schließlich aus zentraler Position zum 3:0 einzuschieben. In der 64. Minute nutzte Huszti einen Fehlpass im Nürnberger Aufbauspiel (wenn man es denn so nennen mag), passte zum freistehenden Ya Konan, der zum 4:0 vollendete. Der Drops war gelutscht und hätte Hannover das eigene Tempo und die Effektivität aufrecht erhalten, es hätte eine richtige Packung für den Club gegeben. Man mag es den Gastgebern also danken, dass sie nach dem vierten Treffer fünf Gänge runterschalteten und sich 96-Keeper Ron Robert Zieler von seiner gönnerischen Seite zeigte, als er einen Schuss von Timothy Chandler in der 73. Minute noch zum 1:4 durch die Hosenträger rutschen ließ.
Der Rest war pure Erleichterung als Schiedsrichter Daniel Siebert die Partie endlich abpfiff und man keine Angst mehr vor weiteren Aussetzern von Per Nilsson haben musste. Nach zwei Niederlagen in Folge ist der Club nun in der Tabellenregion angekommen, mit der man am Ende der Saison durchaus zufrieden sein könnte. Platz neun nach fünf Spieltagen ist weiterhin aller Ehren wert und wer nun sagt, der Club sei in der Realität angekommen, vergisst mitunter, dass die Realität in der Fußball-Bundesliga eben jedes Jahr anders aussieht. So schön und selten Auswärtssiege in Hamburg und Mönchengladbach auch sein mögen – vielleicht gehört es einfach zur Realität der Saison 2012/2013, dass diese beiden Mannschaften in dieser Spielzeit eben nicht zu den Überfliegern gehören. Beim HSV ist dies aus der letzten Saison bekannt und mag sich mit der Verpflichtung von Rafael van der Vart und sich einstellenden Erfolgserlebnissen noch ändern, doch in Mönchengladbach ist man sich durchaus bewusst, dass die Brötchen in dieser Saison nicht so groß sein werden wie in der letzten Spielzeit. Und dass der deutsche Meister aus Dortmund noch längst nicht wieder so in der Spur ist, wie in der letzten Rückrunde, zeigen die Ergebnisse der letzten beiden Spieltage. Ein 1:1 gegen den BVB ist zwar ebenfalls toll, sollte aber bei genauerer Betrachtung der Tatsache, dass die Klopp-Truppe nach fünf Spieltage gerade mal einen Zähler mehr als der Club gesammelt hat, auch nicht gleich zu Meisterschaftsträumen auf Nürnberger Seite führen.
Bleiben eben die beiden Niederlagen von Freitag und Mittwoch – gegen einen Aufsteiger, der einen unglaublichen Lauf hat und den man vielleicht zu einem falschen Zeitpunkt in der Saison getroffen hat, sowie gegen ein Team, dass sich in den letzten beiden Spielzeiten unter den Top Five der Liga festgesetzt hat und allen Unkenrufen zum Trotz sogar bereits bewiesen hat, dass es die Doppelbelastung mit Europapokal und Bundesliga hin bekommt.
DER DISORDER will an dieser Stelle nun also keinesfalls die unterirdische Leistung des Clubs in Hannover schön reden – er möchte lediglich zu denken geben, ob die Niederlage in Hannover letztlich nicht genauso zum eigentlichen Leistungspotential der Saison 2012/2013 gehört, wie es vorher die Siege gegen den HSV und Borussia Mönchengladbach getan haben. Es wäre doch wirklich nicht das Schlechteste, wenn sich die Mannschaft von Dieter Hecking am Ende der Saison irgendwo hinter Hannover 96, aber vor Borussia Mönchengladbach und dem HSV in die Tabelle reiht. Ob die Rechnung aufgehen kann, wird sich schon am Samstag zeigen. Wenn der bisher sieglose VfB Stuttgart nach Nürnberg kommt, muss definitiv eine Leistungssteigerung beim Club her. Hat man jedoch den Anspruch, mit dem Abstieg so früh wie möglich in dieser Saison nichts mehr zu tun haben zu wollen, müssen die Schwaben, die sich an diesem Abend zum Vergessen zu Hause gegen Hoffenheim in mindestens gleichwertig desolater Tagesverfassung wie der Club gezeigt haben, geschlagen werden. Man hätte dann neben dem HSV und Borussia Mönchengladbach vielleicht bereits eine dritte Mannschaft gefunden, die sich am Ende der Saison hinter dem Club einreiht.