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DER DISORDER – Der Clubspielberichtkommentar

DFB-Pokal 2012/2013, 1. Runde
[Sonntag, 19.08.2012] TSV Havelse – 1.FC Nürnberg 3:2 (1:1, 2:2) n.V.

Es gibt so Tage, an denen läuft einfach alles anders als ursprünglich geplant. Bei manchen Leuten gibt es diese Tage seltener, beim Club gibt es sie häufiger. Egal, was die Spieler mit dem FCN-Wappen an diesen Tagen dann auch versuchen – es geht schief. Die einfachsten Pässe kommen nicht an, die Tag für Tag trainierten Laufwege stimmen nicht, Distanzschüsse landen irgendwo auf der Tribüne, Flanken grundsätzlich hinter dem Tor und bei Freistößen braucht der Gegner erst gar keine Mauer aufzubauen, weil der Schuss eher im Seitenaus landet als in den Armen des gegnerischen Torhüters. Wenn es zu allem Überfluss dann noch zu einem Einwurf für den FCN kommt, kriegt der Clubberer diesen an solchen Tagen mit Sicherheit so falsch hin, dass dem Schiedsrichter gar nichts anderes übrig bleibt, als ihn abzupfeifen und die Lederkugel an den Gegner weiterzugeben. Am gestrigen Sonntag irgendwo in der niedersächsischen Pampa war definitiv so ein Tag! Ein Tag, an dem man lieber im Bett geblieben wäre – als Fan des 1.FC Nürnberg genauso wie die Spieler!
Am Ende eines schweißtreibenden Nachmittags mit praller Sonne und Temperaturen weit über 30° Celsius lag der Club nach 120 Minuten mit 2:3 beim Viertligisten TSV Havelse zurück und verabschiedete sich denkbar früh von der Hoffnung und Möglichkeit 2013 mal wieder Pokalendspiel in Berlin spielen zu dürfen. Für Berlin ist das auch nicht schön, denn nachdem neben dem Club bereits fünf weitere Bundesligisten in der 1. Runde des DFB-Pokals Adieu sagen mussten, bleibt am Ende fürs Olympiastadion wohl wieder nur ein Endspiel á la Bauern-Borussia. Schade, um den schönen Pokal und wenn DER DISORDER an dieser Stelle ein wenig abschweifen mag, dann aus reinem Selbstschutz und in der Hoffnung auf gelingende Frustbewältigung. Denn um ehrlich zu sein, dürfen die Mannen von Trainer Dieter Hecking durchaus froh darüber sein, dass dieser Clubspielberichtkommentar mit dem Abstand von gut 24 Stunden zum Abpfiff in Havelse geschrieben wird. Jeder frühere Versuch wäre wahrscheinlich in eine unkontrollierbare Beleidigungswelle und Wutattacke ausgeartet.
Da wäre dann von Arbeitsverweigerung und Alibi-Zweikämpfen die Rede gewesen, von Schön-Wetter-Fußball und offensichtlich fehlender Bundesliga-Tauglichkeit. Es wäre die Sprache auf zwei Innenverteidiger gekommen, die es nicht verdient hätten, dass man das Wort Verteidiger in einem Atemzug mit ihren Namen nennt und wahrscheinlich wäre auch das Wort „Versager“ irgendwann gefallen.
So aber sind nun 24 Stunden vergangen und war es gestern in Havelse direkt nach dem Abpfiff noch eher die Wut über den Offenbarungseid der eigenen Mannschaft, ist es inzwischen eher die Angst, dass der Auftritt im DFB-Pokal kein Einzelfall war, die den Autor dieser Zeilen umtreibt. Wo in aller Welt will Dieter Hecking bis zum kommenden Samstag ansetzen? Die ganze Mannschaft austauschen? Panikkäufe auf dem Transfermarkt? Bei aller Wut darüber, dass man an einem Sonntag früh aufsteht, um im Schweiße seines Angesichts den Großteil des Tages in irgendwelchen Zügen zu verbringen: Panik hilft jetzt auch nicht weiter.
Vielmehr sollte man schnellstmöglich eine Antwort auf die Frage finden, wie es sein kann, dass man als Bundesligist in einem Spiel gegen einen Viertligisten zwar nach schöner Kombination durch Alexander Esswein bereits nach sieben Minuten in Führung geht, doch danach das, wofür man bezahlt wird – nämlich Fußball spielen – komplett einstellt? War es fehlende Cleverness? Die falsche Einstellung? Oder gar doch eine gehörige Portion Überheblichkeit?
Sicher, wenn man gegen den unterklassigen Verein nach wenigen Minuten in Führung geht, kann schon mal so etwas wie der Gedanken eines Selbstläufers aufkommen. Nicht wenige Fans hatten auf der Tribüne zu dieser Zeit das selbe Gefühl. Das Tor wurde bejubelt, dann mit den Achseln gezuckt und nicht selten war zu hören: Na, also. Läuft doch. Spätestens jedoch, wenn man dann in der 13. Minute den Ausgleich durch Christoph Beismann kassiert, sollten in der eigenen Birne die Warnleuchten angehen. Leider hatte man auf der Tribüne den Eindruck, als sei bei den elf Männern mit dem FCN-Logo nicht einmal eine Notleuchte angegangen. Havelse konnte plötzlich nach Lust und Laune kombinieren und spielte sich kurz vor der Halbzeit durch den Ausgleichstorschützen Beismann sogar noch eine Großchance zur 2:1-Führung heraus. Der Schuss des TSV-Stürmers strich nur Zentimeter am Gehäuse von Raphael Schäfer vorbei.
Wer nun geglaubt hatte, dass der Gast aus Franken nach der Halbzeitpause endlich wie die Feuerwehr loslegt, sah sich getäuscht. Die Mannschaft erspielte sich zwar so etwas wie ein Übergewicht im Mittelfeld, doch das zweite Tor erzielten in der 59. Minute die Gastgeber. Marc Vucinovic konnte flanken, Patrick Posipal einköpfen – klingt einfach, war es auch!
Mit der Einwechselung von Robert Mak und Hiroshi Kiyotake für Mike Frantz und Timo Gebhart brachte Dieter Hecking in der 63. Minute zwar noch einmal so etwas wie ein Lüftchen Schwung in die Nürnberger Mannschaft, es dauerte letztlich aber trotzdem bis zur 80. Minute, ehe es zum 2:2 kam. Auf Vorarbeit von Esswein stand der eingewechselte Mak am langen Pfosten genau richtig und knallte den Ball zum Ausgleich unter die Latte. Es ging in die Verlängerung und alle Erwartungen, der Erstligist hätte nun mehr Kondition und würde den Vorteil des täglichen Trainings ausspielen, lösten sich mit dem dritten Treffer des TSV Havelse in Luft auf. Der eingewechselte Saliou Sane spazierte unbehelligt durch die gesamte Club-Abwehr, scheiterte mit seinem Schuss aus kürzester Distanz jedoch noch am einzigen Clubberer, der an diesem Sonntag Normalform zeigte. Mit dem Abpraller von Raphael Schäfer hatte dann Vucinovic keinerlei Probleme und schob das Spielgerät in der 97. Minute zur 3:2-Führung über die Linie. Bei Raphael Schäfer können sich die Clubspieler später bedanken, dass das Debakel nicht auch noch zur Klatsche wurde, denn der Keeper reagierte bei weiteren Chancen der Havelser stets gut. Chancen für den Club auf den erneuten Ausgleich? Fehlanzeige! Die zweite Halbzeit der Verlängerung arbeitete der Club intensiv an der schlechtesten Leistung der jüngeren Vergangenheit und entfachte damit nach nur einem Spiel bereits heftige Diskussionen darüber, ob man mit dieser Mannschaft in der Bundesliga überstehen kann. Vor allem das Problem der Innenverteidiger kommt hier immer wieder zur Sprache und die Leistungen von Timm Klose und Marcos Antonio haben sicher nicht dazu beigetragen, diese Diskussion im Keim zu ersticken – im Gegenteil. Da wurden Bälle verstolpert, die einfachsten Pässe kamen nicht an und in Sachen Zweikampfverhalten ist bei beiden mächtig Luft nach oben. Diese Luft nach oben ist jedoch auch bei allen anderen, die gestern in der Gluthitze auf dem Platz standen und bei allem Ärger über die gestrige Leistung bleibt dann doch die leise und angstvolle Hoffnung, dass sich unsere beiden Innenverteidiger noch genauso steigern können, wie alle anderen eben auch. Am besten natürlich gleich am nächsten Wochenende, denn schließlich muss der HSV in dieser Woche eine ähnliche Schlappe verkraften wie der Club. In der  – wie heißt sie diese Saison eigentlich? – Arena in Hamburg kommt es am kommenden Samstag zum Duell zweier angeschlagenen Mannschaften – was in einen Grottenkick münden kann oder zur Auferstehung aus Ruinen, zumindest bei einem der beiden Teams. Hoffen wir inständig, dass der Club dieses Team ist, denn ansonsten lässt sich DER DISORDER nächste Woche vielleicht mal keine 24 Stunden Zeit, ehe er seine Gedanken zu Papier bringt.

P.S. Bleibt am Ende noch ein sehr herzliches Dankeschön an unseren Fanbeauftragten Jürgen „Beppo“ Bergmann und die Feuerwehr von Havelse. Ohne die zwischenzeitlichen „Regenschauer“ auf dem Löschfahrzeug wäre das Spiel in der Tat nicht auszuhalten gewesen.