Ein Passwort wird per E-Mail an Sie geschickt

DER DISORDER – Der Clubspielberichtkommentar

Fußball-Bundesliga 2011/2012, 30. Spieltag
[Mittwoch, 11.04.2012] 1.FC Nürnberg – FC Schalke 04 4:1 (3:0)

Da hatte man sich gerade von der verpassten Chance und dem letztlich doch enttäuschenden Spielausgang gegen den SC Freiburg erholt, stand der Club nun am Mittwoch also schon wieder auf dem Platz. Gegen Schalke – einen ChampionsLeague-Anwärter und noch dazu eine Mannschaft, gegen die man gerade eins der letzten 17 Spiele hatte gewinnen können. Nicht unbedingt die Vorzeichen also, die Hoffnung machen konnten auf einen großen Befreiungsschlag. Zumal am Abend zuvor die Abstiegskonkurrenten aus Berlin, Augsburg und Köln ihre Spiele verloren hatten und man als leidgeprüfter Clubfan doch eigentlich weiß, dass die Männer von Dieter Hecking gerne mal zur Schludrigkeit neigen, wenn die Uhr nicht gerade fünf vor zwölf zeigt.
Doch letztlich ist es eben auch die Hoffnung, die bekanntlich zuletzt stirbt – und die im Spiel gegen Schalke spätestens nach zehn Minuten dann doch mausetot schien. Der Club zeigte sich nervös und unsicher. Kaum ein Pass fand den eigenen Mann, die Gäste aus Gelsenkirchen wirkten in allen Belangen überlegen und unser Fanclubkamerad Wolfgang saß schwitzend und bleich im Gesicht im Max und Marek und mochte schon fast nicht mehr hinsehen. Erste Versuche, den Mann zu trösten, schlugen gnadenlos fehl, wurden sie doch von weiteren Nürnberger Fehlpässen begleitet. Raúl hatte seinen Freistoß aus rund 19 Metern in der dritten Minute zwar in die Nürnberger Mauer gesetzt und auch Lewis Holtby hatte bei seinem Schuss aus rund 20 Metern in der achten Minuten glücklicherweise nicht genug Zielwasser getrunken, dennoch schien es zu diesem Zeitpunkt nur eine Frage der Zeit, wann die Gäste ernst machten und den Ball im Nürnberger Gehäuse unterbringen würden.
Umso erstaunlicher ist es in diesem Falle, dass DER DISORDER an dieser Stelle nun ausgerechnet auf den Mann zu sprechen kommen muss, der ansonsten (nicht nur) an diesem Abend viel verbalen Dünnschiss fabriziert hat: Sky-Schwätzer Fritz von Thurn und Taxis. Der Mann nämlich, der sich wahrscheinlich bodenlos über seine Chefs aufgeregt hatte, dass nicht er, sondern wieder einmal Marcel Reif das Spiel der Bauern kommentieren durfte, mutmaßte nach einer guten Viertelstunde und einem – wenn auch missglückten – Flankenlauf von Mike Frantz über so etwas wie eine Initialzündung – und, oh Wunder, der Mann sollte Recht bekommen. Denn nach und nach fand der Club besser ins Spiel und was noch viel erstaunlicher war: Er belohnte sich recht schnell für die eigenen Bemühungen. Die Gäste in Königsblau jedenfalls schienen gar nicht so richtig zu verstehen, was geschah, als es in der 25. Minute plötzlich im S04-Gehäuse klingelte. Daniel Didavi hatte einen Freistoß aus dem Mittelfeld vor das Schalker Tor gezirkelt, wo Hanno Balitsch nur den Kopf hinzuhalten brauchte, um die Flugbahn des Balles so abzufälschen, dass Lars Unnerstall ins Leere griff und das Spielgerät schließlich aus dem eigenen Netz fischen musste.
Und natürlich schafft so ein Treffer dann auch Selbstbewusstsein und es schien schon fast so etwas wie ein Hinweis auf den weiteren Verlauf des Abends, als die Schalker dem neuen Selbstbewusstsein des Clubs in der 37. Minute mit einem Foulspiel im eigenen Strafraum begegneten. Kyriakos Papadopoulos holte Mike Frantz von den Beinen und Timmy Simons behielt vom Elfmeterpunkt die Nerven. Es stand also 2:0 und die erste Halbzeit im Max-Morlock-Stadion neigte sich dem Ende entgegen. Die Schalke-Spieler gingen im Kopf schon einmal durch, was sie sich beim Pausentee alles von Huub Stevens würden anhören müssen, und die Mannschaft von Dieter Hecking schien sich an das Freiburg-Spiel vom Wochenende zu erinnern: Eine 2:0-Pausenführung reicht mitunter nicht. Also sagte man sich beim Club: Nutzen wir die Angst der Schalker vor der Pausenpredigt ihres Trainers doch einfach aus! Robert Mak schickt Timothy Chandler auf der rechten Außenbahn, die Flanke senkt sich maßgerecht auf den Kopf von Daniel Didavi und in der 45. Minute steht es 3:0. Ein Angriff wie aus dem Lehrbuch und als hätte es die letzten fünf Spiele ohne Sieg nie gegeben. Selbst unser lieber Wolfgang hatte nun wieder Farbe im Gesicht, reckte seinen Schal in die Höhe und meinte mit dem Pausenpfiff: „Dieses Mal könnte es tatsächlich reichen.“
Ob und wie laut Huub Stevens in der Kabine dann gepredigt hat, kann man als Außenstehender natürlich nur vermuten. Keine Vermutung ist es jedoch, dass der niederländische Trainer das Spiel zum Seitenwechsel noch keineswegs herschenken wollte und mit der Hereinnahme von Jefferson Farfan und Teemu Pukki nun mit vier offensiven Leuten in Richtung Nürnberger Tor stürmen ließ – oder zumindest stürmen lassen wollte. Denn die beiden Neuen reihten sich letztlich nahtlos in den Rest der harmlosen Schalker Mannschaft ein. Chancen jedenfalls hatte auch in der zweiten Halbzeit nur der Club. In der 68. Minute hatte Didavi Pech, dass sein Schuss aus rund 15 Metern gerade noch abgefälscht werden konnte und somit über das Gästetor flog. Eine gute Viertelstunde vor Schluss jubelte dann der eingewechselte Jens Hegeler über das 4:0, wurde jedoch von Schiedsrichter Florian Meyer zurück gepfiffen, weil Tomas Pekhart zuvor gefoult hatte. Schwamm drüber, dachte sich Robert Mak in der 82. Minute. Hätte er sich – statt zu denken – eher auf den Ball konzentriert, wäre seine Volleyabnahme nach Flanke von Didavi vielleicht auch im Schalker Gehäuse gelandet und nicht im Nürnberger Abendhimmel.
So aber fühlte sich schließlich selbst Raphael Schäfer noch bemüssigt, in den für ihn recht ereignislosen Abend einzugreifen. Schließlich ist so eine Fanfreundschaft eine feine Sache und wenn die Schalker Fans an einem Mittwochabend schon den Weg nach Nürnberg auf sich genommen haben, sollen sie dafür belohnt werden. Anders jedenfalls sind die Gedankengänge unseres Keepers wohl kaum zu deuten, als er in der 85. Minute plötzlich meinte, seinen Kasten verlassen zu müssen und Lewis Holtby schließlich gar nicht mehr anders konnte, als zum 1:3 zu treffen.
Zwei Minuten später stellte dann der Mann des Spiels, Daniel Didavi, den alten Abstand wieder her, indem er einen Freistoß aus gut 30 Metern einfach mal zum 4:1 ins Tor hämmerte. Lars Unnerstall nahm sich bei dem Treffer ein Beispiel an seinem Gegenüber und stellte schiedlich-friedlich auch die Wertung der Torwartfehler wieder auf Gleichstand.
Hatte DER DISORDER noch vor wenigen Wochen an dieser Stelle davon gesprochen, dass der Fußballgott an einem Sonntag gerne mal Urlaub macht (–> Spiel gegen Stuttgart), muss er nun reumütig anerkennen, dass der alte Herr an diesem Spieltag dafür auch definitiv Überstunden gemacht hat. Der Club zieht sich an den eigenen Haaren aus dem gröbsten Schlamassel, während Hertha, Augsburg, Köln und der HSV zum Teil klar verlieren. Dazu der in Michael-Kutzop-Manier verschossene Elfmeter eines gewissen Herrn Robben – manchmal kann Fußball richtig Spaß machen und da nimmt man dann an einem Donnerstag Morgen auch gerne mal den leichten, feierbedingten Brummschädel in Kauf. Sechs Punkte Vorsprung sind es für den Club nun auf den Relegationsplatz, acht Punkte auf den ersten direkten Abstiegsplatz und hätte es das Jahr 1999 nicht gegeben, man könnte schon einmal anfangen, den Klassenerhaltssekt kalt zu stellen. So ergibt sich für die Mannschaft von Dieter Hecking durch den zweiten Heimsieg gegen Schalke in Folge nun immerhin die Möglichkeit, am kommenden Samstag das selbst gesteckte Saisonziel in Tüten zu packen. Gewinnt man beim in der Rückrunde noch sieglosen 1.FC Kaiserslautern und verlieren Hertha BSC (in Leverkusen) und der 1.FC Köln (in Mönchengladbach) gleichzeitig ihre Spiele, wären es dann bei noch drei ausstehenden Spielen genau neun Zähler Vorsprung auf den Relegationsplatz – bei einem weitaus besseren Torverhältnis von z.Zt. -11 zu -27 gegenüber den Domstädtern. Dumm nur, dass man als erfahrener Clubberer nur zu gut weiß, dass sich die eigene Truppe auch gerne mal als Aufbaugegner für am Boden liegende Mannschaften zur Verfügung stellt. Der 1.FC Kaiserslautern wäre da also durchaus so ein Kandidat. Bleibt also letztlich nur zu hoffen, dass das Selbstbewusstsein durch den Sieg über Schalke am Ende über das Mitleid gegenüber den Pfälzer Absteigern siegt.