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DER DISORDER – Der Clubspielberichtkommentar

Fußball-Bundesliga 2011/2012, 27. Spieltag
[Sonntag, 25.03.2012] VfB Stuttgart – 1.FC Nürnberg 1:0 (0:0)

Dass Sonntagsspiele ganz großer Mist sind, weiß DER DISORDER nicht erst seit diesem Wochenende. Seit vielen Jahren schon fühlt es sich nicht richtig an, wenn sein geliebter Club am heiligen Wochentag gegen den Ball treten muss und dem mal mehr, mal weniger gutem Gekicke am kommenden Tag gleich wieder der Gang ins Büro folgt. Wo, bitte schön, bleibt da die Zeit, das Geschehen auf dem grünen Rasen zu verarbeiten? Wo bleibt die Zeit, einen der seltenen Siege ausgiebig zu feiern? Wo bleibt die Zeit, sich bei einer der leider viel zu häufigen Niederlagen, die Argumente zurechtzulegen, mit denen man den Arbeitskollegen zu Wochenbeginn erklärt, warum der Club trotz des Grottenkicks vom Wochenende in der Bundesliga bleibt?
Sonntagsspiele sind also schon allein deshalb der ganz große Mist, weil ganz einfach die Zeit fehlt, das Gesehene in einem der Gesundheit zuträglichen Maße zu verarbeiten und im besten Falle sogar zu verdauen. Und das Spiel beim VfB Stuttgart macht da keine Ausnahme – im Gegenteil. Seit diesem Sonntag kennt DER DISORDER noch einen weiteren Grund, warum Sonntagsspiele – sagen wir es an dieser Stelle einfach mal gerade von der Leber weg – Scheiße sind! Denn offensichtlich haben an einem Sonntag nicht nur die meisten Geschäfte und Büros geschlossen, nein, offensichtlich nimmt sich auch der Fußballgott an diesem einen Tag in der Woche seine Auszeit. Anders jedenfalls ist ein Spiel wie das gegen den VfB Stuttgart nicht zu erklären. Denn im Gegensatz zum Heimspiel gegen den VfL Wolfsburg machte die Mannschaft von Dieter Hecking im Schwabenland von der ersten Minute an fast alles richtig. Der Europapokal-Aspirant mit dem Brustring wusste im eigenen Stadion jedenfalls zunächst nicht so recht, wie ihm geschieht. Die Gäste kamen mit zwei Niederlagen in Folge im Gepäck angereist und spielten zunächst auf, als hätten sie seit zehn Spielen nicht mehr verloren. Zweikämpfe wurden gesucht und gewonnen, Gegenspieler schon in der gegnerischen Hälfte gedoppelt und Pässe kamen auch über längere Distanz meist genau in den Fuß des Mitspielers. Javier Pinola war nach langer Leidenszeit in die Startelf zurück gekehrt und machte auf seiner Abwehrseite die Lücken dicht, die ein Adam Hlousek in den letzten Wochen leider viel zu oft gelassen hatte. Der Tscheche rückte im System von Dieter Hecking einfach um eine Position nach vorne, wo er Alexander Esswein ins Sturmzentrum verdrängte. Tomas Pekhart nahm dafür zunächst auf der Bank Platz – und sprang vor Aufregung schon in der siebten Minute wieder auf. Sein tschechischer Landsmann Hlousek hätte zu diesem Zeitpunkt nämlich schon für die Nürnberger Führung sorgen können (ja, müssen), als er nach einer scharfen Hereingabe von Timothy Chandler den Ball aus vollem Lauf aus kurzer Distanz nur an die Querlatte hämmerte. Glück für Stuttgart – wie auch nur eine Minute später: Dieses Mal bediente Chandler Markus Feulner, der mit einem Lupfer VfB-Keeper Sven Ulreich überlistete und vom Torjubel nur abgehalten wurde, weil Julian Schieber (–> ausgerechnet) aufgepasst hatte und dort mit dem Kopf das Gegentor verhinderte, wo er als Stürmer eigentlich gar nichts zu suchen hat.
Die Gastgeber brauchten geschlagene zwanzig Minuten, ehe sie überhaupt ihren ersten Torschuss in Richtung FCN-Kasten abgaben und zeigten auch sonst in der ersten Halbzeit nicht ansatzweise, warum sie in der Tabelle vor dem Club stehen. Daniel Didavi wurde von Feulner kurz vor der Halbzeit noch einmal bestens in Szene gesetzt, scheiterte jedoch in der 43. Minute an einem Reflex von Torhüter Ulreich, so dass es mit einem torlosen Unentschieden in die Kabinen ging. Der Club hatte bis dahin eine seiner besten Leistungen der Saison gezeigt und dem gemeinen Clubfan schwante zu diesem Zeitpunkt schon so etwas wie die Befürchtung, dass der starken Halbzeit nun die schwache Halbzeit folgen würde.
Doch es kam anders. Der FCN trat auch im zweiten Durchgang selbstbewusst auf und wusste sich gegen stärker werdende Stuttgarter gut zu wehren. Und ähnlich wie der Fußballgott nahm sich auch Schiedsrichter Christian Dingert an diesem Sonntag noch seine Auszeit. In der 56. Minute grätschte Georg Niedermeier im eigenen Strafraum Esswein einfach um, wurde vom Pfeifenmann jedoch nicht mit dem fälligen Strafstoßpfiff bestraft. Aber als Clubfan regt man sich ja fast schon gar nicht mehr auf, wenn die vom DFB eingesetzten Herren mal wieder Tomaten auf den Augen haben. Es gab also Eckball, den Hlousek in die Mitte flankte und Timmy Simons schließlich mit dem Kopf ans Außennetz setzte. Auf der anderen Seite musste Raphael Schäfer noch in der selben Minute gegen Martin Harnik das erste Mal wirklich eingreifen, war jedoch mit dem Fuß im richtigen Moment zur Stelle.
Für Alexander Esswein war das Spiel an seinem 22. Geburtstag dann nach 70 Minuten beendet. Der Youngster zog sich im Zweikampf mit Maza einen Anriss des Innenbandes im Knie zu und wird dem Club in den nächsten vier bis fünf Wochen fehlen. Für Esswein kam Albert Bunjaku, doch die richtige Durchschlagskraft fehlte bei den Gästen inzwischen. Das Team von Dieter Hecking hatte Kraft gelassen und begann sich nach und nach mit dem Gedanken anzufreunden, dass ein Punkt in Stuttgart besser ist als kein Punkt in Stuttgart.
Dass es dann doch Letzteres wurde, hat der FCN einem Ex-Spieler aus den eigenen Reihen zu verdanken. Cacau (–> ausgerechnet) erkämpfte sich in der 78. Minute im Mittelfeld den Ball, sprintete nach Pass auf Tamas Hajnal in die Sturmspitze und wurde prompt wieder angespielt. Aus kurzer Distanz hatte dann nicht einmal der Krisen-Brasilianer große Mühe, den Ball an Schäfer zum 1:0 einzuschieben und das Spiel damit endgültig zu einer Partie zu machen, über die man als Clubfan am liebsten gar nicht mehr sprechen will. Die alte Fußballer-Weisheit hat mal wieder mit dem Holzhammer auf den Club eingehauen: Wenn Du keine Tore machst, kannst Du ein Spiel nicht gewinnen! Ärgerlich, wenn dies letztlich der einzige Vorwurf ist, der man der Mannschaft machen könnte, ihn aber unausgesprochen lässt, weil man weiß, dass die Männer in den rot-schwarzen Trikots den Ball ja nicht absichtlich am Tor vorbei hauen.
Nichtsdestotrotz kommt nun auch die andere Fußballer-Weisheit wieder zum Vorschein, nämlich die mit dem Ergebnissport. Für schöne Spiele kann man sich nichts kaufen und da inzwischen auch Freiburg, Augsburg und sogar die Hertha aus Berlin begriffen haben, dass man die Spielklasse am einfachsten hält, indem man punktet, gilt der besorgte Blick aller Clubfans nun also wieder dem Tabellenende. Vier mickrige Punkte sind als Vorsprung auf den Relegationsplatz geblieben. In den nächsten beiden Heimspielen kommen zunächst die Bauern aus München und danach der FC Schalke – sichere Punktelieferanten sehen anders aus. Und auswärts geht es an Ostern zunächst zum SC Freiburg und eine Woche später auf den Betzenberg zum 1.FC Kaiserslautern. Die Saison biegt auf ihre Zielgerade und für den FCN stehen mal wieder Wochen der Wahrheit auf dem Programm. Nun könnte man natürlich sagen, dass die Mannschaft von Dieter Hecking vor allem in den beiden Auswärtsspielen eigentlich nur die Leistung des Stuttgart-Spiels abrufen muss, gleichzeitig vorne mal treffen sollte und dann wird das schon mit den noch nötigen Punktgewinnen. Doch leider hat das junge Team bisher zu oft in der Saison gezeigt, dass es nur selten dazu in der Lage ist, zwei oder gar drei Mal am Stück mit guter Leistung aufzuwarten. In den vergangenen 27 Spielen war es stets so, dass man sich zum Anpfiff gefragt hat, welches Gesicht die Wundertüte FCN in den nächsten 90 Minuten zeigen wird. Wichtig wäre, wenn die Wundertüte vor allem in den kommenden Auswärtsspielen bei den direkten Konkurrenten die so dringend nötigen Punkte enthielte. Doch allein auf die beiden Partien im Südwesten Deutschlands zu hoffen, wäre auch nicht richtig. Dazu sind Siege im Derby gegen den FC Bayern einfach zu schön…