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DER DISORDER – Der Clubspielberichtkommentar

Fußball-Bundesliga 2011/2012, 25. Spieltag
[Samstag, 10.03.2012] FSV Mainz 05 – 1.FC Nürnberg 2:1 (2:0)

Der 1. FC Nürnberg ist auf dem Weg nach Europa falsch abgebogen und zeigte beim FSV Mainz 05 eindrucksvoll, dass man doch noch verlieren kann. Die Gastgeber nutzten dabei den Vorteil ihrer neuen Feld-und-Wiesen-Arena und erzielten das 1:0 bereits zu einem Zeitpunkt, als die Clubspieler zumindest gedanklich noch in den Stadionkatakomben umherirrten und den Weg in Richtung Spielfeld suchten.
Anders ist es nicht zu erklären, dass nur etwa eine Minute nach dem ersten Pfostenschuss des Spiels, der Ball nach 90 Spielsekunden bereits zum zweiten Mal ans Gebälk klatschte und nur einen Schreckatemzug später zum 1:0 im Nürnberger Tornetz zappelte. Das Kunststück, den Ball innerhalb von 60 Sekunden gleich zwei Mal ans Aluminium zu ballern, gelang ausgerechnet Ex-Clubberer Eric Maxim Choupo-Moting. Nicolai Müller machte es dann besser (oder je nach Standpunkt schlechter), als er zum 1:0 abstaubte. FSV-Trainer Thomas Tuchel hatte bereits im Laufe der Woche angekündigt, dass seine Mannschaft von der ersten Sekunde mit Leidenschaft spielen würde – welch Überraschung also, dass die Rheinhessen, die allgemein als Frühstarter in eine Partie gelten, dies dann auch in die Tat umsetzten. Und wer die Ironie findet, kann sie behalten.
Durch das frühe Tor entwickelte sich in der Coface-Arena (was man tatsachlich Kofatz-Arena ausspricht) ein Spiel, dass man als Clubfan auf keinen Fall sehen wollte. Mainz kombinierte mit der Sicherheit der frühen Führung im Rücken und die Clubspieler schoben sich ängstlich wie ein Absteiger gegenseitig die Kugel und damit die Verwantwortung zu. Von Spielaufbau konnte bei den Franken zu diesem Zeitpunkt keine Rede sein und im Gästeblock gab es nicht wenige Fans, die der Mannschaft dazu gratulieren wollten, wie schnell sie ihr Selbstbewusstsein von drei Siegen in Folge abgebaut hatte.
Mainz 05 bedankte sich für diese Zurückhaltung seitens des Clubs mit dem 2:0. Mohamed Zidan stand in der 22. Minute auf halblinker Position, um einen Freistoß in den Nürnberger Strafraum zu treten. Fünf Treffer in fünf Spielen hatte der 150.000-Euro-Einkauf seit seinem Wechsel aus Dortmund erzielt und wahrscheinlich war es die Ehrfurcht vor dieser Leistung, die die Nürnberger Abwehrspieler nun dazu veranlasste, dem von Zidan geschlagenen Ball einfach mal tatenlos auf seiner Flugbahn zuzusehen. Am Ende klatschte das Spielgerät – wie sollte es anders sein? – an den Pfosten, von dort dieses Mal jedoch direkt ins Tor. Raphael Schäfer bemühte zwar noch seine schauspielerischen Fähigkeiten und setzte zu so etwas wie einem finalen Rettungshechtsprung an, doch als er die Handschuhe an den Ball bekam, war dieser bereits eindeutig hinter der Linie.
Für jedes erzielte Tor schaltete Mainz nun einen Gang zurück – was jedoch nicht bedeutete, dass der Club auch nur im Zehntelbereich die Schlagzahl erhöhte. Im Gegenteil: Bis zur Halbzeit passierte auf dem grünen Rasen rein gar nichts Nennenswertes mehr – und auch nach dem Seitenwechsel konnte man schnell den Eindruck gewinnen, beide Mannschaften hätten sich vor allem auf ein Ziel geeinigt: Die rund 34.000 Zuschauer im ausverkauften Stadion einzuschläfern. Mainz wollte nicht mehr und der Club fand keine geeigneten Mittel, die tief stehenden Hausherren auch nur ansatzweise in Gefahr zu bringen.
Es musste also in der 64. Minute ein reines Zufallsprodukt her, um dem todsterbenslangweiligem Spiel wieder Leben einzuhauchen. Der eingewechselte Daniel Didavi wusste rund 25 Meter vor dem Tor mal wieder nicht, wohin mit dem Ball und so entschied er sich – wie so oft – fürs Draufhalten. Und offensichtlich hatte 05-Verteidiger Jan Kirchhoff bei den vorherigen Schussversuchen Didavis nicht so recht hingeschaut. Hätte er nämlich, wäre ihm wahrscheinlich bewusst gewesen, dass Schussversuche von Didavi mit großer Zuverlässigkeit irgendwo zwischen Stadiondach und Eckfahne landeten. Und hätte Kirchhoff dies gewusst, er hätte es mit Sicherheit vermieden, den Schussversuch von Didavi abwehren zu wollen. Und hätte er es vermieden, hätte er den Ball auch nicht unhaltbar für den eigenen Keeper abgefälscht, dem Club damit zum Anschlusstreffer verholfen und das Spiel plötzlich wieder spannend gemacht. So hatte der FCN nun aus null Torchancen ein Tor gemacht und witterte jetzt in der Tat Morgenluft. Den Mainzern schien diese nämlich inzwischen ausgegangen zu sein, denn nach vorne ging für das Tuchel-Team inzwischen gar nichts mehr – zumal der Tuchel sein Team mit der Herausnahme von Zidan noch unnötig schwächte.
So rannte der Club nun also dem einen, rettenden Tor hinterher – rannte den ersten 60 Minuten des Spiels hinterher, die man ohne ersichtlichen Grund einfach hergeschenkt hatte. Alexander Esswein nahm immer wieder neue Anläufe, Albert Bunjaku mühte sich redlich und hatte kurz vor Schluss die größte Chance, als er nur um Haaresbreite an den vielen Mainzer Abwehrbeinen scheiterte.
Kämpferisch hat die Einstellung in der letzten halben Stunde auf Clubseite gestimmt und wer nach 55 Minuten gesagt hätte, dass es am Ende doch noch so spannend werden würde, hätte wahrscheinlich nur ein müdes Lächeln geerntet. So aber stürmte der Club unermüdlich, machte gleichzeitig nach hinten auf und Mainz konterte noch einmal: Mit dem Resultat, dass sich Adam Szalai in der 84. Minute wegen einer trottelig-doofen Schwalbe noch die gelb-rote Karte abholte. Am Schluss stürmte dann sogar Raphael Schäfer noch mit und konnte nur mit einem Sprint und anschließender Blutgrätsche verhindern, dass Andreas Ivanschitz noch zum 3:1 trifft.
Der Club hat allerdings auch nicht mehr getroffen und so stand am Ende dann nach vier Spielen mal wieder eine Niederlage. Den Fortschritten der letzten drei Wochen folgte nun also dann mal wieder ein Rückschritt – oder zumindest Stillstand. Ein echter Beinbruch war die Niederlage bei aller Ärgerlichkeit nämlich nicht. Man steht weiterhin auf Platz neun der Tabelle, die Abstiegskandidaten machen mit ihren torlosen Unentschieden auch nur kleine Schritte und mit einem Heimsieg nächste Woche gegen Wolfsburg strahlt der Himmel dann auch wieder in rot-schwarz.