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DER DISORDER – Der Clubspielberichtkommentar

Fußball-Bundesliga 2011/2012, 16. Spieltag
[Samstag, 10.12.2011] 1.FC Nürnberg – TSG Hoffenheim 0:2 (0:1)

Es gibt Tage, die möchte man als Clubfan ganz schnell vergessen. Oder noch besser: Man möchte sie gar nicht erst erlebt haben. Und auch, wenn der Autor dieser Zeilen normalerweise eigentlich eher zu den Menschen gehört, die die Dinge positiv sehen: Das, was er sich da während der neunzig Minuten gegen die TSG Hoffenheim angucken musste, hat ihm dann doch mehrmals und immer wieder die Sprache verschlagen. Leblos, überfordert, schlaff oder untauglich waren so einige Wörter, die ihm durch den Kopf gingen – indes, sie drückten noch nicht einmal annähernd das aus, was dort auf dem grünen Rasen passierte.
Mit entsetzt-aufgerissenen Augen saßen die Clubberer 04 Berlin eineinhalb Stunden im Max und Marek und mussten mit ansehen, wie die Männer in den rot-schwarzen Trikots einem Gegner hinterher liefen, der in den letzten neun Partien gerade ein einziges Mal dreifach gepunktet hatte. Egal, was die Mannschaft von Trainer Dieter Hecking auch anstellte: Die Söldner aus dem Kraichgau waren schon da und lachten sich vor lauter Harmlosigkeit des Gegners heimlich ins Fäustchen. Und das, obwohl die Gäste noch nicht einmal gut waren. Im Gegenteil: Anfangs schien es, als wollten sich die beiden verunsicherten Teams in ihrer Ungefährlichkeit gegenseitig übertrumpfen. Hier mal ein Eckball in Richtung Tor, dort mal ein Freistoß – aus dem Spiel ging bei beiden Mannschaft nichts bis gar nichts.
Umso blöder, dass sich auch Schiedsrichter Dr. Jochen Drees dem Niveau der Partie immer mehr anpasste. Denn als beide Teams merkten, dass sie spielerisch an diesem Nachmittag auf keinen grünen Zweig kommen würden, nahmen die Nicklichkeiten auf beiden Seiten zu – ohne dass Drees ein Mittel fand, diese zu unterbinden. Vedad Ibisevic übertrieb es in der 39. Minute dann, als er Philipp Wollscheid im Mittelkreis bei einem Kopfballduell den Ellenbogen in den Hals rammte. Wollscheid blieb liegen, Ibisevic passte auf die linke Außenbahn, bekam den Ball per Flanke von Fabian Johnson zurück und freute sich im Angriffszentrum über die durch den Ellenbogenschlag gewonnene Freiheit. Kopfball, Tor! Hoffenheim führte 1:0 und Dr. Jochen Drees wurde nicht einmal rot. Im Gegenteil: Statt sich zu schämen und die entsprechende Gesichtsfarbe anzunehmen, zeigte er nur vier Minuten später lieber die Karte mit der roten Farbe. Timothy Chandler hatte Sejad Salihovic im Mittelfeld in der 43. Minute sowas von unnötig von den Beinen geholt, dass man außer tiefstem Frust keinerlei Erklärung für das Foul finden konnte. Timothy, wenn schon foulen, dann doch so wie der Herr Ibisevic…
Das verlorene Spiel letztlich jedoch genau an diesen beiden Situationen fest zu machen, wäre übertrieben… und trotzdem auch irgendwie zutreffend. Denn wer nun von Clubseite auf eine Art Reaktion wartete, hätte die Zeit besser mit einer anderen Beschäftigung verbracht. Statt auf einen eigenen Treffer zu drängen, war die Mannschaft von Dieter Hecking direkt nach dem Seitenwechsel zunächst damit beschäftigt, einen weiteren Hoffenheimer Treffer zu verhindern. Isaac Vorsah in der 50. Minute, Ibisevic in der 52. Minute und schließlich Roberto Firminho in der 53. Minute hätten durchaus die Gelegenheit gehabt, vergaben jedoch. Und als ob das Alles noch nicht schlimm genug gewesen wäre, dauerte es dann letztlich nur bis zur 56. Minute, ehe der Ball zum zweiten Mal im Nürnberger Tornetz zappelte. Der Treffer von Ibisevic war fast eine 1:1-Kopie des ersten Treffers. Johnson flankte und in der Mitte vollendete der Bosnier – dieses Mal jedoch mit dem Fuß.
Spätestens jetzt war die Partie gegessen. Hoffenheim hatte sich das zu Beginn fehlende Selbstbewusstsein durch die beiden Treffer nun erarbeitet und ließ Ball und Gegner fast nach Belieben laufen. Ibisevic hatte nach einer guten Stunde sogar noch die Gelegenheit, seinen dritten Treffer zu erzielen, ließ nach einem Missverständnis von Raphael Schäfer und Philipp Wollscheid jedoch Gnade vor Recht ergehen. Marvin Plattenhardt konnte schließlich klären. In der 67. Minute schließlich konnte Schäfer mit Hilfe des Pfostens gerade noch klären, was Salihovic im Nürnberger Strafraum angerichtet hatte.
Und der Club? Tja, nichts! In der 70. Minute ein kurzer Aufschrei, als Tomas Pekhart den Ball plötzlich im Hoffenheimer Tor untergebracht hatte – da der Tscheche jedoch im Abseits gestanden hatte, verstummte der Jubel genauso plötzlich, wie er gekommen war. Chronistenpflicht bleibt da noch der Platzverweis von Marvin Compper in der Nachspielzeit, als dieser als letzter Mann den gestarteten Pekhart umgerissen hatte. Wahrscheinlich hatte der Ex-Nationalspieler das Spiel zuvor nicht aufmerksam genug verfolgt, sonst hätte er Pekhart mit Sicherheit einfach rennen lassen – in der Gewissheit, dass dieser den Ball sowieso nicht im Tor unterbringen würde.
Am Ende stand eine verdiente 0:2-Niederlage, die bei ein wenig mehr Konzentration auf Hoffenheimer Seite durchaus höher hätte ausfallen können. Der Club ist nun wieder dort angelangt, wo er vor zwei Jahren schon einmal stand. Wer die Mannschaft des 1.FC Nürnberg am Samstag gesehen hat, fragt sich, wo dieses Team die 15 Punkte her hat, die es bisher auf dem Konto stehen hat. Vor allem fragt er sich jedoch, wo und gegen wen diese Mannschaft im weiteren Verlauf der Saison noch Punkte holen will, um dem Abstieg letztlich zu entgehen. In der Form von Samstag jedenfalls wird es selbst im Derby schwer bis unmöglich, die nächste Runde im Pokal zu erreichen. Verletzungssorgen hin, Pech mit Schiedsrichterentscheidungen her – es muss etwas passieren. Und natürlich haben die noch verbliebenen 35.000 Zuschauer, die sich auch am Samstag wieder der Qual eines Fußballspiels ihres Lieblingsteams ergeben haben, auch alle ihre ganz eigene Lösung für das Problem parat. Von neuen Spielern in der Winterpause über die Idee, doch einfach mal die U23 spielen zu lassen bis hin zur einfachen Vorfreude auf die Aufstiegsfeier, die dann irgendwann auch wieder folgen wird, war da so ziemlich alles zu hören. Letztlich kann man als Fan des 1.FC Nürnberg nur hoffen, dass mit dem Grottenkick gegen Hoffenheim nun endlich mal der Tiefpunkt erreicht ist und dass die Verantwortlichen wirklich wissen, wie sie die Mannschaft wieder aufbauen. Gerade als Fan des Clubs erwartet man ja eigentlich nie wirklich viel von seiner Mannschaft, doch im Moment hilft eigentlich nur der Blick über den Tellerrand und die Hoffnung, dass sich irgendwo unter den anderen 17 Mannschaften in der Bundesliga drei Teams finden, denen es letztlich noch schlechter geht, als dem Club. Der VfL Wolfsburg wäre da so ein Kandidat. Nach der 1:4-Pleite in Bremen warten dort die Insider eigentlich nur auf den Moment, in dem das auslaufende Trainer-Modell Felix Magath seine Spieler ans Fließband zu VW schickt. Und betrachtet man als Clubfan seine eigene Mine am Montagmorgen auf dem Weg zur Arbeit, kommt fast unwillkürlich der Gedanke auf, dass bei aller Antiquiertheit der Magath’schen Trainingsarbeit eine solche Erdung vielleicht auch unseren Spielern gar nicht mal so sehr schaden würde. Sollen die Jungs doch ruhig mal sehen, mit welcher Laune man sich nach einem derart katastrophalen Wochenende montags zur Arbeit schleppt.