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DER DISORDER – Der Clubspielberichtkommentar

Fußball-Bundesliga 2011/2012, 13. Spieltag
[Samstag, 19.11.2011] FC Schalke 04 – 1.FC Nürnberg 4:0 (2:0)

Seit mehr als 24 Stunden sucht DER DISORDER nun nach den positiven Aspekten des Auftritts vom 1. FC Nürnberg am Samstag auf Schalke. Alle Mannschaftsteile ist er fünf Mal durchgegangen, vom Torhüter über die Abwehr, das Mittelfeld und die Sturmreihe bis hin zum Trainer und seinem Stab. Jeden einzelnen Spieler auf dem Feld und auf der Bank hat er unter die Lupe genommen, hat sich jede einzelne einzelne Minute des Spiels vor dem geistigen Auge noch einmal vergegenwärtigt. Etwas Positives, einen guten Ansatz gar oder auch nur den geringsten Schimmer, der Anlass zur Hoffnung sein könnte, hat DER DISORDER indes nicht gefunden. Stattdessen: Negatives aus allen Betrachtungswinkeln! Hoffnungslosigkeit, Ideenlosigkeit, fehlende Kreativität, geistige Müdigkeit, gar aufkommende Verzweiflung und – wen mag es wundern – jede Menge Frust, sowohl auf Seiten der Verantwortlichen und Mannschaft, als auch auf Seiten der Fans… Der Club steuert nach der 0:4-Klatsche gegen Schalke 04 – man möchte sagen: mal wieder – auf eine turbulente Weihnachtszeit zu.
Mit gerade mal zwölf Punkten aus dreizehn Spielen sieht die so gut begonnene Saison nun doch mehr als deutlich nach Abstiegskampf aus – was auch durch die Tatsache belegt wird, dass der Club nach dem sonntäglichen Heimsieg des HSV in der Tabelle inzwischen auf den Relegationsplatz  abgerutscht ist. Nur Freiburg und Augsburg sind noch schlechter und der Abstand zu den Rängen, auf denen man dann mal wieder etwas ruhiger schlafen könnte, wächst von Wochenende zu Wochenende. Wolfsburg auf Rang zwölf der Tabelle ist inzwischen vier Punkte davon gezogen – kann also schon nicht mehr durch ein einziges Spiel eingeholt werden.
Was dem FCN im November 2011 fehlt, ist ein Erfolgserlebnis. Zugegeben, damit war auf Schalke nicht unbedingt zu rechnen, ist doch den Akteuren auf dem grünen Rasen die Fanfreundschaft zwischen Königsblau und Rot-Schwarz reichlich schnuppe. Doch die Ideenlosigkeit mit der die Mannschaft von Dieter Hecking seit Anfang der Saison ihr Angriffsspiel betreibt, macht jede erspielte Feldüberlegenheit zu einem Muster ohne Wert. Und Feldüberlegenheit hatte der Club durchaus auch auf Schalke. Die Gastgeber standen tief gestaffelt und sahen sich in aller Ruhe an, wie sich die Clubberer bis zum Strafraum gefällig den Ball zuspielten, ohne daraus auch nur das geringste Kapital schlagen zu können. Torchancen hüben wie drüben waren Mangelware – mit dem Unterschied, dass die Königsblauen ihre wenigen Chancen gnadenlos ausnutzten. Einzig der für den wegen eines Trauerfalls in der Familie nicht spielenden Tomas Pekhart ins Spiel gekommene Chrisitan Eigler hatte in der neunten Minute so etwas wie eine Chance für die Gäste. Christian Fuchs und S04-Keeper Lars Unnerstall konnten im eigenen Fünfmeterraum mit gemeinsamen Kräften jedoch vor Eigler klären.
Die Tore für die Knappen fielen dagegen stets nach dem selben Muster. Der Club (sic!) kontrollierte den Ball, machte einen Fehler im Spielaufbau und wurde schließlich von einer präzisen Angriffsmaschinerie in Königsblau überrannt. So geschehen in der 13. Minute, als Lewis Holtby Alexander Baumjohann bediente. Dessen Schuss konnte FCN-Keeper Raphael Schäfer noch parieren, doch gegen den Abstauber von Klaas-Jan Huntelaar aus halblinker Position war „Magneto“ dann machtlos. In der 39. Minute kam der Ball am Strafraumrand nach misslungener Abwehr von Timm Klose etwas glücklich vor die Füße von Rául. Der Spanier ließ sich nicht zwei Mal bitten. In der zweiten Halbzeit nutzten die Schalker einen Konter nach einem Nürnberger Eckball, um in der 66. Minute mit dem 3:0 für klare Verhältnisse zu sorgen. Julian Draxler bediente Huntelaar, der aus halbrechter Position im Strafraum mit ordentlich Wumms abschloss. In der 84. Minute schließlich das 4:0, das Rául durch einen Traumpass auf Holtby einleitete. Dieser umspielte Philipp Wollscheid wie eine Slalomstange und ließ Schäfer aus kurzer Distanz keine Abwehrchance.
Der FCN schenkte das Spiel in Gelsenkirchen ähnlich harmlos her, wie er es Ende Oktober bereits in München getan hatte und ist nun seit acht Spielen ohne Sieg. Wer sich nicht mehr erinnern kann: Den letzten Dreier gab es für Nürnberg am 11. September beim 2:1 in Köln und hätte es nicht einen zu makaberen Beigeschmack, würde der Autor dieser Zeilen an dieser Stelle davon schreiben, dass es doch schon einmal einen 11. September gegeben hat, der die Welt in das Leben davor und das Leben danach eingeteilt hat. Angesichts der Ereignisse, die um das Spiel des Clubs an diesem Samstag passierten, verkneift sich DER DISORDER an dieser Stelle jedoch jeden Kommentar, der die siebte Saisonniederlage des FCN in die Nähe dessen rückt, was im Leben wirklich wichtig ist. Die Diskussionen darüber, ob der Druck auf die Akteure im Boomgeschäft Fußball zu groß ist, wird uns in dieser Woche durch die Sportteile sämtlicher Zeitungen begleiten. Eine endgültige Antwort darauf wird sich – wie bei allen Diskussionen, in denen Individuen verallgemeinert werden – nicht finden. Für den Ein oder Anderen ist der Druck im Business Fußball mit Sicherheit nahe am Erträglichen. Wieder Andere werden den Druck als nicht sonderlich groß empfinden, weil sie einfach die Gelegenheit haben, dem vielleicht schönsten Beruf dieser Welt nachzugehen und dafür auch noch fürstlich entlohnt zu werden. Glaubt man den Meldungen aus dem Umfeld von Babak Rafati, zählte sich auch der Schiedsrichter durchaus zu der Gruppe der Menschen, die in erster Linie Spaß an ihrer Aufgabe haben. Welche Gründe es für den Unparteiischen nun gab, sich in einem Kölner Hotel die Pulsadern aufzuschneiden, wird ganz genau nur Babak Rafati selbst wissen. Bei aller Wut, die eine Schiedsrichter-Entscheidung so manches Mal entfachen kann – und da fasst sich DER DISORDER durchaus bewusst auch an die eigene Nase: Ein Mensch, der bereit ist, das Wertvollste, was er besitzt – nämlich sein eigenes Leben – zu beenden, hat schwere Probleme und ist zutiefst verzweifelt. Für diesen Menschen sind Werte und Regeln durcheinander gekommen, die das Leben lebenswert machen und egal, ob dieser Mensch ein Schiedsrichter ist, ein Fußballer der eigenen oder gegnerischen Mannschaft oder einfach nur der eigene Nachbar oder ein Gesicht von vielen in der S-Bahn: So lange wir selbst uns rühmen, in einer freiheitlichen, menschlichen Gesellschaft zu leben, so lange sind wir verpflichtet, dem verzweifelten Menschen zu helfen, die Dinge wieder mit dem Stellenwert zu sehen, die sie verdienen.
Fußball ist ein Sport und Sport wurde aus dem einen Grund irgendwann erfunden, sich eben nicht mehr auf dem Schlachtfeld im Kampf um Leben und Tod zu messen. Leider haben dies auch einige sogenannte Fußballfans noch immer nicht begriffen und so ist die Tragödie um Babak Rafati nicht die einzige Katastrophe, die im Umfeld des Clubspiels auf Schalke für Entsetzen und lähmende Fassungslosigkeit gesorgt hat. Auf dem Kölner Hauptbahnhof hat eine Schlägerei dazu geführt, dass ein Clubfan vor einen in den Bahnhof einfahrenden Zug gestoßen wurde. Der Anhänger hatte – wenn man davon sprechen will – Glück im Unglück und überlebte. Allerdings mussten die Ärzte im Krankenhaus dem 19-Jährigen einen Arm amputieren. Und natürlich ist in der Presse auch gleich wieder von rivalisierenden Fangruppen – in diesem Fall Nürnberger und Mainzer – die Rede, natürlich fällt das Wort Hooligan und natürlich wird stets betont, dass das Opfer bereits vorher polizeibekannt war – als ob diese Tatsache, die Geschehnisse weniger schlimm macht.
Da wird auf der einen Seite gefragt, ob der Druck auf die Beteiligten zu groß ist und auf der anderen Seite wird jeder kleine Furz eines Bundesliga-Stars zu einer großen Story gemacht, weil nur diese die Auflage steigern und damit das Geschäft am Laufen halten. Ob ein Artikel gut recherchiert ist und die behaupteten Sachlagen der Wahrheit entsprechen, ist dabei völlig egal. Auf die Schlagzeile kommt es an – sie verkaufen das Blatt. Differenzierte Berichterstattung steht da nur im Weg. Deutschland braucht in der Woche Themen, über die es debattieren kann – und ein Schiedsrichter mit aufgeschlitzten Pulsadern ist da genauso willkommen, wie erneute Fanrandale, die einem 19-Jährigen den Arm kosten.
DER DISORDER kann angesichts solcher Geschehnisse nur ungläubig den Kopf schütteln. Wann merken die Leser von BILD, Express und Co., wann merken die Zuschauer von Sport 1 oder Sky endlich, dass sie selbst die Leichen produzieren, die sie letztlich betrauern? Ein Spiel dauert 90 Minuten, sagte einst ein kluger Fußballlehrer. Es wird Zeit, dass wir uns darauf wieder besinnen. Eineinhalb Stunden Spiel auf dem Platz, danach auch gerne mit den besten Kumpels in der Kneipe darüber diskutieren – und sich dann einfach mal fünf Tage wieder auf die wirklich wichtigen Dinge des Lebens konzentrieren, statt den Medien durch ständige Aufmerksamkeit die Möglichkeit zu geben, selbst einen umgefallenen Sack Reis auf einem Paderborner Trainingsplatz nach noch nicht einmal der Hälfte der Saison zu einem untrüglichen Aufstiegszeichen hochzujubeln.
In diesem Sinne schaltet DER DISORDER nun bis nächsten Samstag einfach mal alle Sportkanäle ab, hofft, dass Trainer Dieter Hecking seine Mannschaft in aller Ruhe auf das Spiel gegen Kaiserslautern vorbereiten kann, wünscht sich natürlich am kommenden Samstag drei Punkte im Abstiegskampf und fragt sich bis dahin, warum Fußball nicht einfach nur das sein kann, was die Schalker und Nürnberger Fans in ihrer langen Fanfreundschaft am Samstag mal wieder gezeigt haben: Tolle Stimmung, eine schöne Choreographie und ein Fest ohne schlechte Nachrichten…