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DER DISORDER – Der Clubspielberichtkommentar

Fußball-Bundesliga 2011/2012, 8. Spieltag
[Samstag, 01.10.2011] 1.FC Nürnberg – FSV Mainz 05 3:3 (2:2)

Auch 24 Stunden nach dem Spiel des Clubs gegen den FSV Mainz 05 kratzt sich DER DISORDER noch immer am Kopf und überlegt… Punkt gewonnen oder zwei Punkte verloren? Im Spiel gegen die Rheinhessen zeigte der 1.FC Nürnberg von allem etwas: So war auf der einen Seite der alte, schon fast überwunden geglaubte Depp wieder da, auf der anderen Seite zeigte die Mannschaft von Dieter Hecking nun bereits im zweiten Heimspiel nacheinander, dass man am Ende wenigstens noch einen Punkt erkämpfen kann, in Spielen, die noch vor zwei bis drei Jahren verloren gegangen wären. Eines fehlte unter dem Strich dann allerdings komplett: Die Wiedergutmachung für das Spiel in Mönchengladbach vor Wochenfrist.
Dabei begann das Spiel gegen die Überflieger der letztjährigen Hinrunde im Max-Morlock-Stadion perfekt für den Club. Kurzes Abtasten, den Ball ein wenig in den eigenen Reihen hin und her schieben und dann mit der ersten Chance das erste Tor machen – so beginnen normalerweise Spiele, die man am Ende auch gewinnt. Über die rechte Seite hatte Timothy Chandler in der fünften Minute den Ball nach vorne getrieben und präzise in die Mitte geflankt. Dort gewann Tomas Pekhart das Kopfballduell gegen einen Mainzer Abwehrspieler – der Ball fällt Markus Feulner vor die Füße und der ehemalige Mainzer hat keine Mühe aus kurzer Distanz zur 1:0-Führung einzunetzen. Es ist die alte Geschichte, dass Fußballspieler gegen ihre alten Vereine am liebsten treffen. Und auch am 2:0 eine Viertelstunde später war Feulner entscheidend beteiligt. Chandler erkämpfte sich im Mittelfeld gegen den Ex-F****** Nicolai Müller den Ball, schickte dann Feulner auf rechts. Der wiederum spielte den Ball flach nach innen, wo Robert Mak in der 20. Minute ins lange Eck zum 2:0 traf.
Es schien also alles bestens im Max-Morlock-Stadion. Die Rheinhessen schienen nach zuletzt fünf Spielen ohne Sieg das perfekte Opfer, um die Niederlage in Mönchengladbach vergessen zu machen. Zwar spielte der Club keineswegs überragend, doch zumindest die Chancenauswertung stimmte bis dahin: Zwei Chancen – zwei Tore… und das beim bisher offensiv so ungefährlichen Club. Das 3:0 war doch nur noch eine Frage der Zeit – dachte man. Doch irgendwie hatte Dieter Hecking die Trainingsschwerpunkte der letzten Woche dann scheinbar doch leicht falsch gesetzt. Denn während die bisher eher schwächelnde Offensive plötzlich mit Treffsicherheit glänzte, zeigte das Bollwerk FCN-Abwehr plötzlich ungeahnte Schwächen und Unsicherheiten. Wie aus dem Nichts zappelte der Ball dann in der 32. Minute plötzlich im Nürnberger Tor. Nach einem Freistoß von Andreas Ivanschitz aus dem linken Halbfeld herrschte Verwirrung allenthalben und irgendwo steht Niko Bungert dann frei und köpft die Lederkugel aus kurzer Distanz ein.
„Jetzt nur nicht nervös werden!“, wollte man den Spielern aus dem Berliner Max und Marek nach Nürnberg zurufen. Es half indes leider nicht. Mainz 05 rappelte sich nach und nach wieder auf und mehr und mehr bekam man den Eindruck, der FCN reichte dem am-Boden-liegenden Gegner noch die Hand. In der 42. Minute kommt es zwischen Club-Keeper Alexander Stephan und Innenverteidiger Timm Klose zu einem Missverständnis, dass symptomatisch war für die aufkommende Unsicherheit in der Nürnberger Hintermannschaft. Sowohl Torwart als auch Verteidiger gehen am eigenen Strafraum in Richtung Ball, jeder denkt, der Andere übernimmt die Verantwortung und am Ende spritzt noch ein Mainzer Bein dazwischen. Die Lederkugel rollt in Richtung leeres Tor und in dieser Situation hat der Club noch Glück, dass kein Mainzer nachgerückt war. Kein Glück und dann auch noch Pech hat der Club kurz vor der Halbzeit. Eigentlich hatte man sich in den rot-schwarzen Trikots schon darauf geeinigt, die knappe Führung in die Pause zu retten, als in der 45. Minute nach einem Eckball dann wieder Hühnerhaufen angesagt war. Ex-Clubberer Marcel Risse hatte die Ecke nach innen geschlagen, Nikolce Noveski verlängert auf den zweiten Pfosten zu Maxim Choupo-Moting, der nur wenig Mühe hat, den Ball über die Torlinie zu bringen. Das Thema mit den Spielern, die am liebsten gegen ihre Ex-Vereine treffen, hatten wir ja weiter oben schon.
Nun musste man als Clubfan also hoffen, dass der FCN in der Pause irgendwie wieder in die Spur findet – doch leider war genau das Gegenteil der Fall. Ganze sieben Minuten hat es in der zweiten Halbzeit gedauert, da stand es plötzlich 2:3. Andreas Ivanschitz hatte eine lange Flanke von Marcel Risse völlig freistehend ins Tor geköpft. Da war er also wieder: Der Club, der Depp! Panik machte sich breit, die schöne, frühe Führung – alles dahin! Der Club präsentierte sich als Aufbaugegner für eine Mannschaft, die zuletzt chronisch erfolglos gewesen war. Die Gesichter im Max und Marek in Berlin wurden immer blasser, das Spiel immer schlechter. Auf beiden Seiten ging es inzwischen nur noch ums Zerstören. Chancen wurden auf beiden Seiten zur Mangelware. „Auf geht’s, Nürnberg, kämpfen und siegen“ wirkte wie die Durchhalteparole der Hoffnungslosen und mit zunehmender Spieldauer hatte man immer weniger das Gefühl, dass auf dem grünen Rasen noch Entscheidendes passieren könnte.
Mitten in diese immer mehr zur Gewissheit werdenden Hoffnungslosigkeit, passierte dann jedoch zum Glück das, was in den elenden Jahren der unzähligen Abstiege so oft nicht mehr passiert ist:  Angedeutet hatte es sich in der 80. Minute. Markus Feulner schlenzte einen Freistoß aus gut zwanzig Metern nur haarscharf am Mainzer Tor vorbei und setzte damit ein Zeichen: Jungs, Schlussoffensive! Und nur zwei Minuten später nahm sich Robert Mak auf der rechten Seite ein Herz, sprintete an Freund und Feind vorbei bis an die Grundlinie, passte scharf nach innen, wo Tomas Pekhart nur den Fuß hinzuhalten brauchte, um doch noch auszugleichen. 3:3 – Punkt gerettet, Mund abwischen – konnte man meinen, wenn man die ersten zwanzig Minuten des Spiels aus der eigenen Erinnerung verbannte.
Was blieb, war das seltsame Gefühl, dass an diesem Samstag-Nachmittag mehr drin gewesen wäre und damit die Frage, was nach dem frühen 2:0 mit und in der Mannschaft passiert ist. Das junge Team von Dieter Hecking hat in den letzten eineinhalb Jahren mehr als einmal bewiesen, dass es in der Lage ist, einen Vorsprung über die Zeit zu retten. Das Spiel in Köln ist dafür das beste Beispiel aus der jüngsten Vergangenheit. Was lief gegen Mainz also schief? War man sich mit dem 2:0 im Rücken zu sicher? Bekam die Mannschaft plötzlich Angst vor der eigenen Courage? Oder war ganz einfach Mainz zu stark? War der Druck der Wiedergutmachung nach dem Gladbach-Spiel zu groß bzw. wurde er zu groß, als Mainz zur Aufholjagd bließ? Antworten auf diese Fragen werden dann wohl erst die nächsten Spiele liefern, denn gerade nach diesem Samstag hat DER DISORDER alles andere als das Gefühl genau zu wissen, wo der Club denn nun eigentlich steht. War der Punkt gegen Mainz ein weiterer Punkt gegen den Abstieg? Oder war der Punkt zwei Punkte zu wenig im Kampf um einen Mittelfeldplatz in der Liga? Mit 11 Punkten, drei Siegen, drei Niederlagen und zwei Unentschieden steht der FCN nach einem knappen Viertel der Saison von der Ausbeute ziemlich genau im grauen Nichts zwischen Europapokal und Abstieg – eine Welt, mit der man als abstiegsgeplagter Clubfan sehr gut leben kann. Dass es mit diesen elf Punkten in der Tabelle „nur“ zu Platz elf reicht, ist der Ausgeglichenheit der Liga zwischen Platz zwei und Platz 15 geschuldet. Zum Tabellenvierten aus Dortmund (ja, der Deutsche Meister der letzten Saison) sind es gerade zwei Punkte Rückstand. Zum 1.FC Kaiserslautern auf dem Relegationsplatz sind es indes bereits sechs Punkte Vorsprung.
Zahlenspielereien – mehr kann es zu diesem frühen Zeitpunkt der Saison nicht sein. Wichtiger ist, dass man nach nun drei Spielen ohne Sieg beim Club nicht nervös wird – genauso wenig, wie man vor dem Gladbach-Spiel nach davor drei Spielen ohne Niederlage abgehoben ist. Der FCN der Saison 2010/2011 ist in der Spur – auch, wenn die Spur nicht unbedingt gerade verläuft und noch nicht wirklich zu erkennen ist, wo sie denn enden wird.

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