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DER DISORDER – Der aktuelle Montagskommentar

Spätestens seit dem gestrigen Sonntag so um ca. 17.20 Uhr ist er beim Club nun also endgültig gerissen: Der rote Faden der Glückseligkeit. Die Welle der Euphorie, die einen seit Ende Januar fast mühelos durchs Leben gespült hat, ist abgeebbt. Die Volltrunkenheit an Glückshormonen ist einer wenig erquickenden Nüchternheit gewichen. Der Club ist plötzlich wieder eine Mannschaft, die Spiele auch in der Nachspielzeit noch verlieren kann und die Stimmung der Clubfans glich sich in dieser 92. Minute rapide dem regnerischen Wetter in Köln an. Statt Frühlingsgefühlen herrschte plötzlich Tristesse und vom Europapokal haben am gestrigen Sonntagnachmittag nur die Wenigsten noch gesungen.
Dabei ist bei genauer Betrachtung – und das ist die Ironie an der Geschichte – eigentlich noch gar nichts passiert. Der Club steht weiterhin auf Tabellenplatz sechs, hat den FSV Mainz 05 noch immer in Schlagdistanz und kann vom Hamburger SV nur eingeholt werden, wenn dieser bis zum Ende der Saison mindestens einen Punkt mehr holt als man selbst.  Die rein statistischen Voraussetzungen haben sich am 28. Spieltag nur marginal verschoben. Von Hannover 96 auf Platz drei angefangen bis zum Tabellenneunten aus Hoffenheim hat nur der FC Bayern München am Wochenende sein Spiel gewinnen können. Fast könnte also der Eindruck entstehen, der Kampf um den letzten freien internationalen Platz wird in einer Art Schneckenrennen entschieden. Noch immer ist der Club – auch nach zwei Niederlagen in Folge – viertbestes Team in der Rückrunde und damit im Jahr 2011 gut im Geschäft.
Und dennoch überwiegt im Moment eher das Gefühl, dass man froh sein kann, bereits 42 Punkte auf dem Konto zu haben und damit selbst bei noch so abenteuerlichen Rechenspielen in den letzten sechs Spielen dieser Saison nicht mehr auf einen Abstiegsplatz rutschen kann. Rein rechnerisch fehlen dem Club bis zum endgültigen Klassenerhalt noch ganze vier Punkte – und wenn Wolfsburg und St. Pauli die nächsten beiden Spiele nicht gewinnen, kann der garantierte Klassenerhalt in der Saison 2010/2011 in der Tat bereits am 30. Spieltag gefeiert werden. Allein diese Möglichkeit ist ein Beleg für die außerordentlich gute Saison, die der Club momentan spielt. Den Vertrag mit dem Klassenerhalt ab Spieltag 30 hätte DER DISORDER zu Beginn der Saison jedenfalls ohne Nachzudenken sofort unterschrieben.
Trotzdem bleibt an diesem Punkt der Spielzeit nun die Frage: Wie bringt man diese außergewöhnliche Saison nun zu Ende? Kann man sich über das Erreichte am 34. Spieltag wirklich freuen, wenn es in den verbleibenden Spielen vor allem Niederlagen hagelt? Die Antwort muss und wird heißen: Ja, man kann. Man kann – mit einem gewissen Abstand. Aber will man auch? Muss man? Die Gefahr, dass der Club in den letzten sechs Spielen bis Mai in der Tabelle noch ein wenig nach unten durchgereicht wird, besteht durchaus. Das Derby am kommenden Samstag ist bei aller Vorfreude auf den Heimsieg gegen die Bauern mit Sicherheit kein Selbstläufer. In Kaiserslautern haben in dieser Saison auch schon ganz andere Vereine verloren und die Pfälzer werden bis zum Saisonende um jeden einzelnen Punkt kämpfen. Mainz 05 – das hat gerade das Heimspiel gegen Freiburg an diesem Wochenende gezeigt – tut sich in der Fremde sehr viel leichter als vor heimischem Publikum. Und eine Woche später in Dortmund? Wird sich der BVB die Gelegenheit entgehen lassen, wenn er nach momentanem Stand der Dinge ausgerechnet gegen uns die Deutsche Meisterschaft in Sack und Tüten packen kann?
Die nächsten Wochen werden für den Club mit Sicherheit alles andere als einfach, doch wer in der nächsten Saison im internationalen Geschäft dabei sein will, muss gerade dies als Herausforderung ansehen. Einen Platz in der EuropaLeague zu ergattern ist eben mitunter schwieriger als am Ende der Saison drei andere Vereine in der Tabelle hinter sich zu lassen. Gleichzeitig muss man jedoch auch sehen, dass es gerade in dieser außergewöhnlichen Saison mit Mannschaften wie dem VfL Wolfsburg, dem VfB Stuttgart oder auch Eintracht Frankfurt im Abstiegskampf, so einfach ist, ins internationale Geschäft einzuziehen, wie schon lange nicht mehr. Und genau an diesem Punkt kommen wir dann zum eigentlichen Grund, warum DER DISORDER gestern mit hängendem Kopf aus Köln wieder abgereist ist. Man kann ein Spiel verlieren. Man kann ein Spiel auch auf so unglückliche und brutale Art und Weise verlieren, wie das gestern der Fall war. Was in meinen Augen jedoch nicht geht: Da hat man als Club den Gegner über weite Strecken der zweiten Halbzeit sicher im Griff, lässt den Ball im Stile einer Mannschaft aus dem oberen Tabellendrittel durch die eigenen Reihen laufen und fabriziert dennoch in 90 Minuten nicht eine einzige echte Torchance. Duell auf Augenhöhe – schön und gut. Doch wenn man wirklich in die EuropaLeague will, darf ein 1.FC Köln eben kein Gegner auf Augenhöhe sein. Wenn man wirklich in die EuropaLeague einziehen will, darf man eben mit einem Unentschieden in der Domstadt nicht zufrieden sein – und zwar selbst, wenn die Kölner die letzten zwanzig Heimspiele nacheinander gewonnen hätten.
Was dann letztlich am Ende eines regnerischen Tages in Köln bleibt: Die Anderen machen es – wie oben erwähnt – ja auch nicht besser. Wer in die EuropaLeague will, muss ein Heimspiel gegen den SC Freiburg gewinnen. Und wer in die EuropaLeague will, müsste auch in Hoffenheim drei Punkte holen. Sagen wir also „Danke“ nach Mainz und Hamburg und freuen wir uns, dass das Derby am kommenden Wochenende mal nicht von Abstiegsangst geprägt ist, sondern dazu führen kann, dass der Club genau heute in einer Woche mit gerade sechs Punkten Rückstand auf die geschlagenen Bauern auf einem wunderbaren fünften Tabellenplatz steht. Denn, liebe Mainzer, auch wer in die EuropaLeague will, darf bei einer Mannschaft wie Hannover 96 in dieser außergewöhnlichen Saison durchaus mal verlieren.