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DER DISORDER – Der aktuelle Montagskommentar

Ja, was war das denn nun wieder? Euphorie schön und gut und die letzten erfolgreichen Spiele des Clubs ließen die meisten Clubfans vor dem Spiel gegen St. Pauli nur über die Höhe des Sieges diskutieren. Von einem 3:0 war da oft die Rede, kritische Geister merkten an, dass sie auch mit einem 1:0 oder einem 2:1 ganz zufrieden wären. Von einem ähnlichen Geduldsspiel wie gegen Eintracht Frankfurt war mitunter auch zu hören und davon, dass man beim Club jetzt bloß nicht überheblich werden dürfte, weil das ganz schnell nach hinten los gehen könne. Zweifel am Sieg der Mannschaft von Dieter Hecking gab es am Samstag vor dem Spiel jedoch nicht – und trotzdem lagen 99 Prozent aller Clubfans mit ihren Tipps am Ende hoffnungslos daneben. Mit dem, was in den ersten 17 Minuten im Max-Morlock-Stadion passierte, rechnete dann doch selbst der euphorischste Clubfan nicht. St. Pauli präsentierte sich in der Abwehr wie der viel zitierte Hühnerhaufen und die Clubberer – allen voran Christian Eigler – trafen mit jedem Versuch ins Schwarze. So etwas hatte man dann selbst als langjähriger Clubfan seit vielen Jahren nicht erlebt. „Es gab schön einen vor den Koffer heute.“ Schöner als Pauli-Trainer Holger Stanislawski konnte man es dann auch nicht zusammenfassen. Nach etwas mehr als einer Viertelstunde war das Spiel entschieden und zum ersten Mal überlegte DER DISORDER zumindest spaßeshalber, ob er nicht auch den Halb-Fünf-Zug zurück nach Berlin schon nehmen könnte.
Es ist lange, sehr lange her, dass DER DISORDER nach einem Spiel seines geliebten FCN in so viele freudig erstaunte Gesichter geblickt hat, wie am Samstag. Das Stadion hatte von „Europapokal, Europapokal“ und von „Deutscher Meister wird nur der FCN“ gesungen und ganz ehrlich, Herr Hecking und Deine Mannschaft: Euphoriebremse geht definitiv anders!
Wie soll man denn bitte schön nach einem solchen Spiel nicht von Europa träumen? Wie soll man denn nicht die Hoffnung hegen, dass es am Ende der Saison auch für Platz fünf reichen könnte? Und wie könnte man sich als Clubfan denn nach solch einem Wochenende nicht wünschen, am Ende der Spielzeit plötzlich vor den Bauern in der Tabelle zu stehen?
Wunschdenken eines euphorisierten Clubfans – richtig! Unterstreiche ich sofort. Doch ganz ehrlich: Wieso sollte man eigentlich nicht euphorisiert sein? Wozu ist man denn schließlich Fan? Die Kirche im Dorf zu lassen ist als Fan nicht meine Aufgabe. Dafür sind andere Leute zuständig und die werden vom FCN nicht schlecht dafür bezahlt. Und wenn man als Fan dann merkt, dass der Balanceakt zwischen Wunschdenken und Realität in derart beeindruckender Manier funktioniert, wie das im Moment beim Club der Fall ist, kann man eben als Fan auch gerne mal alle Dämme brechen lassen. Was war da die Woche über nicht alles zu lesen. Zuerst tritt ein Raphael Schäfer ordentlich auf die Bremse, spricht davon, dass eine Europapokalteilnahme für den 1.FC Nürnberg zu frühe käme und dass man sich doch jetzt erst einmal über das bereits Erreichte freuen solle. Und in einem der seltenen Momente des nüchternen Nachdenkens muss man dem Mann dann auch noch Recht geben. Oder ein Dieter Hecking, der am Donnerstag in der Pressekonferenz plötzlich davon spricht, dass er mit der Trainingsleistung der Mannschaft über die Woche gar nicht zufrieden ist. Überspitzt formuliert antwortet DER DISORDER darauf: Wenn dann ein 5:0 wie gegen Pauli die Antwort der Mannschaft darauf ist, dürfen die Jungs von mir aus gerne aufhören zu trainieren.
Bringen wir es doch auf den Punkt: DER DISORDER lässt seiner Euphorie nun freien Lauf, weil er spätestens seit der Antwort der Mannschaft am Samstag weiß, dass da an den entscheidenden Stellen der sportlichen Leitung beim Club Menschen stehen, die Ihr Handwerk verstehen und bei aller Freude der Fans genau wissen, wie fest sie intern die Zügel in der Hand halten müssen, wann sie ein wenig lockern dürfen und wann sie wieder fester anziehen müssen.
Genießen wir als Clubfan also einfach die Zeit. Genießen wir es, dass es in der Mannschaft zu stimmen scheint, genießen wir es, dass Dieter Hecking einen guten Job macht, genießen wir es, dass wir eine Saison erleben dürfen, in die wir als heißer Abstiegskandidat gestartet sind und in der sich das gefürchtete Gespenst schon zehn Spieltage vor Saisonschluss nicht mehr in Nürnberg blicken lässt. Genießen wir es auch, dass wir nach Beendigung des Abstiegskampfes nicht einfach im Nirgendwo der Liga verschwunden sind, sondern emsig weiter Punkte sammeln und uns inzwischen sogar bis auf drei Punkte an die Bauern herangeschlichen haben. Genießen wir es einfach und vertrauen wir der Mannschaft, dass sie ihren Erfolgshunger in aller Unaufgeregheit beibehält und weiterhin jede Chance auf weitere Punkte beim Schopfe packen wird. Denn dieses Vertrauen, findet DER DISORDER, haben sich Dieter Hecking und die Jungs in rot-schwarz spätestens mit dem Kantersieg am Samstag redlich verdient.