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DER DISORDER – Der aktuelle Montagskommentar

Und jetzt alle zusammen: Ordentlich durchpusten und tief Luft holen. Wer hätte gedacht, dass der Club tatsächlich noch überraschen kann? Da spielen die Jungs ein Mal richtig schlecht, lassen sich von den Hopp-Millionären fast an die Wand spielen und was passiert? Christian Eigler kriegt in der 87. Minute den Ball an den Fuß gespielt und macht das Ding auch noch rein. Richtig: Er macht ihn rein! Er schießt nicht daneben, nicht den Torwart an oder klärt gar zum Einwurf… nein, er macht ihn einfach rein und auf einmal hat der Club 19 Punkte.
Ein wenig Galgenhumor und Ironie sei dem DISORDER an dieser Stelle gestattet, denn schließlich war die Leidenszeit vor dem Auswärtspunkt ja lang genug. Immer wieder ganz gut mitgehalten und sich dann mit Standardsituationen selbst um den Lohn der Arbeit gebracht. Das tut nicht nur weh, es wird mit der Zeit auch langweilig. Vor allem, wenn dann – wie in Hoffenheim – das 0:1 wieder durch eine solche Standardsituation fällt. Zugegeben, Standards aus aussichtsreicher Position hatte die Rangnick-Truppe am Samstag mehr als genug. Man denke allein an die beiden Freistöße aus rund 18 Metern in der ersten Halbzeit. Sind sie doch selbst Schuld, die Kommerzkicker, wenn sie die Dinger nicht machen. Und zum Glück hat sich genau diese Weisheit, die bei jeder Fachdiskussion das Phrasenschwein um fünf Euro bereichern würde, am Samstag endlich auch mal für den Club bewahrheitet. Sonst ist schließlich der Club immer der Depp – am vergangenen Spieltag waren es ausnahmsweise, dafür umso eindeutiger, die blau gekleideten Traditionslosfußballer.
Hoffenheim mag die besseren Fußballer in seinen Reihen haben, die Fußballer, die individuell vielleicht ein wenig mehr drauf haben als viele der jungen, talentierten Clubspieler. Die Betonung liegt hier auf dem kleinen Wort „mag“ – denn gezeigt hat die Heimmannschaft dies am Wochenende nur selten. Leidenschaft? Bei der TSG? Fehlanzeige! Die Millionentruppe ist ihrem Job nachgegangen – nicht mehr, nicht weniger. Und sie sind diesem Job am Samstag eben nicht gut genug nachgegangen, haben sich zu sehr darauf verlassen, dass dieses runde Lederding schon noch irgendwann den Weg ins Nürnberger Netz findet. Oder sie haben sich zu sehr darauf verlassen, dass die kleine, süße Torfabrik den Weg ins eigene Netz nicht mehr findet.
Letztlich kann man es drehen und wenden, wie man will. Kommerz gewinnt zum Glück eben nicht immer über Tradition. Können allein reicht nicht, wenn die Leidenschaft fehlt. Und gerade beim traurigen Beispiel des Dietmar-Hopp-Gedächtnisvereins sieht man das eben deutlicher als bei vielen anderen Großkotzen. Wenn die Leidenschaft fehlt, reicht es eben nicht für ganz oben. Wenn auf den Rängen eine Stimmung wie früher bei Robert Lemke und seinem „Was bin ich?“ herrscht, von was bitte schön sollen die Spieler unten auf dem Rasen angespornt werden? Man sitzt als Clubfan im Berliner Bumerang, sieht sich mit seinen Leidensgenossen die Übertragung auf Leinwand an und hört die gesamten neunzig Minuten nur „FCN! Eine Liebe, die ein Leben hält…“. Ganz genau kann sich DER DISORDER sogar an eine Szene in der zweiten Halbzeit erinnern, als im Bumerang allgemeines Gelächter aufkam (obwohl der Club zu diesem Zeitpunkt 0:1 hinten lag): Sagt doch dieser Sky-Reporter tatsächlich etwas von „die Stimmung sei heute aber ausgezeichnet in der Rhein-Neckar-Arena“. Nun gut, wenn sonst Mannschaften wie der VfL Wolfsburg (immerhin Meister von 2010) mit seinen 150 Anhängern anreist…
Versteht mich jetzt bitte nicht falsch: Die Spieler, die sich für eine Vertragsunterschrift bei der TSG Hoffenheim entscheiden, bekommen genug Schmerzensgeld, um die Geisterstimmung im eigenen Stadion ertragen zu können. Und mitunter stärkt es vielleicht sogar die eigenen Nerven, wenn man pro Saison 34 Auswärtsspiele hat. Für den großen Wurf – und das wird immer so bleiben – fehlen Euch, lieber Hoffenheimer, in jede Richtung noch weit mehr als nur die berühmten Millimeter. Denn, wenn man leidenschaftslos im Konzert der Großen mitspielen will, muss man die Schatulle weit mehr öffnen, als Ihr es Euch mit Eurem Dorfverein jemals werdet leisten können. Leidenschaftslos Deutscher Meister werden kann nur ein Verein – und Ihr wisst, von wem ich rede. Tja, und Leidenschaft – geschweige denn Tradition – kann man sich zum Glück nicht kaufen und wird es auch nie können. Früher oder später wird Eure graue Maus wieder in den Niederungen der Liga verschwinden und spätestens nach dem Abstieg in die zweite Liga wird sich in Eurem Dorf keine Kuh mehr in Richtung Containerstadion umdrehen. Der FCN jedoch, wird auch dann noch mit Leidenschaft und lautstarker Unterstützung erfolgreich gegen den Abstieg kämpfen. Und das beruhigt mich ungemein.