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DER DISORDER – Der aktuelle Montagskommentar

Obwohl DER DISORDER in seinem ganzen Leben noch nie länger als ein paar Tage am Stück in Nürnberg war, geschweige denn jemals dort gewohnt hat, kann er sich sehr gut vorstellen, dass es heute in der Frankenmetropole und ihrer Umgebung sehr viele Menschen gegeben hat, die auch am Montag danach noch mit einem Lächeln auf dem Gesicht aufgewacht sind. Der Club auf Tabellenplatz neun, direkt hinter dem Liga-Urgestein Hamburger SV und punktgleich mit dem großen FC Bayern. So  etwas hat es in den dreißig Jahren des Disorderschen Fandaseins vielleicht mal am ersten oder zweiten Spieltag gegeben – aber nach Spieltag zehn? Nach fast einem Drittel der Saison? Selten! Äußerst selten! Und wenn dann scheinbar Jahrzehnte zurück. Und ein Auswärtssieg in Bremen? 1998! Da war DER DISORDER süße 28 Jahre alt.
Beeindruckt hat dabei vor allem die Art und Weise, wie der Club in der Hansestadt den Sieg eingefahren hat. Ein bisschen Glück gehört immer dazu und denkt man allein nur ein gutes Jahr zurück, der Club wäre nach dem frühen 0:1 in der fünften Minute auseinander gebrochen, hätte Gegentor zwei, drei und vier kassiert und wäre ohne Punkte nach Hause gefahren. Wie gesagt, ein wenig Glück gehört immer dazu und/oder eben ein Spieler wie Raphael „Magneto“ Schäfer, der die eigene Mannschaft im Rennen hält. Mike Frantz hat es nach dem Spiel treffend zusammengefasst: „Der beste Spieler auf dem Platz war heute die Mannschaft.“ Denn ja, so sehr es einen Torhüter braucht, der die Mannschaft im Spiel hält, genauso braucht es vorne die Leute, die ihre Tore machen und für Selbstbewusstsein sorgen.
Erste Chance, erster Treffer – das klingt so gar nicht nach Club und doch bewies die Mannschaft in rot-schwarz nur wenige Minuten nach der Pause, was sie im Moment stark macht: Zweite Chance, zweiter Treffer. Führung in Bremen. Und dann eben nicht: Fußballspielen einstellen, mauern und auf den lieben Gott hoffen. Nein, der Club macht weiter, drängt auf die Entscheidung und lässt sich auch nicht verunsichern als zwei vergebene Torchancen die Chancenauswertung von 100 Prozent auf 50 Prozent sinken lassen. Da wird eine Mannschaft, die in der ChampionsLeague spielt, an die Wand gespielt und sarkastisch könnte man sagen: Mit der Art und Weise, wie der Club letztlich das 3:1 gemacht hat, hat man den SV Werder schon fast der Lächerlichkeit Preis gegeben. Wir lassen Euch ein wenig hoffen, ballern lieber erst einmal an den Pfosten, jetzt aber: Nein, Ätsch, wieder nur Latte. Aber wir haben das im Griff… jetzt schießen wir dem Frings noch durch die Beine, lassen ihn die Lederkugel sogar noch abfälschen.
Das mag jetzt großkotzig klingen, doch liebe Leute: Lasst uns doch den Spaß. Es kommen auch wieder andere Zeiten beim Club und wer Fan des Ruhmreichen ist, muss und sollte die Feste eben feiern, wie sie fallen. Da kann dann auch mal ein „Deutscher Meister wird nur der FCN“ von den Rängen klingen oder das gute, alte Europapokal-Lied mit dem Sandstrand aus Teneriffa wieder ausgepackt werden.
Immerhin: So langsam nimmt auch der Rest der Republik den Club wieder wahr. Hatte DER DISORDER noch vor wenigen Wochen hier an selber Stelle geschrieben, dass der Club nur in Ruhe und von allen unbemerkt weiter Punkt für Punkt sammeln soll, schlägt er zwei Tage nach dem Sieg in Bremen heute die Berliner Zeitung auf und muss dort etwas von magischen Dreiecken wie Elber – Bobic – Balakov oder Grafite – Dzeko – Misimovic lesen – und das in einem Artikel über Gündogan, Ekici und Schieber. Und nicht nur das: In der größten Berliner Tageszeitung wird dann auch gleich noch ein magisches Viereck daraus, denn schließlich rennt sich ja auch ein Mike Frantz seit Wochen erfolgreich die Lunge aus dem Hals.
Es könnte also alles so schön sein beim Club – wäre da nur das nächste Spiel des neunmaligen Deutschen Meisters nicht. Dieses Spiel geht nämlich im heimischen Max-Morlock-Stadion gegen den 1.FC Köln. Keine Mannschaft also, die man wie Stuttgart, Schalke, Wolfsburg oder Bremen am Ende der Saison weit oben in der Liga erwartet hätte. Es kommt eine Mannschaft nach Nürnberg, die genau dort steht, wo man den Club nach zehn Spieltagen in etwa auch hätte erwartet können: Im Tabellenkeller, mit einstelliger Punktzahl und weit mehr Niederlagen als Siege und Unentschieden zusammen.
Letztlich ist jedoch genau das das Problem: Der 1.FC Köln ist auch nicht besser als der SC Freiburg – und gegen die Breisgauer gab es bekanntlich die bisher einzige Heimniederlage. Die Domstädter stehen ähnlich mit dem Rücken zur Wand, wie es die Freiburger am zweiten Spieltag nach der Auftaktniederlage im Heimspiel gegen St. Pauli taten. Und die Mannschaft um Lukas Podolski weiß: Geht das Spiel in Nürnberg verloren, ist ein direkter Konkurrent im Abstiegskampf bereits zehn Punkte enteilt. Dass man im Rheinland noch immer weiß, wie man Spiele gewinnt, haben die Geißböcke in ihren letzten beiden Pflichtspielen gezeigt. Nach der Entlassung von Trainer Zvonimir Soldo gewann man im Pokal gegen 1860 München (und das ist mindestens ebenso schwer, wie ein Auswärtssieg beim SV Elversberg) und zuletzt am Samstag gegen den Hamburger SV.
Doch trotz aller Warnungen und Unkenrufe herrscht beim DISORDER nach den Vorstellungen der letzten Wochen ein gewisses Grundvertrauen, dass die jungen Männer von Trainer Dieter Hecking das Spiel gegen die Kölner schon schaukeln werden. Vielleicht nicht so überragend wie in der zweiten Halbzeit in Bremen – eher so knapp, was weiß ich denn, so mit 2:1 oder so. Denn diese Mannschaft in rot-schwarz macht vor allem eines, was in den letzten Jahren stets gefehlt hat: Einen gefestigten Eindruck. Den Eindruck, eine echte Mannschaft zu sein, die sich bei Rückschlägen gegenseitig aus dem Sumpf zieht. Die vorne nachlegt, wenn es hinten nicht ganz dicht ist. Oder eben die hinten dicht hält, wenn es vorne nicht so läuft.
Ob DER DISORDER mit seiner Einschätzung recht behält, wird sich – wie so vieles Leben – erst am kommenden Samstag auf dem grünen Rasen zeigen. Die Mannschaft muss zeigen, ob sie der Prüfung gewachsen ist und nicht nur Spiele in Bremen gewinnen kann, sondern auch große Aufgaben bewältigt. Und wer weiß, wenn der Brocken Köln aus dem Weg geräumt ist, geht ja vielleicht eine Woche später sogar in München was. Schwieriger als gegen Köln wird die Aufgabe bei den favorisierten Bayern jedenfalls nicht.

Ach ja, hier noch der Link zum beschriebenen Artikel in der Berliner Zeitung: Nürnberger Dreieck