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DER DISORDER – Der aktuelle Montagskommentar

Nun, seien wir ehrlich: Auch in dieser Woche gibt es leider wieder nur ein Thema, über das man sprechen kann. Den glücklichen und vielleicht gerade deshalb umso schöneren Sieg einfach nur geniessen? Eigentlich hatte DER DISORDER genau dies vor, sucht seit Samstag Nachmittag nach anderen Themen, nach rein sportlichen Themen, will eigentlich darüber sprechen, dass der Club nach gefühlten zwanzig Jahren endlich mal wieder zwei Spiele hintereinander gewonnen hat…
Die Realität hat mich spätestens heute auf der Arbeit wieder eingeholt. Wie habe ich am Samstag noch getönt: Als Berliner Clubfan ist die Freude doch am größten, wenn man nach einem Clubsieg über Hertha wieder auf Arbeit gehen muss. Das war schon in der Hinrunde so – und eigentlich hatte ich mir das auch heute so vorgestellt. Lange Gesichter von Herthafan-Arbeitskollegen und man selbst mit breitem Grinsen im Gesicht.
Leider musste ich dann heute feststellen, dass sich die Diskussionen an diesem Montag nicht um das eigentliche Spiel vom Samstag drehten, sondern fast ausschließlich um die Vorfälle nach dem Abpfiff. Und wie es gerade bei solchen Themen immer wieder ist: Zwanzig Leute, zwanzig Meinungen. Selbst Kollegen oder Kolleginnen, die sich sonst für einen Sack Reis in China mehr interessieren als für Fußball, machen plötzlich den Mund auf und sind sich sicher, die Patentlösung zur Beendigung der Gewalt auf den Fußballrängen gepachtet zu haben.
Auch auf die Gefahr hin, dass DER DISORDER sich wiederholt: Gewalt hat weder in einem Stadion noch sonst an irgendeinem anderen Ort dieser Welt auch nur die geringste Legitimation. Sie ist ein Ausdruck von Dummheit – von sonst nichts. Sie ist ein Zeichen von mangelnder Intelligenz, von fehlender Fähigkeit, sich einem Problem lösungsorientiert zu nähern. Wer Gewalt sät, wird Gewalt ernten und wenn es erst einmal so weit ist, dass die Gewalt Gegengewalt ausgelöst hat, ist es meist schon zu spät.
Eigentlich war DER DISORDER der Meinung, dass das Schreiben der Fanbeauftragten der Fußball-Bundesligen, welches auf einem kurzfristigen Treffen in Bochum verabschiedet wurde, an alle Vereine und deren Fans gegangen ist. Also auch an die Hertha-Fans. Inzwischen habe ich da so meine Zweifel, denn so dumm kann man eigentlich gar nicht sein, dass man dieses Schreiben gelesen hat und dann trotzdem solch eine Aktion startet, wie am Samstag im Olympiastadion. Letzte Woche erst habe ich noch gefragt: „Was darf ein Verein?“ und den Sinn einer Aktion hinterfragt, Auswärtstickets nur noch mit Personalausweis bestellen zu können. Ganz ehrlich: Der Personalausweis ist spätestens seit Samstag meine geringste Sorge. Vielmehr muss die Frage seit dem eigentlich wunderbaren Sieg bei der Hertha nun doch fast schon heißen: Kriege ich demnächst überhaupt noch Auswärtskarten?
Hört man nämlich solchen Vollpfosten wie einem Jörg Althoff von der BILD-Zeitung zu, dürfen in Zukunft nur Familienväter mitsamt Frau und Kindern ins Stadion. Eine Stimmung wie bei der Nationalelf… wunderbar. Oder es setzt sich ein Rainer Wendt, Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft, mit seinen Forderungen durch. Der will nämlich gleich ganze Bereiche in einem Stadion sperren: „Diese Kurven, wo sich Gewalt hochschaukelt.“ Merken diese Leute eigentlich nicht, was sie mit ihrem Gesülze anrichten? Bei Rainer Wendt ist das Ganze vielleicht sogar noch verständlich. Schließlich muss er von den Fehlern ablenken, die die Polizei am Samstag im Olympiastadion gemacht hat. Er geht sogar soweit, dass er die Ordnungskräfte im Stadion als „personifizerte Überforderung“ bezeichnet. Vielleicht auch mal darüber nachgedacht, Herr Wendt, dass bei einem massiven Einschreiten wahrscheinlich mehr passiert wäre als reiner Sachschaden und vier Leichtverletzte?
Noch einmal und in aller Deutlichkeit: DER DISORDER verurteilt jede Form von Gewalt und zwar selbst, wenn nur eine Trainerbank zu Bruch geht. Trotzdem ist es nicht selten auch genau die Reaktion von Polizei und BILD-Zeitung, die die Gewaltspirale weiter nach oben dreht.
Wenn Fußballfans, die gerne in der Kurve stehen und gerne laut brüllen und ihren letzten Cent für ein Fußballspiel ihrer Mannschaft ausgeben, wenn diese Fans nun aufgrund von falschem Aktionismus und Sippenhaft aus den Stadien vertrieben werden, wird es über kurz oder lang zu Katastrophe kommen. Wer sich prügeln will, findet einen Weg – und wenn nicht im Stadion, dann eben auf irgendwelchen Rastplätzen oder Bahnhöfen. Und auch, wer sich bisher vielleicht nicht prügeln wollte: Wenn er sich in Zukunft nicht mehr beim Fußball durch Schreien, Brüllen und Singen austoben kann, wird er dann ruhig und einsam zu Hause bleiben?
Fußball ist Emotion, Leidenschaft, Herzblut. Und Fußball ist ein Spiegel der Gesellschaft. Wann begreifen die Schönen und Reichen auf den VIP-Tribünen, denen das Spiel scheißegal ist, so lange die Häppchen gut schmecken, eigentlich endlich, dass ihr Verhalten für den jugendlichen Hartz-IV-Empfänger auf der Gegenseite vielleicht auch ein gutes Stück Provokation ist? Wenn in Pusemuckl eine Leuchtrakete hochgeht, darf man nicht die Leute in Hinterkleinschied dafür bestrafen. Und wenn in Berlin eine Trainerbank zerlegt wird, darf man nicht Freiburg die Stehplätze schließen.
Gewalt erzeugt Gegengewalt – und wer Leute aus den Stadien drängt – und sei es in letzter Konsequenz mit Staatsgewalt – muss sich nicht wundern, wenn weniger intelligente Leute irgendwann nicht mehr wissen, wohin mit ihren Aggressionen.