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DER DISORDER – Der aktuelle Dienstagskommentar

Schon die aktuelle Ausgabe des Magazins „11 Freunde“ hat sich eines Liedes der Hamburger Band „Die Sterne“ angenommen und den Titel als Überschrift für die traurige Geschichte von Paul Gascoigne gewählt. Einst ganz oben und für einen Sommer der beste Fußballer der Welt, ist Gascoigne inzwischen ganz unten angekommen – im Drogen- und Alkoholsumpf. Erst diese Woche geisterten wieder Meldungen durch die Presse, dass der Engländer nun für diverse Vergehen im Gefängnis landen würde.
Als ich am Freitag in Mainz auf der Tribüne gestanden habe und den Club angefeuert habe, musste ich zwangsläufig an die Geschichte des Ritters der traurigen Gestalt denken. Immer wieder ging mir der Refrain des Sterne-Liedes durch den Kopf: Was hat Dich bloß so ruiniert?
Wo ist er hin, der Hurra-Fußball aus dem Pokalfinale? Der Kampf, das Beißen, das unbedingte Gewinnenwollen? Was ist passiert, dass in gerade mal etwas mehr als einem Jahr aus gefeierten Pokalhelden armselige Mittelmaß-Zweitliga-Profis wurden?
Der FSV Mainz 05 präsentierte sich keineswegs in unschlagbarer Form. Für jede Mannschaft, die ein wenig gekämpft und ein wenig konzentriert an die Sache gegangen wäre, wären an diesem Abend drei Punkte drin gewesen. Jedenfalls, wenn man der Mannschaft ähnliche Qualitäten attestiert, wie sie dem Club immer wieder bescheinigt werden.
Erst heute musste ich auf der Homepage meines Lieblingsvereins wieder ein Interview lesen, welches mich – wenn es nicht so traurig wäre – zum Schmunzeln gebracht hätte. Was sagt der Herr Klinsmann da? „Die Mannschaft [Anm. des Autors: Klinsmann meint tatsächlich den Club!] hat genügend Potenzial, um sich wieder nach oben zu arbeiten und wir sind absolut auf der Hut für das Spiel am Mittwoch, sie in keinster Weise zu unterschätzen.“
Vielen Dank an die Bauern. Genau das ist es, was wir befürchten. Nach der Klatsche gegen Werder Bremen werden die Kommerzkicker von der Isar höchst konzentriert ans Werk gehen und den Club an die Wand spielen. Jede Niederlage unter einem 0:3 könnte schon fast als Sieg gewertet werden…
Doch was interessiert schon der DFB-Pokal? Eminent wichtig ist es, in der Liga möglichst schnell auf die Beine zu kommen. Sonst ist der Anschlusszug in Richtung erste Liga abgefahren. Freiburg, Mainz und Kaiserslautern legen momentan ein Tempo vor, da muss man halt mal ein wenig rennen und sich anstrengen, um den Zug noch zu erreichen.
Leider habe ich genau diesen Willen zur Anstrengung am Freitag im Stadion am Bruchweg schmerzlich vermissen müssen. Und dabei ist es genau das, was mir Sorgen bereitet. Wenn man es genau betrachtet, hat sich im Gegensatz zur Vorsaison nichts verändert. Der Club wird gelobt, was für eine starke Mannschaft er hat und dass er in der Tabelle weit unter seinen Möglichkeiten steht und dass die Zeit dies schon regeln wird.
Spätestens nach dem Spiel in Mainz fehlt mir nun nicht nur ein wenig der Glaube daran. Denn bringen wir es auf den Punkt: Wer in Wiesbaden nicht gewinnen kann, muss sich über eine Niederlage in Mainz nicht wundern.
Wundern muss man sich eben nur als Clubfan. Aus einst selbstbewussten Pokalsiegern sind binnen 15 Monaten schleichende Anti-Fußballer geworden. Und während bei Paul Gascoigne die Antwort auf die Frage aller Fragen mit den Worten „Drogen und Alkohol“ zumindest oberflächlich relativ leicht zu beantworten ist, steht beim Club weiterhin das große Fragezeichen im Raum: Was hat Dich bloß so ruiniert?